Zeitung Heute : Zweite erste Wahl

Er kennt fast alle Regierungschefs dieser Welt, aber die Deutschen kennen ihn noch nicht so gut. Horst Köhler ist der neue Kandidat für Schloss Bellevue. Der IWF-Chef vertritt eine liberale Agenda, lobt Westerwelle. Globalisierungskritiker sind da zögerlicher, sie sehen ihn als „knallharten“ Neoliberalen.

Hans Monath[Robert von Rimscha] Ursula Weidenfel

Von Hans Monath,

Robert von Rimscha

und Ursula Weidenfeld

Er war schnell wach. Erstaunlich schnell, sagt Angela Merkel. In Washington war es am Donnerstag, als sie bei Horst Köhler anrief, noch tief in der Nacht: Um zwei Uhr früh klingelte das Telefon beim Chef des Internationalen Währungsfonds. Herr Köhler, Sie werden Bundespräsident!

Nun wird sich der Mann, den viele Deutsche kaum kennen, ins Flugzeug setzen und in die alte Heimat kommen. Er stellt sich vor – denen, die ihn ins Schloss Bellevue bringen wollen: am Sonntag der Führung der Union, am Montag der FDP. Am Dienstag will Horst Köhler die Runde durch die Bundestagsfraktionen machen.

Ein Herz für die Ministerin

Am Donnerstagabend trat er erst einmal in Washington vor die Presse, und da sprach der voraussichtlich neue Bundespräsident zunächst auf Englisch. „Ich glaube, dass ich den Herausforderungen gewachsen bin“, sagte er. Er könne durch seine internationalen Erfahrungen vieles einbringen, was Deutschland jetzt brauche, und das nicht nur in der Wirtschaft. Die Sender blendeten sich dann erstaunlich schnell aus der Pressekonferenz aus und widmeten sich wieder dem Präsidentenpoker, den Querelen der letzten Tage in Union und FDP.

Als sich Angela Merkel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle endlich überraschend auf ihn als Kandidaten geeinigt hatten, klangen die natürlich überschwänglich: Der 61-Jährige habe „immer ein Herz für die Entwicklungsländer“ gehabt und sie, die damalige Umweltministerin, immer ernst genommen, erinnert sich CDU-Chefin Angela Merkel lächelnd an die Zeit, als Köhler noch Staatssekretär der Finanzen und Weltwirtschafts-Experte der Regierung Kohl war. Ein „Spieler der internationalen Spitzenklasse“, schalmeit Edmund Stoiber. „Er vertritt eine liberale Agenda“, jubelt Guido Westerwelle. Offenheit bescheinigen ihm jene, die gut mit ihm zusammengearbeitet haben. Und schlau sei er.

Es gibt aber auch viele, die sagen, Köhler sei ein Bürokrat, ein Effizienzfanatiker, einer, der sich über Begriffsstutzigkeit und Dummheit wieder und wieder in Zornesausbrüchen Luft mache – gegen Schuldige und Unschuldige gleichermaßen. Als sich am Mittwoch in Berlin herumsprach, dass Köhler der Kandidat von CDU/CSU und FDP für Raus Nachfolge werden könnte, regte sich bei der Ministerialbürokratie des Finanzministeriums vor allem eines: schadenfrohes Mitleid mit den Beschäftigten im Bundespräsidialamt.

Köhler ist ein Choleriker, um es vorsichtig zu formulieren. Gegen ihn sei der gefürchtete Behördenchef Otto Schily ein geduldiger älterer Herr, sagen ehemalige Mitarbeiter. Und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, bekannt dafür, dass er schon mal mit Aschenbechern nach missliebigen Koalitionspolitikern wirft, sei verglichen mit dem Bellevue-Kandidaten milde wie „ein Säuselwind“.

Erstaunlich, wie viele Freunde der Mann trotzdem hat: Gerhard Schröder hat den früheren Präsidenten der Osteuropabank, den ehemaligen Chef des Sparkassen- und Giroverbandes vor knapp vier Jahren an die Spitze des Internationalen Währungsfonds gehievt. Helmut Kohl, für den Köhler vier Weltwirtschaftsgipfel vorbereitet hat, war Gast bei dessen 60. Geburtstag und wusste am Donnerstag über Köhler zu sagen, dieser sei „in hervorragender Weise“ geeignet – ein „loyaler und zuverlässiger Mann“ und ein Mensch, der „seine freundliche Weise mit großer Durchsetzungskraft“ verbinde. Jetzt haben Merkel, Stoiber und Westerwelle ihn auch entdeckt. Vielleicht als zweite Wahl, jedenfalls als einzig machbare Lösung. Das ist ihm schon mal passiert – geschadet hat es ihm nicht. Beim IWF habe sich gezeigt, dass die zweite Wahl am Ende die bessere Lösung gewesen sei, heißt es heute stolz in Berlin. Aus der Niederlage beim Nominierungsgezerre um den großen internationalen Posten, den ein Deutscher übernehmen sollte, sei ein unumstrittener Erfolg geworden: Als sich die Bundesregierung 1999 hoffnungslos darin verrannt hatte, Caio Koch-Weser zum IWF-Chef zu machen, stellten sich die USA gegen das „Leichtgewicht“. Über Nacht musste ein Neuer gefunden werden. Es wurde Köhler, der von seiner Nominierung auf der Skipiste erfuhr. „Ich habe erst mal geduscht, ehe ich zurückgerufen habe“, sagte er später.

Köhlers Eltern waren Bauern, im Krieg hatte es sie von Rumänien nach Polen, dann nach Leipzig und schließlich ins schwäbische Ludwigsburg verschlagen. Der Sohn wurde Finanzbürokrat und später Architekt der deutsch-deutschen Währungsunion. Im Maastricht-Vertrag hat er deutsche Positionen so felsenfest verankert, dass Finanzminister Hans Eichel vermutlich noch heute den Tag verflucht, an dem das Vertragswerk Anfang der 90er Jahre in der Bonner Nordstadt ausgedacht, aufgesetzt und als deutsche Verhandlungsposition paraphiert wurde. Zweifel an seiner Arbeit ließ der Ökonom Köhler, der seinen schwäbischen Singsang nie ganz verloren hat, nicht zu: Als der damalige niederländische Regierungschef Wim Kok den Starttermin für die Währungsunion in Frage stellte, überließ Köhler die Klärung der Sache nicht seinem Chef Theo Waigel. Er selbst stauchte Kok so zusammen, dass der klein beigab.

Deshalb trauen ihm selbst die, die immer noch über sein Englisch mit deutschem Akzent lachen, das Amt des Bundespräsidenten zu: Köhler lasse sich auch im Zorn nur von der Sache leiten, nicht von Dienstgraden. Das habe er beim IWF gezeigt, sagen die Europäer, die seine Präsidentschaft als Erfolg werten: Er habe sich nicht dem Druck der „Wall Street Gang“ gebeugt, der Clique von US-Politikern und Bankern, die beim IWF darauf achten, dass keine Entwicklungspolitik gemacht wird.

Köhler hat sie überrascht. Anstatt brav und fügsam die Politik fortzusetzen, die sein Vorgänger Michel Camdessus unter strikter US-Aufsicht praktizieren durfte, setzte er Akzente: Er begann den Dialog mit den Globalisierungskritikern, verabredete mit Weltbankchef James Wolfensohn gemeinsame Prinzipien für die Unterstützung überschuldeter Staaten. Das hat wohl mit seiner ersten Dienstreise als IWF-Chef zu tun. Die ging nämlich nach Afrika. Und da ist etwas passiert mit dem Mann. Köhler kam zurück – und war ein anderer: Er schwärmte ein bisschen hilflos von den Farben Afrikas, der Würde der Armut afrikanischer Frauen. Seine Frau, die ihn auf dieser Reise begleitete, besuchte Flüchtlingslager und Krankenhäuser. Köhler, die Speerspitze des Kapitalismus, streifte die Kühle des Amtes ab: „Ich gehe heute mit offenen Augen durch die Welt“, sagt er.

Dass die Welt, die er jetzt sah, eine andere war als die der ökonomischen Lehrbücher und der Investmentbanken, irritierte ihn nur kurz. „Gebt ihnen, was ihr ihnen versprochen habt: 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts als Entwicklungshilfe“, rief er den Industrieländern zu. Im rot-grünen Lager wird er seitdem freundlicher eingeschätzt. Nur wäre jedes gute Wort über Köhler am Donnerstag einer Herabsetzung von Gesine Schwan, der eigenen Bellevue-Kandidatin, gleichgekommen. Deshalb lobt der Kanzler vage Köhlers „fachliche Kompetenz“, an der es nichts auszusetzen gebe. Auch Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie spricht sich für Köhler aus, obwohl er auch die Entscheidung gegen Schäuble bedauert: Köhler bringe mit seiner ökonomischen und sozialen Kompetenz die richtigen Voraussetzung mit. Kritischer sind da natürlich die Globalisierungskritiker von Attac. Sie bescheinigen Köhler in einem Schreiben: „Er ist ein rhetorischer Süßholzraspler: Er verpackt die Politik des IWF verbal in Watte, aber wenn es darauf ankommt, exekutiert er knallharte neoliberale Maßnahmen.“

Besseres Gesprächsklima

Köhler ist überzeugt, diesen Ruf längst hinter sich gelassen zu haben. Es sei der 11. September gewesen, der ihm deutlich gemacht habe, dass es mehr auf der Welt zu regeln gibt, als nur dafür zu sorgen, dass stabile und zuverlässige Finanzströme stabile und zuverlässige Häfen finden, hat Köhler hinterher gesagt. Weggefährten berichten, dass Köhler nie ein waschechter Neoliberaler gewesen sei – und dass es ihm wahrscheinlich auch deshalb leichter gefallen sei, den IWF wenigstens etwas zu öffnen.

Er habe ein anderes Gesprächsklima geschaffen, loben auch Globalisierungskritiker, aber wirklich viel bewegt habe er leider nicht: Bis heute warte man auf eine Art Insolvenzregelung für überschuldete Staaten, kritisiert Barbara Unmüßig von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Er habe sich bei allem Verdienst, „dem Kapitalismus ein glaubwürdiges, soziales Ansehen zu geben“, am Ende doch immer gescheut, sich offen mit den USA anzulegen.

Dem Bürokratentum ist der zweifache Vater spätestens mit dem IWF-Posten entwachsen, loben seine Kritiker. Er könne zu Gottschalk gehen und wetten, dass er alle Regierungschefs der Welt mit Namen kennt und auch die kleineren Länder zuordnen könne, hat er einmal gescherzt. Bei seinen Besuchern entschuldigt sich Köhler allerdings immer noch für sein riesiges, von dunklem Holz dominierte Büro – er müsse hier schließlich auch große Delegationen empfangen. Und tatsächlich ist man von der Tür bis zum Schreibtisch eine Weile unterwegs.

Dass seine Zeit in Washington dem Mann auch ein gewisses Maß an Konfliktscheue gebracht haben soll, beruhigt seine Förderer. Nur die Mitarbeiter des Bundespräsidialmates, bisher ein Hort der Beschaulichkeit – die sollten sich nicht darauf verlassen.

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