Zeitung Heute : Zwei Klassiker in Bestform

Der Tagesspiegel

Heute: Klassiker in netter Form. Es gibt viel Neues in der Weinwelt, viel davon kommt in dieser Rubrik vor, aber bisweilen überfällt auch den experimentiersüchtigsten Weinfreak die Lust auf Vertrautes. Dazu gehört ganz sicher der deutsche Riesling, der es in den Augen der Kenner weit gebracht hat, denn hervorragende trockene deutsche Rieslinge gibt es ja überhaupt erst seit etwa 15 Jahren. Die ersten dieser bemerkenswerten Weine kamen nicht aus Rheinhessen, jener Region, die unter den Folgen des Weingesetzes von 1971 wohl am meisten zu leiden hatte. Einst berühmte Lagennamen wie „Niersteiner Domtal“ und „Oppenheimer Krötenbrunnen“ galten plötzlich für halbe Landkreise, und die dort angebauten Weine wurden, klebrig-süß ausgebaut, im Supermarkt verramscht.

Erst Pioniergüter wie Gunderloch und St.Antony legten das verschüttete Potenzial wieder frei und gaben den hervorragenden Einzellagen, die im Domtal und seinen Nachbarn verschwunden waren, neuen Glanz. Diese Lagen befinden sich an der sogenannten „Rheinfront“ zwischen Nackenheim und Oppenheim auf dem „Rotliegenden“, violettrotem Schieferboden, der die Wärme besonders gut speichert - Voraussetzung für herausragende, mineralische Rieslinge, meist edelsüß, längst aber auch trocken. Einer der besten Produzenten ist Peter Braun, der das Weingut Heinrich Braun nach traditionellen Prinzipien führt. Er beharrt auf behutsamem Umgang mit der Natur und auf den althergebrachten großen Holzfässern, die die oft aggressive Säure junger Rieslinge diskret bändigen. Dies gilt auch für den hier vorgestellten 2000er Niersteiner Rosenberg Spätlese trocken, dessen Säure schon besonders schön eingebunden ist, ohne gedämpft zu wirken. Duft nach Apfelkompott und etwas Zimt, die mineralische Note im Abgang - ein typischer Rheinfront-Riesling mit Charakter. Braun hat sogar rasch noch einen Sonderpreis spendiert, und so kostet die Flasche sehr kulante 8,70 Euro in der Neuen Weinwelt in der Lychener Straße 14 in Prenzlauer Berg, einem der vielen ambitionierten Läden in dieser Gegend.

Einen gehobenen Bordeaux gibt es für diesen Preis schon längst nicht mehr. Die drunten in Frankreich aufgerufenen Tarife überschreiten in jedem mindestens mittleren Jahr immer neue Schmerzgrenzen, und im Windschatten der Großen haben längst auch die einfacheren Weine abgehoben, auf deren Etikett nur „Margaux“ oder „St.Emilion“ steht. Doch wer sucht, findet auch hier immer noch hervorragende Qualität zum angemessenen Preis - der alljährlich neu auch auf Deutsch erscheinende „Guide Hachette“ (Hallwag, 29,90 Euro) ist dabei eine große Hilfe. Chateau Haut-Renaissance, ein kleines, wenig bekanntes Weingut in St. Emilion, ist auf hohe Hachette-Auszeichnungen abonniert: Der von uns vorgestellte 1996er trägt den „Coup de Coeur“, die besondere Empfehlung der unabhängigen Verkoster. Der gute Jahrgang 1996 brachte in Bordeaux konzentrierte, lagerfähige Weine, die meist noch längst nicht wirklich trinkreif sind. Doch das gilt vor allem für die Cabernet Sauvignon; in St.Emilion dominiert die Merlot-Rebe, deren Weine sich früher erschließen, und so ist der zu 90 Prozent aus Merlot gekelterte Haut-Renaissance bereits nahezu perfekt, mit weichen Tanninen und gut eingebundenem, nicht vorlautem Barrique-Holz. Im Bukett dominieren rote Früchte und Gewürze, auf der Zunge ist er sanft und doch charaktervoll, und im langen Abgang erschließen sich immer neue Nuancen. Die Flasche kostet 16 Euro 90 bei Vins de France in der Grenzallee 33-35 in Neukölln. Bernd Matthies

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