Zeitung Heute : Zweieinhalb Stunden im Unglückszug eingesperrt

Der Tagesspiegel

Wegen einer abgestürzten Oberleitung in Ruhleben war der Zugverkehr von und nach Berlin vom Sonntagabend bis in die gestrigen Morgenstunden erheblich gestört. Teile der Oberleitung waren am Abend zuvor auf einen ICE gefallen. Verletzt wurde niemand, aber die mehr als 450 Fahrgäste mussten fast zweieinhalb Stunden warten, bis sie den haltenden Zug verlassen konnten. Die Reparaturarbeiten zogen sich bis in den Montagmorgen hin, so dass zahlreiche Strecken über mehrere Stunden gesperrt werden mussten. Insgesamt 140 Reise- und drei Güterzüge waren nach Angaben der Bahn betroffen, 31 Züge wurden umgeleitet, 14 Verbindungen fielen teilweise oder völlig aus.

Es war am Sonntagabend um 19.28 Uhr, als der planmäßige ICE 828 „Johannes Gutenberg“ von Nürnberg zum Berliner Ostbahnhof außerplanmäßig in Ruhleben stoppen musste. Während Fahrgäste und Zugbegleiter noch rätselten, was kurz zuvor aufs ICE-Dach gekracht sein mochte, bot sich vom Führerstand aus ein Bild der Verwüstung. Die Oberleitung hing herunter. Zuvor hatte sich offenbar zwischen dem stromführenden Fahrdraht und dem zusammenhaltenden Drahtseil eine zu große Lücke gebildet, was die Bahn gestern als einen Vorfall bezeichnete, der hin und wieder passiere.

Warum aber die Oberleitung zwischen zwei Stromversorgungsabschnitten gleich auch auf den Zug stürzte und außerdem noch die Gleise blockierte, war gestern noch ungeklärt. Ein Anschlag, etwa mit einer Hakenkralle, wurde sofort ausgeschlossen.

Die Passagiere hatten den steckengebliebenen und sofort vom alarmierten Bundesgrenzschutz gesicherten Zug nicht verlassen dürfen. Bahnsprecher Andreas Fuhrmann begründete dies mit den steilen Böschungen am Bahndamm und der Dunkelheit. Die Gefahr, dass Fahrgäste zu Schaden hätten kommen können, sei zu groß gewesen.

Der Versuch, mit einer Lok von vorn heranzufahren, um den ICE abzuschleppen, scheiterte wegen der in beiden Richtungen blockierten Gleise. Erst gegen 21.50 Uhr konnte die Rettungsaktion für die Fahrgäste gestartet werden, nachdem auf dem Nachbargleis ein Zug herangefahren und für die Passagiere über eine Klappbrücke zugänglich war. Die Bergung wurde durch das abschüssige Gelände erschwert, außerdem lag die Unglücksstelle in einer Kurve.

Der zweite Zug brachte die zum Teil aufgebrachten, meist aber nach Angaben der Bahn „disziplinierten Fahrgäste“ dann zum Ostbahnhof. Die Reparaturen an der Strecke konnten zehn Minuten vor Mitternacht beginnen, um 2.22 Uhr war die Strecke wieder frei. Der Zug Johannes Gutenberg war nicht so beschädigt, wie Bahnleute zunächst befürchtet hatten. Gestern konnte der ICE 828 wieder planmäßig zwischen Berlin und Bayern rollen.C. v. L.

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