Zeitung Heute : Zwei sind keine Mannschaft

Sven Goldmann

Jürgen Klinsmann hat erklärt, er könne sein Konzept mit Sportdirektor Matthias Sammer nicht umsetzen. Gefährdet das die WM-Vorbereitung der deutschen Mannschaft?


Jürgen Klinsmanns Ehrgeiz, die Modernisierung des deutschen Spitzenfußballs zusammen mit Matthias Sammer voranzutreiben, ist begrenzt. „Die Neuausrichtung hätte nur mit Bernhard Peters funktioniert, da er der intellektuelle Kopf des Konzeptes gewesen wäre. Sein Wissen wäre elementar gewesen in der Umsetzung vieler Ideen“, sagt Klinsmann dem Tagesspiegel. Bernhard Peters ist Hockey-Bundestrainer und war Klinsmanns Wunschkandidat als DFB-Sportdirektor. Dieser Posten ist Klinsmanns Erfindung. Vielleicht hätte er Bernhard Peters beim DFB durchgesetzt, hätte nicht Sammer öffentlich seine Bewerbung forciert. Auf die Frage, ob das mit Peters erarbeitete Konzept auch unter Sammer umgesetzt werden könne, antwortet der Bundestrainer kategorisch mit „nein“.

Inhaltlich werden die beiden bis zur WM allerdings wenig miteinander zu tun haben. Der Sportdirektor ist nicht in das Tagesgeschäft der Nationalmannschaft eingebunden. Und doch wird Sammer durch seine bloße Präsenz Unruhe schüren. Die Zeitungen eines großen Verlagshauses, die Klinsmann nicht gerade wohlgesinnt sind, haben jetzt einen Ersatzbundestrainer zur Hand. Sammer arbeitet als Kolumnist für diesen Verlag.

Am Mittwoch hatte der DFB Sammers Berufung beschlossen – und seitdem herrscht Funkstille zwischen Bundestrainer und Sportdirektor. Vielleicht sind die Handynetze überlastet, vielleicht steckt Klinsmann auch im Dauerfunkloch oder Sammer oder beide zusammen. Es hat jedenfalls noch keinen telefonischen Kontakt zwischen beiden gegeben. Das ist seltsam, schließlich ist Jürgen Klinsmann ein Meister der elektronischen Kommunikation. Enge Mitarbeiter bekommen von ihm als Erstes einen fünfstelligen Code, mit dem sie via Internet über ein „Conference Center“ Zugang zur täglichen Lagebesprechung des Führungszirkels erhalten. Offensichtlich hat Sammer noch keinen Code erhalten, und es scheint fraglich, ob sich daran etwas ändern wird.

Am Freitag war Klinsmann schon wieder auf dem Rückflug zu seinem Wohnort in Kalifornien. Über die inhaltlichen Vorstellungen des künftigen Sportdirektors weiß er wenig. Sammer hat bei seiner Bewerbung kein schriftliches Konzept vorgelegt. Zwar sagte er bei seiner offiziellen Vorstellung, seine Fußball-Philosophie decke sich mit der des Bundestrainers. Aber schon kurze Zeit später referierte Sammer über seine Bewunderung des traditionellen deutschen Kraftfußballs. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, wofür Jürgen Klinsmann im vergangenen Sommer beim Confed-Cup gefeiert wurde, als die Nationalmannschaft mit attraktivem Angriffsfußball glänzte. Sammer plauderte bei seiner Vorstellung ironisch über diese Versuche des deutschen Fußballs, modern und mit System spielen zu wollen: „Wir müssen uns daran erinnern, dass wir früher alle niedergeknüppelt haben – und zwar ohne System.“

Jürgen Klinsmann wird die Botschaft verstanden haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass er über die Weltmeisterschaft hinaus Bundestrainer bleibt, ist mit der Berufung des Sportdirektors Matthias Sammer kleiner geworden.

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