Zeitung Heute : Zwei von drei Fehlern werden übersehen - TÜV-Zertifikat in der Diskussion

Nicole Schneider

Endlich war es so weit. Familie Riedel konnte ihr neues Eigenheim am Rande der Marzahner Großsiedlung beziehen. Doch die Freude währte nicht lange. Nach einem Platzregen stand das Wasser im Keller knöchelhoch. Und an den Wänden des Schlafzimmers im Obergeschoss bildeten sich rote, blaue und schwarze Flecken: Schimmel. Ein Gutacher hatte die Ursachen bald ausgemacht. Die bauausführende Firma hatte den Keller mangelhaft abgedichtet, und die Innenräume waren nicht ordnungsgemäß gedämmt. Wären diese Fehler zu vermeiden gewesen? Eine Untersuchung des Technischen Überwachungsvereins (TÜV) lässt Zweifel an der Expertise von Bauleuten aufkommen. Für Bauherrenverbände hält aber auch die neue "TÜV-Plakette" für Bauten nicht, was sie verspricht.

Zu den häufigsten Ursachen von Schäden, die deutsche Wirtschaft und Bauherren jährlich mit Kosten von rund 20 Milliarden Mark belasten, gehören neben Planungsmängeln, Fehler in der Ausführung der Bauaufträge durch Handwerker. Ursache für die nachlassende Qualität der Bauausführung ist der Preiswettbewerb in der Branche. Das beklage der Verband Privater Bauherren (VpB) bereits seit Jahren, so dessen Berliner Chef Wolfgang Queißer. Er sagt: "Ein Großteil der Bauleiter verfügt über keine oder über eine unzureichende Ausbildung für diese Tätigkeit und ist demzufolge nicht in der Lage, Arbeiten an einem Bauwerk auf fachgerechte Ausführung zu beurteilen."

Wie brisant das Thema ist, zeigte sich jüngst auf der Berliner Fachmesse "bautech". Dort überprüfte der TÜV Rheinland / Berlin-Brandenburg die Sachkenntnisse der Besucher mit einem einfachen Mittel. Der TÜV errichtete eine Modellwand an seinem Stand, die gravierende Baumängel aufwies: 15 technische Fehler galt es zu entdecken. Rund 800 Bauspezialisten stellten ihr Wissen auf die Probe. Das Ergebnis war ernüchternd. Zwar entdeckten immerhin 70 Prozent der "Testpersonen" Fehler, doch sie übersahen zwei von drei Mängeln. Die Bilanz verbesserte sich auch kaum im Verlauf des anschließenden, persönlichen Gesprächs mit Sachverständigen des TÜVs. Nur wenige erhöhten ihre "Trefferquote" auf zehn Mängel. Alle 15 Fehler entdeckten lediglich drei Prozent aller Teilnehmer.

"Viele Baumängel sind selbst für Profis erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Das Ergebnis unterstreicht daher, wie extrem wichtig eine externe Qualitätsüberwachung auf dem Bau ist", sagt Joachim Bücker. Der Leiter Bautechnik des TÜV Rheinland / Berlin-Brandenburg fordert eine bessere Schulung der Bauleiter. Das sei beispielsweise durch regelmäßige Überprüfungen deren Sachkenntnis an solchen Mängelwänden möglich, da hier die Mängelquellen konkret veranschaulicht werden könnten.

Neben diesen Schulungen bieten der TÜV, aber auch andere Vereine wie der VpB eine "externe Qualitätsüberwachung" an. Sie soll den Bauherren oder den Bauträgern helfen, mangelfreie Immobilien zu errichten. Können Bauträger und Bauherr dann aber auch sicher sein, dass Mängel ausgeschlossen sind? Zumindest wirbt der TÜV mit dem Zertifikat "Qualität am Bau" für eine solche sichere Kontrolle der Baumaßnahmen. Ein Fünf-Phasen-Konzept stelle auf der Grundlage kontinuierlicher "Checks" von unabhängigen Sachverständigen sicher, dass Mängel ausgeschlossen sind. Mehr noch, "mit der Vergabe des Zertifikats geht die TÜV Unternehmensgruppe davon aus, dass 95 Prozent der Mängel beseitigt worden sind", sagt Rüdiger Kunz vom Fachbereich Bautechnik. Wie kann es dann aber passieren, dass Firmen mit angeblich TÜV-geprüften Bauten werben, wie im Fall der Familie Riedel, die ausgeführten Häuser dann aber erhebliche Mängel aufweisen?

Der VpB erklärt den Vorfall so: "Da der TÜV im Regelfall von den Baufirmen beauftragt wird, und diese ihn bezahlen, bekommen Verbraucher die TÜV-Protokolle oft nicht zu sehen." Auch auf Anfrage weigerten sich die TÜV-geprüften Bauträger oft, Mängelprotokolle des TÜVs herauszugeben. Der TÜV weist die Vorwürfe von sich: Bauträger, die ein Zertifikat beantragen, seien verpflichtet, ihren Bauherren die vollständigen Unterlagen zum Gutachten vorzulegen. In der Praxis, so aber die Erfahrung des Verbands Privater Bauherren, sei das nicht immer der Fall.

Ohne Protokoll kann der Bauherr sich kein Bild über Anzahl und Art der Mängel machen. Er kann auch nicht überprüfen, ob sein Auftragnehmer, der mit dem TÜV-Zertifikat qualitätsvolles Bauen verspricht, tatsächlich seine spezielle Immobilie von einen TÜV-Sachverständigen begutachten ließ. So zumindest urteilt der Verband privater Bauherren und rät auch bei Aufträgen an TÜV-zertifizierten Unternehmen dazu, die Arbeiten von unabhängigen Bauherrenberatern überwachen zu lassen. Die allein biete die Gewähr dafür, dass der Bauherr auch tatsächlich alle Informationen erhält - nicht zuletzt weil er den Mann seines Vertrauens mit seinem guten Geld bezahlt.

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