Zeitung Heute : Zwischen Ägäis und Kleinmachnow

Der Honig hat seinen mythischen Ruf längst eingebüßt - dennoch wird das Angebot im Berliner Handel immer breiter. Unsere Probierrunde kostete sich durch hiesige und internationale Produkte

Thomas Platt

Schaut auf dieses Volk! Es verfügt über sprichwörtlichen Fleiß, bildet Staaten, entsendet Expeditionen, ist wehrhaft und obendrein noch reinlich und sozial - fast bis an den Rand der Grausamkeit. Von vielen werden die Bienen allein schon deshalb geschätzt, aber der Effekt, dass bei all dem summenden Gewese auch noch so etwas Süßes wie Honig heraus springt, wird natürlich mit besonderer Freude zur Kenntnis genommen. Doch darüber hinaus existiert noch ein weiterer Grund, warum die gestreiften Korbbewohner so hoch angesehen sind. Seit Urzeiten nämlich erlauben sie es dem Menschen, sich zum Herren über all jene Wiesen und Fluren aufzuschwingen, die außerhalb des bestellten oder zugänglichen Landes liegen. Als schwer bewaffnete, von Düften dirigierte Missiles dringen sie in den letzten Winkel der Natur vor und schaffen von dort Tribut.

Der Honig allerdings hat seinen Nimbus längst eingebüßt. Das erkennt man spätestens daran, dass es die Nahrungsmittelindustrie bereits seit Jahrzehnten nicht für nötig befunden hat, ihn in zeitgerechte Gewänder zu stecken - und das, obwohl Deutschland immer noch die Weltspitze in punkto Honigverbrauch hält. Dazu passt, dass die Paste in den unattraktiven Schraubgläsern immer noch als reines Süßungsmittel gilt und deshalb in Konfiserien zumeist nicht geführt wird. Dazu passt auch, dass er sich bestens in die Vorstellungen von Artenreinhaltung fügt, wie sie für die im Heimlichen oft aggressive Bio-Bewegung typisch sind.

Allen Mitgliedern der monatlichen Tafelrunde liegt der Honig am Herzen. Aus diesem Grund bestanden längst einschlägige Erfahrungen, die den Einkauf in einem jenseits des Supermarkts äußerst undurchschaubaren Angebot nicht so schwer machten als zunächst befürchtet. Doch auch wer sich in gut beleumundeten Feinkostläden oder bei bieder dreinschauenden Hobbyimkern gut bedient weiß, kann sich letztlich nicht ganz sicher fühlen, denn beim teuren Wabenprodukt dürfte die Manipulationsbreite der des Weins vergleichbar sein. Nicht zuletzt deshalb genießen feine Konfitüren sowie das berühmte italienische Lebensmittel namens Nutella (und neuerdings auch der Bio-Haselaufstrich Samba) starken Zuspruch.

Wir kennen das Ursprungsland des Honigs nicht mehr, aber wenn er ein Anrecht auf Heimat oder zumindest auf diplomatische Vertretung hat, so wäre das in Griechenland. Gleich zwei Gläser von dort ließen die übrigen knapp 30 verkosteten ein gutes Stück hinter sich. Einsam an die Spitze setzte sich der Kretan-Honig von „Manolis Chaniotakis/Sitia", der bei Philomenis im Regal steht. Das geöffnete Glas riecht nach gemähtem Klee und der daneben wahrnehmbare, leicht käsig-animalische Duft verweist darauf, dass er tatsächlich von Tieren hergestellt wurde. Obwohl man den auf dem Etikett avisierten Thymian nicht recht wahr nimmt, gewinnt im Gaumen eine herrlich fruchtige Frische die Oberhand, gut grundiert von entwickeltem Wachs und einer Süße, die am Ende sogar noch eine gewisse Tiefenschärfe ausbildet. Wo sich beim Kretan im Mundgefühl die mehlige Konsistenz des Traubenzuckers bemerkbar macht, da überwältigt der „Kaliva" aus dem gleichnamigen Geschäft ganz mit Karamel. Bereits Cognacfarbe und fließende Glätte dieses Pinienhonigs von der Ägäis-Insel Thasos überzeugen, aber sein verspielter Blütenduft verspricht dann doch ein bisschen zuviel. Deshalb wurde dieser mediterran gewürzte Honig noch knapp vom zweiten Platz verdrängt. Der „Leatherwood Genuine Tasmanian Honey", den das KaDeWe zu einem gar nicht einmal so exorbitanten Preis anbietet, ist ein Honig in Vollendung. In seiner cremigen Textur ist der zähe Australier einem echten englischen Butter-Fudge ähnlich, und sein aromatisches Zusammenspiel von Blüte, Frucht, Würze und Wachs erinnert an ein komplettes Dessert aus Meisterhand. Nur das heftige Regenwald-Karamell wirkt auf Dauer ermüdend.

Nach diesem Spitzentrio käme lange nichts, wenn Gisela Andersch nicht wäre. Die Imkermeisterin aus Kleinmachnow, die ihre Produkte am Samstagmorgen auf dem Charlottenburger Karl-August-Markt ganz in der Nähe von „Gretas Marmeladen" feilbietet, schob sich sowohl mit ihrem weißcremigen, aromatisch-strengen „Löwenzahn" als auch mit der überaus zarten, fruchtig-leichten „Obstblüte" nach vorne.

Lavendelseife und Fruchtbonbon

Alles andere als das sind die französischen Honige. Sie übertreiben es mit dem Aroma so sehr, dass wir im Fall vom Miel de Bruyere von „Apiculteur - Récoltant A. Lombard" von einem Pflanzensubstrat sprachen, das von seinem Heimatberg Mont Ventoux in gnädigen Schatten gesenkt wird. Noch mehr in Richtung bitterer Wurzelholz-Sud ging der Miel de Chataignier vom gleichen Hersteller. Doch Maître Philippe hält mit seinem Miel toutes fleurs vom berühmten Olivenölproduzenten „Alziari" auch einen Ausnahmehonig bereit, der wie eine Lavendelseife riecht, ein bisschen nach Mehrfruchtbonbon schmeckt und sich vor allem im Tee und auf einem mit salziger Butter bestrichenen Weißbrot prächtig entfaltet. Nicht weit von seiner Ursprungsgegend, dem Plateau de Volensole in den Seealpen nordöstlich von Nizza - der größten Lavendelheide Westeuropas - entfernt, tragen die Bienen den Miele Italiano di Montagna zur „Agricoltura Brezzo" (aus dem KaDeWe) nach Hause. Seine wachsig-kristalline Konsistenz, die sich wie Alziari auch gut kauen lässt, haftet rasch an Gaumen und Zunge und sondert dabei das Aroma von Lavendel, Rosmarin und Salbei in verträglichen Dosen ab. Gerade gegenüber den anderen auftrumpfenden, pompösen und gewissermaßen undiplomatisch agierenden Sorten aus französisch dominierten Gebieten wie dem parfümierten und überlagerter weißer Schokolade schmeckenden „Miel de Provence“, dem nach Liebstöckel riechenden „Miel de Foret“ oder dem muffigen, ja fast geräucherten Roi de Bretagne (alle aus den Galeries Lafayette) gewinnt dieser Honigtyp für Erwachsene zusätzlichen Reiz.

Ziemlich reizlos dagegen präsentierten sich die Probanden aus dem Bioladen. Neben einem Duft nach Wachskreide und einem merkwürdigen Medizinalgeschmack haben weder der Sommerblütenhonig mit Kornblume von der „Imkerei Isolde Mohr/Bioland" noch der zuckrige Akazienhonig vom omnipräsenten Anbieter „Allos" viel zu bieten – ja, sie werden sogar vom nicht übermäßig interessanten türkischen Blütenhonig von „Eferfirat" mühelos übertroffen. Nur der im Bio-Supermarkt an der Wilmersdorfer Straße angebotene „Honey Manuka" aus Neuseeland führt ein interessantes Eigenleben. Er riecht zunächst nach eingelegtem Bambus wie ein halber Asia-Markt, schmeckt pur recht bitter und entwickelt auf der Stulle exotische Frucht, die von harzigem Wachs im Rahmen gehalten wird.

Die Honigreise der Tafelrunde erreichte zuletzt die Ränder Europas. Nachdem die demütigende Warterei an der leeren Kasse von Mitte Meer endlich vorüber war, durfte „La Orza" auf die Probierlöffel und aufs Butterbrot. Das Honigwachs aus Guadalajara ist von seltener Buttrigkeit und seine nicht sehr stark entwickelte, aber dennoch dichte Frucht ist mit einem aromatischen Kontrapunkt versehen, der wie zuviel Salz im Kuchen wirkt. Wesentlich feiner und ausgewogener erschien der Runde der „Naturalus Medus" aus Vilnius, den die russischen Betreiber von Zarja zwischen Dosenfisch, Videokassetten und Salzgemüse verstecken. Die weiße, homogene Dispersion aus Litauen gehört zu jenen unkomplizierten Allroundern, die alle Vorzüge und alle Nachteile des Honigs im Kleinformat abbilden.

Es lag immer etwas Degoutantes darin, Bekannte hauptsächlich nach ihrem Bücherregal oder ihrer CD-Kollektion zu beurteilen. In jüngerer Zeit half noch ein klandestiner Blick in den Kühlschrank. Doch seit der im Zuge der Schröder-Krise mit dem immer gleichen Zeug aus dem Discount gefüllt ist, muss das Augenmerk wieder dem symptomatischen Detail gelten. Wenn im Dunkel des Regals ein süßer Grieche wartet und daneben womöglich noch ein Strauß Bergtee aus Argos, dann ist man ganz gewiss bei netten Leuten zu Gast. Übrigens. Für die aromatische Bereicherung dieses wilden Salbeitees eignet sich besonders der Honig von „Philippi S. Seferidis", den Kaliva sozusagen als Zweithonig führt.

Kaliva , Charlottenburg, Wielandstr. 37.

Maître Philippe , Wilmersdorf, Emser Str. 42.

Mitte Meer, Mitte, Invalidenstr. 50-51/hinter dem Hamburger Bahnhof.

Philomenis , Charlottenburg, Knesebeckstr. 97.

Zarja , Schöneberg, Passauer Str. 33 u. Charlottenburg, Pestalozzistr. 37.

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