Zeitung Heute : Zwei für eine Sache

Wiedergewählt: Katrin Göring-Eckardt und Krista Sager – das grüne Erfolgsmodell

Hans Monath[Bad Saarow]

Wimpel flattern, Möwen kreischen, im Hintergrund Kiefernwälder und Windkraftanlagen – das passt gut zur Ökopartei. Die Spätsommersonne scheint durch dunkle Wolken prall auf das weiße Motorschiff „Bad Saarow“, das am Mittwoch durch den Scharmützelsee pflügt. Die Fraktion ist mit ihren zwei Chefinnen Krista Sager und Katrin Göring-Eckardt auf dem Weg zu ihrer Klausurtagung in dem gleichnamigen Kurort in Brandenburg. Die Fraktionschefinnen dürfen sich über das Bild und das politische Signal freuen, das ihre Truppe mitten in der Debatte über Arbeitsmarktreformen abgibt: Alle in einem Boot – und das auf dem Weg zur Wiederwahl der erfolgreichen Fraktionsspitze. Mit großer Mehrheit werden sie am Abend für zwei weitere Jahre an die Spitze der grünen Bundestagsfraktion gewählt. „Es zeigt, dass sich Geschlossenheit auszahlt“, sagte Katrin Göring-Eckardt nach der Wahl.

Ihre Vorgänger Kerstin Müller und Rezzo Schlauch waren meist getrennt zu den Fraktionsklausuren angereist. Die Vertreterin der Parteilinken Müller und der Oberrealo und Joschka-Fischer-Freund Schlauch hatten sich zuletzt gegenseitig das Leben schwer gemacht.

Seitdem sich die Partei jedoch in einem letzten Fundamentalismusreflex Ende 2002 noch einmal weigerte, die strikte Trennung von Amt und Mandat aufzuheben, ist die Bedeutung der Strömungen zurückgegangen. Fritz Kuhn, der als Parteichef damals in den Bundestag eingezogen war, wollte lieber an der Spitze der Partei bleiben statt Fraktionschef zu werden – und scheiterte an der Basis, die ein letztes Stück Identität nicht aufgeben wollte. Kerstin Müller und Rezzo Schlauch wurden als Staatsministerin und Staatssekretär in Joschka Fischers und Wolfgang Clements Ministerien untergebracht. Und zwei Frauen rückten an die Spitze der Abgeordneten, die wenig gemeinsam haben und trotzdem Gemeinsamkeit schaffen. Seither spielt das „kleine Machtquartett“, wie es manche nennen, aus Sager, Göring-Eckardt, Fischer und Parteichef Reinhard Bütikofer bei der Koordinierung von Regierung, Fraktion und Partei eine entscheidende Rolle, manchmal ergänzt durch die Minister Renate Künast und Jürgen Trittin. Fritz Kuhn, der ebenfalls ein Fischer-Vertrauter ist und dessen Ehrgeiz stets neue Herausforderungen sucht, wurde in der Fraktion seither aus dem Umfeld Göring-Eckardts misstrauisch beäugt: Wartet er auf eine Schwäche der Fraktionschefin, um sie abzulösen?

Doch große Schwächen haben sich beide Fraktionschefinnen nicht geleistet, sondern mit leisem Ton und Beharrlichkeit in der Sache dazu beigetragen, dass die Partei mitten in harten sozialen Auseinandersetzungen zulegte und seit Wochen in Umfragen bundesweit über zehn Prozent liegt. Dass die 51-jährige Hamburger Ex-Senatorin mit Erfahrung im K-Gruppen-Umfeld mit der 13 Jahre jüngeren Thüringerin aus der kirchlichen DDR-Opposition ein erfolgreiches Doppel bilden würde, überraschte auch den „heimlichen Parteichef“ Fischer. Der hatte Göring-Eckardt nicht an die Spitze hieven wollen, musste aber erleben, dass die Hamburgerin und die Frau aus dem Osten sich nicht auseinander dividieren ließen.

Auch die Sozialdemokraten merken, dass die beiden Frauen an der Spitze der kleineren Regierungsfraktion für unterschiedliche politische Entwürfe stehen. Nicht umsonst attackierte im Streit um die Last der Reformvermittlung SPD-Fraktionsvize Michael Müller nicht Krista Sager, sondern Göring-Eckardt, die „mit evangelisch-pietistischem Unterton in der Stimme härtere Einschnitte“ fordere. Der Satz ist brisant, weil er nicht nur die persönliche Meinung eines SPD-Linken wiedergibt, sondern eine bis hin zum Kanzler reichende Reserviertheit gegenüber Göring-Eckardt ausdrückt. Auch Schröder rollt die Augen und mault, wenn er nach mehrstündiger Sitzung in einer Verhandlungspause Witze machen will, während Katrin Göring-Eckardt mahnt, jetzt noch die Frage mit den Rentenpunkten zu klären. Dabei lacht die Frau eines Pfarrers und Mutter zweier Söhne auch gerne, nur ist ihr Humor von anderer Art.

Ihr politisches Programm ist es auch. Zwar betont Göring-Eckardt, mit CDU-Chefin Angela Merkel verbinde sie nur die gemeinsame Herkunft aus dem Osten. Doch auch die Sozialdemokraten wissen, dass die hanseatisch-sachliche Krista Sager die Grünen nicht in ein ganz neues Experiment führen wird. Die Frau aus dem Osten aber, die lieber über Werte als über Erbschaftsteuer spricht, regt mit der schwarz-grünen Option die politische Fantasie an.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben