Zeitung Heute : Zwerchfell in Schieflage

Nationalhymne mitsingen oder schweigen? Und wohin bloß mit den Händen? Was professionelle Fußballspieler von professionellen Sängern abschauen können – und warum Klinsmanns Chor sich dringend locker machen muss.

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Sagen wir so: Die schlimmsten Sachen, gesangstechnisch gesehen, kommen auf dem Rasen gar nicht vor. Schlimm ist alles, was den professionellen Sänger an der Ausübung seiner Kunst hindert. Was ihm die Luft abschnürt, Seitenstiche verursacht oder das Öffnen und Schließen der Stimmritzen anderswie übel beeinflusst. Zum Beispiel: Eine halsbrecherische Arie singen – und dabei auf dem Kopf stehen. Oder einen Handstand machen oder ein Rad schlagen. Versuchen Sie das mal als Königin der Nacht! Oder auch ganz einfach nur liegen, rücklings, während der Kopf lose über dem Orchestergraben baumelt – das ist der Albtraum eines jeden Sängers. Der Horror aller Dirigenten. Nur weil der Regisseur sich von derlei Kunststückchen mal wieder eine Steigerung, nun ja, des Ausdrucks erhofft. Für Regisseure wiederum ist es schlimm, wenn Sänger einfach nur dastehen und singen. Dafür, so sagen sie, braucht man nicht in die Oper zu gehen. Da reicht zur Not auch ein Fußballspiel. Aufrechter, konzentrierter, bescheidener und ehrlicher jedenfalls als hier hat man stehende Menschen (Männer) selten singen hören.

Wobei stehen nicht gleich stehen ist. Der Ruck nämlich, der durch alle Mannschaften geht, sobald der erste Hymnenton erklingt, provoziert die vielsagendsten Verhaltensweisen. Und nicht alle sind der Musik förderlich. Da ist die Ferienlagervariante, nicht zuletzt von Klinsmann mit Nachdruck zelebriert: Man hakt sich schulterweise unter (respektive über). Diese Geste mag Geschlossenheit demonstrieren, stimmlich ist sie ein Desaster. Das Zwerchfell in Schieflage, die Halswirbel verschoben, der Adamsapfel nach vorne katapultiert – das kann nicht klingen.

Um wie viel leichter tun sich da die Nationen der von Haus aus souveränen Individualisten. Sicherheitsabstand zum Kameraden also und Hand aufs Herz beispielsweise – sehr effektiv. Ob nun die staatsmännische Version (flache Hand) oder mehr à la Winnetou (Handfläche rasenparallel): Brust raus, lautet hier die Devise, und die ist gut für die Kommunikation der Resonanzräume. Abgesehen von ein paar Abarten freilich (Mann fasst sich in den Schritt), dürfte die „Hab-Acht“-Stellung jede Konkurrenz locker aus dem Felde schlagen. Schultern runter, den Blick cool in die gegnerische Zukunft gerichtet, Hände an die Hosennaht, Hacken zusammen, das Körpergewicht locker auf den Fußballen balancierend, Münder auf – schon strömt der Odem frank und frei, ergießt sich der üppigste Naturlaut bis in die oberen Ränge. Jetzt muss den Jungs nur noch der richtige Text einfallen.

Christine Lemke-Matwey

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