Zeitung Heute : Zweirad: Bei den Rollern gewinnt die Vier

A. Schwietzer

Seit den Urzeiten der Roller, deren Moderne mit der Geburt der Ikone "Vespa" 1946 begann, waren die meisten dieser zivilen Zweiräder knattergetrieben. Vespa, Lambretta, NSU nebst Goggo oder Berlin wie auch Cezeta waren allesamt Zweitakter. Daran sollte sich bis auf wenige legendäre Ausnahmen, wie die deutsche Roller-Legende Heinkel Tourist, lange nichts ändern. Erst in den letzten Jahren setzte bei den großen RollerProduzenten in Europa und Übersee ein Umdenken ein und speziell die großen Reiseroller sind heute ausnahmslos Viertakter. Nun scheint auch die letzte Zweitaktbastion zu fallen: Die Sportroller treten nun auch mit Ventilen im Kopf und Zylindern ohne Löcher in den Wänden an. Sportroller sind kompakte, knackige Gefährte, die Soziuskomfort, Wetterschutz und Touringqualitäten auf dem Altar der Fahrdynamik und -sicherheit opfern. Piaggio, Europas größter Scooterproduzent, der auch die Marken Vespa und Gilera unter seinem Dach versammelt hat, pflanzt mittlerweile das neue Leader-Viertakttriebwerk auch in den Gilera Runner. Der Runner hatte als Zweitakter mit Kubaturen von 150, 125 und 180 ccm eine begeisterte Anhängerschar, die mit dem lebendigen Vehikel Könige der Ampelstarts in allen europäischen Metropolen waren.

Der Runner unterscheidet sich von klassischen Tourenrollern zunächst durch den hohen Mitteltunnel, der ein Einsteigen von der Seite her unmöglich macht. Vorteil dieser Bauweise ist ein an Motorräder erinnernder steifer Rahmen, der im Bereich der Fahrstabilität punkten kann. Auch die Federelemente sind motorradlike: Eine gegenüber dem Zweitakter deutlich verbesserte Telegabel und zwei von Hand in der Federhärte einstellbare Beine statt eines Federbeins. Rollertypisch dagegen die Triebsatzschwinge, bei der die gesamte Antriebseinheit zur ungefederten Masse des Fahrzeugs gehört und die kinderleichte Bedienung. Ein Druck auf den Startknopf bei gezogener Bremse lässt den Runner sofort dezent im Viertakt brummen. Einen Choke sucht man dank Startautomatik vergeblich, außerdem gibt es keinen Kickstarter mehr. Gasgeben reicht und der Runner tritt kräftig an. Die Variomatik macht Schalten und Kuppeln überflüssig. Die beiden Hebel am Lenker sind Vorder- und Hinterradbremse. Die Scheibenbremsen vorn und hinten gehen nachdrücklich zur Sache und lassen keine Wünsche offen, ein Antiblockiersystem gibt es allerdings auch gegen Aufpreis nicht.

Die restliche Bedienung ist ausgesprochen logisch und durchdacht, alle Schalter und Knöpfe findet man dort, wo man sie sucht. Das Instrumentenbrett mit Tacho, Sprituhr und Wasserthermometer nebst Kontrollleuchten lässt sich gut ablesen. Die Füße stellt man auf die Trittbretter und mit den Knöcheln kann man Kontakt mit dem Rahmentunnel aufnehmen. Das verbessert das Fahrfeeling gegenüber einem konventionellen Scooter. Auch lassen sich die Knöchel durch Abluft klappbar im Frontschild des Rollers mit warmer Luft vom Wasserkühler anblasen. Wir empfehlen jedoch an kalten Tagen trotzdem Stiefel. Der Wetterschutz ist durch das schlanke Frontschild und die mickrigen Trittbretter dürftig. Exzellent dagegen der Windschutz durch das MiniScheibchen über dem Lenker. Den Wind wehen lassen kann man auf dem VXR, in Gefällestücken stehen schon mal "140" auf dem Tacho. Der durch Modular-Bauweise als luft- oder flüssigkeitsgekühlter Motor mit zwei oder vier Ventilen im Kopf denkbare Einzylinder erscheint in seiner stärksten Form im Runner VXR 180 mit kräftigen 14 kW (19 PS) und lässt den trocken nur 110 kg schweren Runner zum kultivierten Speedking unter den Rollern werden. Beschleunigungszeiten aus dem Stand bis 100 km/h im Bereich eines Golf GTI und eine Spitze von 120 km/h lassen auch flotte Überholmanöver auf Landstraßen oder das Mitschwimmen auf der Autobahn zu. Dabei brummt der Viertakter sonor angenehm und ist im Mittel mit drei Litern Superbenzin pro 100 km zufrieden. Das Fahrwerk ist der gebotenen Leistung stets gewachsen. Ein Motorrad liegt natürlich ruhiger. Die 12- Zoll-Räder des VXR lassen sich rollertypisch durch Kanten, Absätze und Löcher etwas mehr aus der Ruhe bringen als große Motorradräder. Auch die großen Reiseroller liegen dank enormer Radstände und größerer Räder ruhiger, dennoch ist der VXR ein toller Kompromiss aus wieseligem City-Flitzer und flottem Landstraßengerät. Der Federungskomfort gehört zum gutem Durchschnitt im Rollerbereich. Unterdurchschnittlich ist dagegen das Stauraumangebot des VXR, und auch kein Ruhmesblatt ist das Fahrlicht. Das Helmfach nimmt nicht alle Integralhelme auf. Ein Trittbrett für die Sprudelkiste gibt es auch nicht und auch der Sozius sitzt auf Reiserollern besser.

Dennoch bleibt der VXR für 6995 Mark ein tolles Angebot: Sparsam, ordentlich verarbeitet und gefedert, sehr rasant, wieselflink im Handling und mit großem Tank, Fußheizung und Wegfahrsperre auch gut ausgestattet ist der VXR für Fahrten im Großraum Berlin, die sowohl durch das CityGewühl als auch über den Autobahnring führen, einer der besten Roller überhaupt, weil er sich sowohl in der Stadt als auf auch Schnellstraßen wacker schlägt. Die meisten Roller beherschen nur eine Disziplin! Nur unwesentlich schwächer ist die sonst baugleiche 125er Variante "VX 125" mit 10,8 kW (14,7 PS) für 6695 Mark für Inhaber der Führerscheine 1 A oder 3, sofern vor dem 1. April 1980 erteilt!

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