Zeitung Heute : Zwerge und Riesen

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem.

Hellmuth Karasek

Zwei Zeitungsmeldungen in jüngster Zeit haben mich beschäftigt wegen des ausgesprochenen oder unausgesprochenen Vergleichs. Die eine stammte aus der Welt der Verbrechen und Bluttaten. Also: Ein Mann habe seine Frau umgebracht, nachdem sie ihm im Lift „Du Zwerg!“ entgegengeschleudert hatte. Ob sich der Fahrstuhl in Aufwärts- oder Abwärtsbewegung befand, wurde nicht vermeldet. Dass es mit dieser Ehe rapide bergab ging, liegt auf der Hand.

Die zweite Meldung ist eine politische, oder soll man sagen, sozusagen statistische. Dass nämlich im kleinsten politischen Bundesland, nämlich Bremen (404 Quadratkilometer, 0,68 Millionen Einwohner) der größte deutsche SPD-Ministerpräsident, nämlich Henning Scherf (2,04 Meter) die Wahl mit dem höchsten Ergebnis der SPD in diesem Jahr gewonnen hat.

Was lernt uns das? Das Beispiel des langen Kerls der SPD in Bremen lehrt uns gar nix, außer, dass es für viele erfreulich ist. Das Beispiel des Mannes, der zum Mörder wurde, weil ihn seine Partnerin als klein, zu klein schmähte, macht uns dagegen darauf aufmerksam, dass der Vergleich zwischen Groß und Klein, meist zu Ungunsten des Letzteren angestellt, einer der folgenschwersten, schwerstwiegenden und wichtigsten Vergleiche überhaupt ist, der Vergleich der Vergleiche sozusagen, die Mutter der Vergleiche, der Vater der Kriege und Zwistigkeiten.

Der Vergleich zwischen Groß und Klein hat nicht nur Zentimeter, Meter, Quadratkilometer im Sinn – obwohl die auch und vielleicht sogar zuerst –, sondern bedeutet den Unterschied zwischen Macht und Ohnmacht, Bedeutung und Bedeutungslosigkeit, historische Größe (Friedrich der Große, der unter 1,70 Meter war), Potenz, Charakterfestigkeit, weshalb der Löwe eine gewaltige, seinen Kopf vergrößernde Mähne hat, der Pfau ein Rad, das Denkmal einen Sockel und weshalb der Klassiker von edler Einfalt und stiller Größe spricht.

Als ich, unter meinen Geschwistern der Größte (was nur der Älteste bedeutete), noch klein war, durften wir uns Sonntagmorgens zu unseren Eltern ins Bett kuscheln, und meine kleine Schwester bat damals meinen Vater jedesmal, „bitte, erzähl uns was von deiner Kleinheit.“ Sie meinte natürlich Kindheit, sie wollte von Papa hören, dass er mal wie sie selbst war, klein und weder furcht- noch ehrfurchterregend.

Wenn ich darüber nachdenke, dass in meinem Pass als meine Größe 1,76 Meter steht, und dass mein Vater 1,75 Meter war, dann fällt mir ein, wie mich meine Kinder verhöhnten, „du, und 1,76 Meter, niemals! Da hast du geschwindelt!“ Und dann lachten sie, und ich dachte: Vielleicht wolltest du wirklich nur einen Zentimeter größer als dein Vater sein! Meine drei Söhne sind übrigens inzwischen alle über 1,80 Meter. Und dass sie sich einen Zentimeter im Pass geborgt hätten (was ich natürlich nicht habe, ich bin nur geschrumpft), wirft ihnen niemand vor.

Von Karl Kraus gibt es den wunderbaren Satz über falsche Bescheidenheit: „Machen Sie sich nicht so klein, so groß sind Sie gar nicht!“ Aus dem klassischen Hollywood stammen die boshaftesten Vergleiche über Groß und Klein. So hieß es über eine große Frau, ich glaube, es war die Klatschkolumnistin Hedda Hopper, sie sei so groß, dass ihr Haupt sechs Monate im Jahr mit Schnee bedeckt sei. Und über den berühmten Filmagenten Irving Lazar hieß es, er sei so klein, dass er sich zwecks Selbstmord an einem Bonsai hätte erhängen können.

Groß und Klein, Riesen und Zwerge. Dass dies vor allem eine Frage der Perspektive ist, hat Jonathan Swift (der Welt größter Satiriker, möchte ich mal vergleichend behaupten) in „Gullivers Reisen“ ein für allemal vorgeführt. Zuerst gerät Gulliver zu den Liliputanern, in ein Kaiserreich der Winzlinge, denen er wie ein Menschenberg vorkommt. Und Swift schildert, wie die Däumlinge wichtig, erhaben, groß tun, Redeschlachten und Seeschlachten führen, also aus seiner, aus Gullivers Perspektive, größenwahnsinnig und lächerlich wirken. Wir müssen nur unser Fernrohr auf die Wirklichkeit umdrehen, damit auch wir in Kunst, Kultur, Politik erkennen: Wir haben schon größere Zwerge gesehen.

Auf seiner zweiten Schiffsbruchreise kommt Gulliver unfreiwillig ins Reich der Riesen, schon der Name des Riesenreichs klingt plump, grobklotzig, schwerfällig: „Brobdingnag“ heißt das Land der Giganten, denen Gulliver als Däumling erscheint. Und hier beschreibt er das Erschrecken durch Übergröße, den fatalen Geruch, den die Riesenhofdamen für Gullivers feine kleine Nase verströmen, ihre scheußlich großen Poren, Gullivers Schrecken, wenn sie Urin lassen, was ihn an einen gewaltigen, ekligen Wasserfall denken lässt.

Am meisten quält ihn unter den plumpgutmütigen Riesen der Hofzwerg (30 Fuß, also „nur“ zehn Meter groß), weil er in Gulliver einen gefährlichen Konkurrenten des einmaligen Kleinseins sieht.

Swift schreibt an einer Stelle: „Zweifellos haben die Philosophen Recht, wenn sie uns sagen, dass alles nur durch den Vergleich groß und klein sei.“ Zweifellos. Auch das Vergrößerungsglas fördert unangenehme Einblicke ans Licht.

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