Zeitung Heute : Zwei Farben Schwarz

Brüder? Von wegen! In Harlems Straßen streiten Afroamerikaner und Einwanderer darüber, wer die richtige Hautfarbe hat. Das Ergebnis könnte selbst die Wahl zum Präsidenten beeinflussen. Erkundungen an einer inneren Grenze Amerikas

Sebastian Moll[New York]

Der Chef ist wütend. „Ich habe manchmal den Eindruck, der weiße Mann hat die in das Viertel eingeschleust, um uns zu unterwandern“, sagt der schwarze Herr und zeigt ein Gebiss von beeindruckender Fäulnis. Der Raum, in dem Walter Giles sitzt, ist düster. Wer das Haus der West Harlem Community Corporation in Manhattan betritt, stolpert über halb gefüllte Kartons und alte FastFood-Packungen. Der süßliche Geruch von Schimmel dünstet aus dem Teppich. Eigentlich hat sich die Organisation zum Ziel gesetzt, die Wohn- und Lebensumstände der Schwarzen in West Harlem zu verbessern. Doch ihr Chef hat für seine Nachbarn keine guten Worte übrig. „Die bleiben doch nur unter sich und tragen nichts zur Gemeinschaft bei“, sagt Giles.

Die Nachbarn des Afroamerikaners sind ebenfalls Schwarze, aber sie sind – anders als er – in Afrika geboren. Das heruntergekommene Ladenbüro der West Harlem Community Corporation liegt an der 116. Straße in Manhattan. Rechts des Büros lädt das „Afrika Kine“, ein geschmackvoll eingerichtetes senegalesisches Restaurant, zu Lamm- und Fischgerichten, gegenüber bietet ein westafrikanisches Café starken Espresso und frische Croissants an. An der Ecke zur Lenox Avenue prangt ein goldenes Zwiebeldach. Es gehört zur Malcolm Shabazz Moschee, dem zentralen Gotteshaus für die Bewohner des Bezirks, die in den vergangenen Jahren aus Afrika eingewandert sind.

Anders als die afroamerikanische Bevölkerung, um die sich die Community Corporation kümmert, stammen die schwarzen Einwanderer nicht von Sklaven ab, welche Schiffe bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts ins Land brachten. Und so wird an der 116. Straße sichtbar, was Amerika gerade überrascht auch auf der nationalen Bühne entdeckt, – dass Afroamerikaner und afrikanische Amerikaner oft wenig mehr als ihre Hautfarbe verbindet. Es ist ein Problem, für das der Präsidentschaftskandidat Barack Obama händeringend nach einer politischen Lösung sucht. Als Sohn eines Kenianers steht Obama unter Druck, dem schwarzen Amerika zu beweisen, dass er auch afroamerikanisch denkt und fühlt.

Am prominentesten sprach im Frühjahr die schwarze Intellektuelle Debra Dickerson in mehreren Artikeln und Fernsehauftritten Obama die Schwärze ab. „Er ist bestenfalls von der Hautfarbe und der DNS her schwarz“, so Dickerson. „Kulturell und politisch ist er es nicht.“ Nur derjenige, dem die Erfahrung von Sklaverei und Unterdrückung in den Knochen stecke, so das Argument, dürfe sich als Repräsentant des schwarzen Amerikas bezeichnen. Afrikanischen Einwanderern wie Obama fehle diese Legitimation.

Nicht, dass Dickerson diese Definition von authentischer Schwärze teilte, doch Dickerson zeichnete die Gefühlslage des schwarzen Amerika auf: „Schwarze Amerikaner sehen sich selbst noch immer durch die Brille der Weißen. Die Geschichte ihrer Unterdrückung ist ihre Identität. Afrikanische Einwanderer haben nicht diesen Ballast. Für sie ist Schwarz nur eine Hautfarbe und keine Ideologie.“

Wer sich auf der 116. Straße umhört lernt schnell, dass die Dinge zwischen den beiden Gruppen nicht zum Besten stehen. Dimitri Blanas etwa ist Student an der auf dem Hügel über West-Harlem thronenden Eliteuniversität Columbia. Er gibt Kindern im senegalischen Kulturzentrum Nachhilfestunden in Englisch und sagt: „Es gibt starke Spannungen in beide Richtungen. Die Afroamerikaner schauen auf die Afrikaner herab. Sie finden sie primitiv, für sie ist ganz Afrika ein Dschungel. Und die Afrikaner, die eine ausgeprägte Arbeitsethik und einen ausgeprägten Familiensinn haben, finden die Afroamerikaner vulgär. Sie hassen die Hip-Hop-Kultur, sie hassen die Drogen, sie hassen die Gewalt.“

Wie allgegenwärtig die Geschichte der Unterdrückung im afroamerikanischen Bewusstsein ist, bekommen Weiße in West-Harlem schon zu spüren, wenn sie dort bloß umhergehen. Vor dem „Brite-Lite“ Friseursalon an der Ecke zum Adam Clayton Powell Boulevard, einem kiezweit bekannten Treffpunkt, sitzen zwei Männer auf Klappstühlen und beobachten Passanten. Die Frage nach dem Zusammenleben mit den afrikanischen Nachbarn beantworten sie mit der Gegenfrage, was sie denn davon hätten, mit einem weißen Reporter zu reden. Ohne Honorar verschwinden die Männer im Laden, lassen den Reporter stehen und verscheuchen ihn nach einer halben Stunde mit einem barschen „ich habe dir nichts zu sagen“ vom Bürgersteig.

Ein paar Häuser weiter, im kargen Ladenbüro der Harlem Heritage Tours, die Touristenrundgänge durch das Viertel anbieten, hat der Reporter ein wenig mehr Glück. Noel Shoemaker, der Besitzer des Betriebs, ein adretter junger Mann, der betont geschäftig tut, bietet ein exakt getimtes Zwei-Minuten-Gespräch an. In diese zwei Minuten packt Shoemaker dann alles, was er schon immer über seine Nachbarn loswerden wollte. „Die Afrikaner sagen, wir wären faul“, erklärt er zornig. „Sie haben keine Ahnung, was wir durchgemacht haben. Wir haben ein Post-Sklaverei-Syndrom, wir sind tief traumatisiert. Man kann nach 400 Jahren nicht erwarten, dass wir von einem Tag auf den nächsten normal funktionieren.“

Nachdem er sich Luft gemacht hat, weist Shoemaker immerhin den Weg zur „Association des Sénégalais d’Amérique.“ In das Ladenbüro hinein geht er jedoch nicht – der Kontakt mit den Männern, die dort um einen langen Tisch herum sitzen und Mittag essen, vermeidet er sorgsam. Ein tiefschwarzer Mann in modischem Outfit steht auf, stellt sich freundlich als Abdoulaye Thiam vor und bittet zum Tee in einem Sessel vor dem Laden. Beim Thema schwarzamerikanische Vorurteile gegen Afrikaner verliert Thiam allerdings rasch seine höfliche Zurückhaltung. „Letztens hat mich eine alte afroamerikanische Frau angesprochen“, erzählt der 50-Jährige, der seit 23 Jahren in den USA lebt und als Bauingenieur arbeitet. „Sie meinte, meine Großeltern hätten ihre Großeltern an die Weißen verkauft. So etwas begegnet einem hier ständig. Die schwarzen Amerikaner sind so verblendet von irgendwelchem Mist, den sie hier eingetrichtert bekommen. Einmal tun sie so, als wären wir alle Affen aus dem Dschungel. Ein anderes mal verklären sie Leute wie Mugabe, der ein brutaler Diktator ist, nur weil er schwarz ist. Die Amerikaner wissen nichts von Afrika. Sie haben das große Problem, dass sie überhaupt nicht mehr wissen, wer sie sind.“

Sie bauschten ihre Rasse auf, weil sie in ihrer Identität verunsichert seien. Damit aber, sagt Thiam, schadeten sich die Afroamerikaner vor allem selbst. „Es geht hier viel zu viel um das Schwarzsein. Sie verstecken sich dahinter und verwenden es als Ausrede, dass sie in Amerika nicht vorankommen. Dabei haben wir es als Neuankömmlinge hier viel schwerer, viele von uns können kein Englisch, wir haben keine Arbeitserlaubnisse. Und doch geht es vielen von uns gut.“

Einen knappen Kilometer nördlich zieht sich quer durch Manhattan die 125. Straße, die Hauptstraße des afroamerikanischen Harlem. Das alte Hotel Teresa, in dem einst Malcolm X sein Büro hatte, dräut wie eine Festung über der Straße. Aus den Boom-Boxes der fliegenden CD- Verkäufer dröhnt lauter Hip-Hop. Ein Geschäft mit den aktuellsten Basketballschuhen reiht sich an das andere, Straßenhändler bieten Biografien von Malcolm X und Martin Luther King an. Dazwischen mischen sich auf dem Bürgersteig jedoch, unauffällig und doch unübersehbar, Tische, an denen westafrikanische Männer in gebatikten Boubou-Gewändern Duftessenzen und Räucherstäbchen verkaufen. In kleinen Läden neben den zahllosen Buden für frittierte Hühnchen drehen afrikanische Frauen kunstvoll „Braids“ – jene oft mit Perlen dekorierten, eng an den Kopf geflochtenen Zöpfe, mit denen sich schwarzamerikanische Mädchen gerne herausputzen. Auch hier, im Zentrum des schwarzen Amerika, ist die afrikanische Präsenz nicht zu übersehen.

An der Ecke zum Adam Clayton Powell Boulevard steht ein monströser Büroturm aus von Autoabgasen verrußtem Waschbeton. Im achten Stock des Verwaltungsgebäudes sitzt Bill Perkins, der Bezirksabgeordnete im New Yorker Staatsparlament. Perkins ist hier im Viertel aufgewachsen und war 25 Jahre lang Stadtverordneter für die Gegend. Anders als viele seiner Wähler, sprüht er vor Begeisterung, wenn man ihn auf die Afrikaner anspricht.

Perkins ist beeindruckt vom Unternehmergeist der Afrikaner. Er wisse noch, sagt er, wie vor 25 Jahren die ersten an der 116. Straße aufgetaucht seien; wie sie mit wilden Taxis erstmals einen Fuhrbetrieb für Harlem eingerichtet hätten, der von der weißen New Yorker Taxiindustrie notorisch geschnitten wird; wie ihre Frauen in den Wohnungen die traditionellen afrikanischen Gerichte für ihre Männer gekocht und daraus über die Zeit florierende Restaurants gemacht haben; und vor allem, wie sie die 116. Straße von einer heruntergekommenen, durch Drogen und Prostitution geprägte Sündenmeile in eine der interessantesten Streifen der Stadt verwandelt hätten.

Barack Obama hält Perkins denn auch trotz seiner afrikanischen Herkunft für einen hervorragenden Kandidaten. Allerdings nicht etwa, weil er Schwarzer ist. Barack Obama sei ein Mann, der die alten Gräben überwinden und die amerikanische Gesellschaft auf ein neues, einigendes Fundament stellen könne.

Es ist Perkins Traum. Ein Traum jedoch, der schnell verblasst, sobald man sich wieder dem Gewimmel der 125. Straße überlässt. Am Abgang zur U-Bahn Station steht ein Mann mit einer islamischen Kopfbedeckung und einem Imambart. Er predigt die Lehre der militanten afroamerikanischen Befreiungsorganisation „Nation of Islam“. „Das ist der Teufel. Der weiße Mann ist der Teufel“, zeigt er auf den weißen Reporter, als der in den U-Bahn Schacht hinabsteigt. Eine Diskussion wäre wohl sinnlos.

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