Zeitung Heute : Zwei Leben in Deutschland - Die ARD-Serie lässt erschöpfte Zuschauer zurück

Mechthild Zschau

Die Gesichter sind schmaler geworden, die Nasen spitzer, die Münder eingefallen. Sie haben eine Menge durchgemacht, die beiden Klemperers, und wir mit ihnen. "Ein Leben in Deutschland"? Nein, zwei. Auch wenn das letzte Bild dem wieder in Amt und Würden eingesetzten Professor gilt, hat nur seine Frau Eva unser Herz erobern können.

Was wäre die Serie ohne Dagmar Manzel gewesen, diese so lebendige wie verschlossene, empfindsame wie kraftvolle Frau, die mit ihrer Ausstrahlung den verblüffend konturlosen Matthias Habich glatt aus dem Zentrum verdrängt? Ein lebloses Konstrukt, zusammengesetzt aus hunderten von Szenchen und Einfällen, mal gut erdachten, mal mühsam lockeren, die sich nicht zum großen Bilderbogen eines Lebens, einer Zeit fügen wollen (und mit dem originalen Klemperer sowieso nichts zu tun haben). Drehbuchautor Peter Steinbach ist kein Meister der Psychologie, er kann keine Figuren entwickeln, die ihren eigenen Gesetzen beharrlich folgen. Er lässt ihnen etwas geschehen, lässt ihnen andere begegnen, die wieder verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen. Immer wieder gelingen ihm wunderbar stimmige Dialoge, und dann hält er sich plötzlich doch wieder an die Vorlage und lässt den Professor seine schriftlichen Formulierungen deklamieren, dass das vergilbte Papier nur so knistert.

Was wäre aus der Serie geworden, wenn der junge Kai Wessels allein sie inszeniert hätte? Der ebenso junge Andreas Kleinert entfacht in der zweiten Hälfte ein ganz anderes Feuer. Keine Spur mehr von albernen Chargenspielern, von mühsam choreographierten Statistenhorden, von aufgehäuften Naziklischees. Stattdessen dunkel glühende Bilder von Gesichtern wie aus alten holländischen Gemälden. Lange Reihen von stummen Impressionen, die mehr erzählen von Todesangst und Überlebenswillen als groß ausgemalte Szenen. Wenn Eva über den Bahnhof hetzt auf der Suche nach Victor und sie die steinernen Gesichter in den Waggons mustert. Das sind Bilder, die nicht mehr loslassen. In Kleinerts Regie, die keineswegs auf das für derlei Themen wohl notwendige große Pathos verzichtet, beginnen die Figuren zu leben, der Schmerz, die Trauer, das Grauen zu greifen - und brauchen nicht mehr die schreckliche Geigen-Cello-Himbeersoße der Musik mit ihren künstlich schmerzverzerrten Sekundreibungen.

Was wäre aus dem Stoff geworden, wenn nicht irgendwelche ARD-Hierarchen der Serien-Größenwahn gepackt hätte? Oder das ökonomische Kalkül: was viel kostet, muss auch viel Sendezeit füllen? Ein komprimierter Drei- oder Vierteiler, jeweils in abendfüllendem Format, ja, das hätte ein Publikums-Erfolg sein können wie "Der Laden". So aber bleiben wir, die wir durchgehalten haben bis zum Und-wenn-sie-nicht-gestorben-sind-Ende, erschöpft und ziemlich unzufrieden zurück.

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