Zeitung Heute : Zwei Berliner haben ihre Herzen und Homepages zusammengelegt

Nora Sobich

Die gemütlichen Plätze in der Wohnung von Enno Peter sind die blaue Couch vor dem altertümlichen Fernseher und der schwarze Chefsessel vor dem Computer. Enno Peter sitzt gern in der ersten Reihe. In der ersten Reihe passieren aufregende Dinge - Internet-Liebesgeschichten mit Happyend. Beim Surfen durch das World Wide Web ist die Germanistik-Studentin Sabrina Ortmann vor zwei Jahren auf Ennos Homepage gestoßen. "Ich habe mich in Ennos E-Mails verliebt", erzählt die Jungautorin lachend. Sie suchte damals nach Projekten für Literatur im Netz und sitzt heute in schmusiger Umarmung mit Enno Peter auf der blauen Couch.

Die beiden haben ihre Herzen und dann ihre Homepages zusammengelegt. Aus der gemeinsamen Begeisterung für elektronische Literatur entstand das interaktive Literatur-Projekt "Das Berliner Zimmer". Der virtuelle Salon soll an die Berliner Salons der zwanziger Jahre erinnern, wo sich Literaten, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler austauschten, auf schwerem Gestühl mit plüschigen Polstern saßen, rauchten, tranken, die Welt für Stunden ins intime Gehäuse ihrer Berliner Miethauszimmer bannten und diskutierten.

Diese Tradition im Internet fortleben zu lassen, klingt so ähnlich wie die Vorstellung, ein Abendessen zu Viert in getrennten Wohnungen über das Telefon zu feiern. "Eigentlich widerspricht die Idee von einem Salon dem Internet total", meint auch Informatiker und Hobbyautor Enno Peter, der seit 1995 Link-Listen zur deutschsprachigen Literatur anbietet. "Das Internet ist global und jeder kann sich daran beteiligen." Dennoch hätte ihr Forum Saloncharakter. Aus der deutschsprachigen Netz-Literatur-Szene, einer Gruppe von circa 200 Leuten, sei eine Community entstanden, die miteinander kommunizieren und sich auch im wirklichen Leben treffen.

Das "Berliner Zimmer" besteht aus unterschiedlichen Rubriken. In der Rubrik "Literatur im Internet" kann man sich durch Links zu elektronischer Literatur und theoretischen Texten zum Geschehen im Netz klicken. In der Rubrik "Berliner Künstler" stellt gerade die Malerin Birgit Helterhoff ihre Landschaftsbilder aus. Im "Forum", einer Art schwarzem Brett, können sich die Besucher austauschen. Autorentreffen werden im "Berliner Zimmer" angekündigt, Literaturagenten gesucht oder Kinder, die für Kinder schreiben. "Bei den Verlagen, die hier Autoren suchen, würde ich vorsichtig sein", rät Sabrina Ortmann. Die seien meistens nicht ganz seriös.

Im "Berliner Zimmer" hat man auch die Möglichkeit, eigene Texte vorzustellen. Vier Mal im Jahr geben die beiden das Online-Magazin "Erosa" heraus. Erotische Literatur sei eine Herausforderung, begründet Enno Peter die Spezialisierung. "Entweder zu schmuddelig oder zu harmlos."

Aus durchschnittlich fünfzig gemailten Texten werden für jede Ausgabe zehn bis 15 Texte ins Netz gestellt. Vorteilhaft ist die Anonymität des Mediums. Anders als bei realen Treffen unbekannter Autoren ist man im Internet geschützt. Keiner weiß, wie man aussieht, riecht, spricht, lacht oder die Ohren verfärbt, wenn einem etwas peinlich ist.

Es fallen auch die klassischen Produktionsprozesse weg. Die Autoren und Autorinnen müssen nicht mühsam einen Verlag suchen, sondern finden schnell und direkt den Weg zum Publikum. "Wie soll ich sonst als Amateurautor so viele Leser erreichen?", fragt Enno Peter, der in Pubertätsjahren mit dem Schreiben angefangen hat.

Die 27-jährige Sabrina Ortmann, die vor zwei Jahren den Weddinger Literaturpreis erhielt, hat unter ihrem eigenen Namen eine Seite eingerichtet, auf der sie Prosa, Lyrik, aber auch wissenschaftliche Hausarbeiten, Online-Artikel und ein Netz-Tagebuch publiziert.

Besucher aus der ganzen Welt landen auf der Website www.berlinerzimmer.de - unter anderem amerikanische, australische und taiwanesische Germanistik-Studenten. Auf den 600 HTML-Seiten, die das Zimmer zur Zeit zählt, gibt es viel zu klicken, zu schauen und zu lesen. "Längere Texte allerdings weniger", sagt Peter. Das Internet eigne sich nicht für dicke Romanschwarten.

Obwohl die beiden Fans des neuen Mediums sind, halten sie sich mit Belobigungen der sogenannten Hypertexte zurück, bei denen man durch das Anklicken bestimmter Links seine eigenen Geschichten gestalten kann. Das Prinzip sei alt. "Schon in der Bibel gab es Querverweise."

Von Literatur im Netz kann keiner leben. Auch das "Berliner Zimmer" ist ein Zuschussprojekt. Um die Grundkosten zu finanzieren, ist das Paar auf Werbung angewiesen, die inmitten des schlichten Web-Designs vom Online-Salon unschön auf dem Bildschirm auftaucht. Aber es macht ihnen Spaß. Rund eine Stunde am Tag widmen Enno Peter und Sabrina Ortmann ihrem Hobby, aktualisieren die Datenbanken, recherchieren, klicken, korrigieren oder schauen in den Statistikserver, der ihnen sagt, wie viele Leute heute den eigenen Text gelesen haben und den Literatursalon im Zeitalter der Bits&Bytes am Leben halten.

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