Zeitung Heute : Zwei Kanzler, ein Gedanke

Was Helmut Kohl und Gerhard Schröder nun noch gemeinsam haben

Tissy Bruns Constanze Bullion

Wer zu früh kommt, kann noch schlendern. Eine Viertelstunde vor der Zeit kehrt Gerhard Schröder am Mittwoch an eine alte Wirkungsstätte zurück. 1999 ist er als Bundeskanzler hier eingezogen, in das ehemalige DDR-Staatsratsgebäude, Berlin-Mitte; sein Kabinett tagte ein Stockwerk unter dem Saal, in dem er um 11 Uhr auftreten wird. Der „Bundeskanzler a. D.“ wird Schirmherr von „Gesicht zeigen“, einer Initiative gegen Fremdenfeindlichkeit, die Schröders früherer Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye vor sechs Jahren gegründet hat.

Vier nach elf, Berlin-Tiergarten, Konferenzraum Nummer 7 der Konrad-Adenauer-Stiftung, auch hier geht die Hauptperson langsam. Helmut Kohl ist nicht mehr ganz der Alte, und als er den Raum betritt, da atmet er schwer, macht vorsichtige kleine Schritte und wirkt fast wie festgeschweißt am Boden. Ein junger Mann schiebt seinen Leib in einen Stuhl. Dort bleibt Kohl sitzen, unbeweglich wie eine Statue, vor ihm die Fotografen, hinter ihm das Fotogesicht von seiner Frau Hannelore.

Es ist der Tag der Altkanzler in Berlin. Schröder hat seinen ersten öffentlichen Auftritt seit seinem Rücktritt, Kohl einen seiner recht häufigen, aber seltener werdenden. Und beide sind für Organisationen unterwegs, denen es um die gute Sache geht. Bei Schröder um den Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit, bei Kohl um die von seiner Frau gegründete Stiftung, die sich um Unfallopfer kümmert.

„Älter seid ihr geworden“, ruft Schröder den Journalisten zu. „Gesicht zeigen!“ rufen die Fotografen. Dass es hier nur in zweiter Linie um gute Werke, sondern vor allem um Schröder gehen wird, ist augenzwinkerndes Einverständnis aller Beteiligten. Und Schröder spielt mit. Hier hat er einmal neben Bill Clinton gesessen, als noch die ganz großen Träume geträumt wurden. Hier hat er das Gesicht trainiert, das Regierungschefs aufsetzen müssen, wenn sie so tun müssen, als hörten sie zu. Es zeigt sich zunächst also dieser geübt-reservierte Schröder. Die Augen schätzen ab, wer vor ihm sitzt, als die „Gesicht-zeigen“-Geschäftsführerin ihre Initiative vorstellt. Dann wird der „Herr Bundeskanzler“ aufgerufen, sein Statement ist kurz und korrekt: eine große Ehre, das Werk von Johannes Rau und Paul Spiegel fortsetzen zu dürfen, weltoffenes Deutschland, er wolle gern „ein bisschen mithelfen“.

Heye bestätigt: Schröder habe nach seiner Anfrage nicht lang überlegt. Das sei es ja, was ihn auszeichne: „Zu schnellen Entschlüssen zu kommen, was anderswo hier ja gerade Thema ist“. Schröder ruft dazwischen: „Das ist hier aber nicht das Thema.“ Nur in der SPD, die monatelang gar nicht gut auf ihn zu sprechen war, angesichts einer zaudernden Kanzlerin aber eine aufkommende Sehnsucht verspürt nach ihren „Basta“-Kanzler. Oder in den Umfragen, in denen just an diesem Mittwoch Schröder in puncto Entscheidungsfreudigkeit vor seiner Nachfolgerin liegt.

Schröder verteidigt Heyes umstrittene Äußerung über die „No-go-Areas“ in Brandenburg vor der Weltmeisterschaft. Überhaupt: die WM. Innenpolitische Kommentare will er hier ja nicht abgeben. Deshalb zu den Bush-Demonstrationen nur so viel: gutes Recht in diesem Land. Er allerdings – und hier zeigt er sein breitfröhliches Jungsgesicht – werde natürlich nicht an solchen Demonstrationen teilnehmen. Über Klinsmann, den Schröder immer unterstützt hat, redet er gern und nur Gutes: „Das kann man als eine Konstante in meinen fußballerischen Stellungnahmen festhalten.“ Noch nicht lang her, dass Schröders Mangel an Konstanten öffentlich beklagt wurde.

Schröder nutzt auch die Gelegenheiten, die sich ihm nicht stellen. Im Afrikarat habe es doch Streit über die No-go-Areas gebenen, wird Heye gefragt. „Mein Gott“, antwortet Heye, es gibt in jeder Partei, in jeder Organisation jeden Tag Streit …“ Und wird von einem lachenden Schröder unterbrochen: „Nur in dieser Organisation gibt’s keinen Streit. Basta.“

Wer Journalisten so ordentlich bedient, muss am Ende die gewohnten Frechheiten gegen diese Branche nicht zurückhalten. Zum Zweck öffentlicher Auftritte habe er die Aufgabe nicht übernommen. „Ich brauch ja kein Forum, um Sie zu treffen“, sagt Schröder. „Das kann ich auch anders bewerkstelligen.“ Am Ende noch ein Wort zum Patriotismus. Schröder zitiert Brechts Kinderhymne. Es habe sich gezeigt, dass die jungen Deutschen ihr Land so lieben, „wie die andern ihr’s“. 11 Uhr 30 ist die Vorstellung zu Ende, Schröder: „Vielen Dank für Ihr Kommen.“

13 Minuten zuvor, wieder in Tiergarten bei Kohl. Fünf Jahre ist es her, dass seine Ehefrau sich das Leben nahm, fernab vom Tageslicht und von den Menschen. Nun hat die Hannelore-Kohl-Stiftung zum Gedenktag geladen. Helmut Kohl ist Ehrenvorsitzender, deshalb ist er da. Und weil, wie in der Pressemappe zu lesen ist, die Stiftung immer „eine Herzensangelegenheit“ war, für seine Frau.

Es ist warm geworden im Konferenzraum. Professor Mayer, ein Gründungsmitglied der Stiftung, spricht über Schäden am Zentralen Nervensystem. 300 000 Menschen tragen in Deutschland jedes Jahr bei Unfällen Schädel-Hirn-Verletzungen davon, über die Hälfte von ihnen sind Jugendliche und 45 000 Kleinkinder. Hannelore Kohl hat sich vorbildlich engagiert für diese Patienten, sagt Mayer, sie hat die Forschung vorangebracht und eine neue, computergestützte Therapie. „Das Programm war ihr Lieblingskind“, sagt er, „sie hat es großgezogen und seine Entwicklung bis zuletzt begleitet.“ Helmut Kohl werden die Lider schwer.

Ute-Henriette Ohoven ist die Nachfolgerin von Hannelore Kohl in der Stiftung, eine sehr blonde Dame, die es gelernt hat, Herzen und Geldbeutel zu öffnen. Spenden von einer Million Euro treibt sie im Jahr ein, das ist nicht sehr viel, aber genug, um die Stiftung zu „stabilisieren“. Nach dem Tod von Hannelore Kohl sind die Spenden drastisch eingebrochen, sagt ein Mitarbeiter, jetzt wird das Geld verstärkt für Präventionsarbeit ausgegeben. Ein böser Unfall kann schließlich überall passieren. Auf der Straße, beim Baden oder beim Wickeln. Helmut Kohl schreckt leise hoch. „Im Haushalt“, murmelt er. Dann kämpft er wieder mit dem Schlaf.

Dann, es ist schon 20 vor 11, spricht er. 50 Jahre war er mit seiner Frau Hannelore verheiratet, sagt er, da ist es für ihn „selbstverständlich“, hier teilzunehmen. Kohl erzählt ein bisschen von seiner Zeit als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und davon, wie er gelernt hat, diese Stiftungssache ernst zu nehmen. Ein Journalist will wissen, wieso er eigentlich Ehrenvorsitzender ist. „Das wäre ein Verrat an ihrem Wesen gewesen, wenn ich aufgehört hätte“, sagt Kohl. Er kenne schließlich noch so einige Leute und manchmal geht er auf sie zu und schaut ihnen – spendenhalber – direkt in die Augen, „zumal ich ja eine gewisse Personalerfahrung habe“.

Herr Dr. Kohl, was bedeutet dieser fünfte Todestag Ihrer Frau für Sie? „Das ist eine Frage, die sich nach meiner Ansicht hier nicht stellt.“ Kohl schüttelt den Kopf, zu Recht, murmelt dann aber doch etwas von „Dankbarkeit“ und „Erinnerung des Herzens“. Er lässt sich aus dem Stuhl heraushelfen, streicht die Kleider glatt und geht sehr langsam davon.

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