Zeitung Heute : Zwischen allen Sitzen

Auf was muss sich der Fernreisende im Linienbus eigentlich gefasst machen? Von Berlin nach Dresden und zurück – ein Selbstversuch.

Fast so schön wie in der Oper. Schlafen ist eine Hauptbeschäftigung von Busreisenden. Wache Geister freuen sich an Bord über W-Lan und warme Würstchen. Foto: Imago
Fast so schön wie in der Oper. Schlafen ist eine Hauptbeschäftigung von Busreisenden. Wache Geister freuen sich an Bord über W-Lan...Foto: imago stock&people

Pünktlich wie die Bundesbahn! Bitte, jetzt nicht gleich einen Schreck bekommen. Zwar ist der Uralt-Werbespruch unseres Staatsbetriebs beim Schienenverkehr, sowie bei Verabredungen allgemein, etwas aus der Mode, jedoch noch nicht völlig zur Floskel verkommen. Etwa bei den Fernbussen, die wir neulich ausprobiert haben. Die hatten nämlich tatsächlich keine Verspätung. Na ja, wenigstens kaum.

Zugig ist es am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) an der Masurenallee in Charlottenburg. Seitdem die Fernbusse in Deutschland Konjunktur haben, ist der ZOB allerdings im Gegensatz zu früher immerhin richtig belebt. Das nimmt ein wenig von der etwas schäbig-gespenstischen Atmosphäre (siehe folgende Seite).

Es ist früher Morgen. „Wo, bitte schön, fährt denn der Bus nach Dresden ab?“ Der Mann hinter der Scheibe des Auskunftsschalters schaut den Fragesteller etwas genervt an. „Welcher?“, bellt er zurück. – „Berlin Linienbus, 7 Uhr 45.“ – „Gate 11.“ Gate? Ja, sind wir denn in Tegel? Na gut, Gate 11 also.

Eben zieht der Eurolines-Bus nach Elb- Florenz und weiter nach Prag von Gate 3 weg, an Gate 11 steht noch der gelbe Omnibus von Student Agency, einem tschechischen Unternehmen. Der Ansturm auf diesen Bus nach Dresden (Weiterfahrt nach Prag und Brünn) hält sich in Grenzen. Drei Personen laden zunächst ihr Gepäck und dann sich ein. Tür zu, fast pünktliche Abfahrt um 7 Uhr 35. Und schon rollt in noch ungewohntem Weiß-Blau unser Berlin Linienbus heran. Ein Doppeldecker, allem Anschein nach recht neu. Einige Passagiere sind schon am Flughafen Tegel eingestiegen, hier springen die acht wartenden Menschen und ein Hund schnell an Bord. 14 Personen verlieren sich schließlich auf den 68 Plätzen. Die beiden oberen Sitzreihen vorn mit Panoramablick sind schneller besetzt, als man schauen kann. Na, Pech gehabt.

So, dann machen wir es uns mal bequem. In den angesagten zweieinhalb Stunden Fahrt lässt sich ja auch einiges erledigen. Ist schließlich eine Dienst-, keine Vergnügungsreise. Das stabile Tischchen abgeklappt, Laptop raus, Leselicht an. Naa, könnte etwas heller sein. Beine ausgestreckt. Jawohl, reichlich Platz. Wunderbar. So, W-Lan an Bord war ja annonciert. Tipp, tipp, tipp. Ach, war klar, ein Kennwort wird benötigt. In der Sitztasche? Sicherheitshinweise, Speisekarte – sonst nichts. Fahrer fragen? Ach, soll der erst mal aus dem dicken Verkehr raus. Die Autobahnauffahrt am ICC ist verstopft. Lässt die gefürchtete Klippe aller Busfahrten bereits jetzt den Zeitplan zusammenklappen? Doch einmal auf der A 100 gen Schönefeld – und es rollt. Am Flughafenterminal werden um 8 Uhr 27 noch rasch drei Zusteiger aufgelesen – nun meldet sich der Busfahrer.

Guten Morgen etc. „Bitte schnallen Sie sich an. In einer Stunde und fünfzig Minuten erreichen wir Dresden.“ Kleine Pause. „Wenn nichts Außergewöhnliches passiert.“ Dann herrschen Ruhe und T-Shirt-Wetter im Bus. Es ist gut eingeheizt. Zwei Reihen weiter findet sich schließlich auch das Kärtchen mit den W-Lan-Instruktionen. Das Einloggen ist problemlos, die Verbindung stabil. Ein Kaffee wäre nicht schlecht. Die Bordküche im hinteren Teil des Busses ist gut verrammelt, außer dem Fahrer kein Servicepersonal in Sicht. Also kein Kaffee. Na, wird auch so gehen.

Die Regenfahrt ist verkehrstechnisch – gottlob – ereignislos. Die meisten der überwiegend jungen Passagiere dösen. 9 Uhr 52, Hinweisschild am Fahrbahnrand auf „Schloss Wackerbarth“. Dresden naht. 10 Uhr 12, Ankunft Schlesischer Platz am Bahnhof Dresden-Neustadt. Ziel erreicht. Überpünktlich. Der Fahrer verabschiedet alle, die nicht bis zum Hauptbahnhof fahren. Ach, eine Frage noch: „Wenn ich ein Würstchen hätte essen wollen: Wie wäre ich da drangekommen?“ „In diesem Bus gar nicht“, gesteht der Buslenker. „Auf dieser Strecke lohnt der Einsatz von Servicepersonal nicht.“

Für die Rückfahrt am Nachmittag haben wir – wie die Hinfahrt für neun Euro – Mein Fernbus gebucht. Während Berlin Linienbus, eine DB-Tochter, schön vor dem Bahnhof Neustadt halten darf, ist der „große Grüne“ an eine Haltestelle der Dresdner Verkehrsbetriebe hinter dem Bahnhof verbannt. Unsere geplante Abfahrt: 15 Uhr 30. Der Bus kommt jedoch bereits aus Chemnitz, legt einen Stopp am Hauptbahnhof Dresden ein – und trudelt entsprechend nicht nur zehn Minuten zu spät heran, sondern ist auch proppevoll. Ja, so isses: Es wollen halt alle nach Berlin. Und geschätzte 99 Prozent von ihnen sind zwischen 18 und 30 Jahre alt.

Platz erobert. „Guten Tag.“ Der Nachbar liest, nickt nur kurz. Los geht’s. Fahrer Peter heißt die Zusteiger „aufs Herzlichste willkommen“, weist auf Toilette, W-Lan und Getränkebox hin. Die Leselampe funzelt, die Beine wissen nicht recht wohin, Ellbogenfreiheit so lala, und – verflixt – W-Lan funktioniert, aber nur sekundenweise. Für den Sitznachbarn ist es inzwischen zu dunkel, um weiterzulesen. „Kommen wir pünktlich an?“, fragt er unvermittelt. Er dürfte der einzige Rentner an Bord sein, kommt aus Chemnitz und will seine Tochter in Berlin besuchen. „Hat ja nie Zeit, also muss ich hin.“

Hindernisfreie Fahrt, „keine Reifenteile, Spanngurte oder Radfahrer“ auf der Autobahn Dresden–Berlin, also wird die Tochter nicht lange auf den Vater warten müssen. Mit zehn Minuten Verspätung rollen wir am Bahnhof Südkreuz ein. Fazit, ganz berlinerisch: Da gibt’s eigentlich nichts zu meckern. Übrigens: Die Bahn wäre wenigstens zehn Euro teurer, wenngleich 22 Minuten schneller gewesen. Pünktlichkeit vorausgesetzt.

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