Zeitung Heute : Zwei Millionen Deutsche verbringen den Winter in der Sonne - Tendenz steigend

Tomas Niederberghaus

Wenn Slobodan Radunovic vom Hobza, dem maltesischen Brot, und von Kinnie, dem Ingwergetränk, spricht, bekommt man richtig Appetit. Später erzählt er von der Stadt Mdina, von den St. Agathas Katakomben mit römischen Fresken aus dem 5. Jahrhundert und von den Dinglis Cliffs, den kargen Felsklippen, die 200 Meter ins Meer stürzen. Slobodan Radunovic wäre als Reiseleiter keine Fehlbesetzung. Malta ist ihm jedoch noch fremd. Er hat sich nur gut vorbereitet. Ende November nämlich fliegt der 62-jährige Rentner mit seiner Frau Dusanka für mehrere Wochen auf die Insel.

Die Radunovic gehören zu den jährlich rund zwei Millionen Deutschen, die es den Zugvögeln gleich tun: Sie verlassen die heimatlichen Gefilde, wenn Bodenfrost droht und fliegen zurück, wenn die dunklen, eisigen Tage vorbei sind. Vor Jahren galt das Überwintern in der Sonne als Privileg wohl versorgter Pensionäre, heute locken Veranstalter auch Ruheständler mit schmaleren Bezügen in die sonst leer stehenden Bettenburgen am Mittelmeer. Zu oft erstaunlich niedrigen Preisen. Malta und Mallorca, Tunesien und die Türkei gehören ebenso zu den Zielen wie Portugal und die spanische Costa del Sol. Oft ist der Aufenthalt dort billiger als zu Hause: Türk Tur beispielsweise bietet einen Achtwochen-Trip mit Unterkunft im Vier-Sterne-Hotel Defne Star im Süden der Türkei einschließlich Flug und Halbpension für 2225 Mark (pro Person) an. Das nahezu identische Angebot findet sich bei Großeinkäufer Neckermann für schlappe 2059 Mark. Im Schnitt kostet das Überwintern am Mittelmeer zwischen 25 und 50 Mark täglich.

"Für den Langzeiturlaub ist es besonders wichtig, dass man sich gut vorbereitet", sagt Slobodan Radunovic. Man müsse wissen, was einen erwarte, was an Kultur geboten werde und welche Freizeitmöglichkeiten bestehen. Nichts sei schlimmer, als in seinem 15-Quadratmeter-Zimmer zu sitzen und zwölf Wochen auf den Rückflug zu warten. "Auf Malta kann uns das nicht passieren", meint Radunovic.

Wissen, was einen erwartet

Schwieriger ist es beispielsweise an der türkischen Südküste, die irgendjemand irgendwann Türkische Riviera getauft hat, obwohl es dort im Gegensatz zur französischen und italienischen Riviera keine ganzjährig funktionierende Infrastruktur gibt. Wer zwischen Antalya und Alanya überwintern will, muss wissen, dass er - von sporadischen Ausflügen abgesehen - im Hotel angebunden ist. Der kurze Spaziergang zum Café oder in eine Bar wird wohl ausfallen. Die touristischen, aber auch viele andere Einrichtungen haben Winterpause. Wer die jahreszeitlich bedingte Tristesse in einem dieser gettogleichen "Ferienparadiese" einmal gesehen hat, kann potenzielle Langzeiturlauber nur vor einer Winterdepression warnen. Es wundert nicht, dass der Vertreter eines Reiseveranstalters sagt, die Türkei sei als Ziel für Überwinterer "noch nicht so gefragt".

Damit aus dem Langzeiturlaub keine Dauerenttäuschung wird, splitten inzwischen viele Reisende ihre Touren. "Vier Wochen Malta, vier Wochen Tunesien, das ist der Trend", erklärt Bernd Rimele, Pressesprecher bei der TUI. Das Hannoveraner Touristikunternehmen gilt als Pionier für Überwinterungsprogramme in der Sonne. 1962 bot die TUI unter der Marke Dr. Tigges erstmals entsprechende Angebote für Mallorca an. Neckermann zog 1966 nach.

Inzwischen teilen sich sämtliche Großveranstalter, aber auch kleinere Unternehmen den Markt. Während man bei Neckermann von "stabilem Interesse" spricht, sagt Anette Forré vom Kölner Reiseriesen ITS: "Wir verzeichnen deutliche Zuwächse." Rund 3000 entsprechende Buchungen gingen 1996/97 bei ITS ein, ein Jahr später waren es 6000 und für die laufende Saison zählte das Kölner Unternehmen bereits 5300 Gäste, die Langzeit gebucht haben.

Den Hoteliers kommen die Gäste in den Wintermonaten gerade recht: Sie sichern einen Teil der Fixkosten, bewahren die Häuser vor zeitlichen Schließungen und das Personal vor saisonaler Arbeitslosigkeit - zumindest einen Teil von ihnen. Und wer als Urlauber weiß, was ihn erwartet, freut sich über einen günstigen Preis und schaut zuversichtlich auf den bevorstehenden Winter. Slobodan Radunovic sagt: "Ich werde nichts vermissen, auch kein weißes Weihnachtsfest."

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