Zeitung Heute : Zwischen allen Stühlen

GRIPS-THEATERMarianna Salzmanns Stück „Weißbrotmusik“ ist zum Kinder- und Jugendtheaterfestival „Augenblick mal!“ eingeladen.

PATRICK WILDERMANN

Ist es möglich, dass ein Jude und ein Türke befreundet sind?“ Die Frage ist in einem Publikumsgespräch zu Marianna Salzmanns „Weißbrotmusik“ schon aufgekommen, allen Ernstes. Gestellt wurde sie von einem Lehrer, nicht etwa von einem der jungen Zuschauer. Für die, sagt Salzmann, sei das nämlich Schulhofrealität. Überhaupt schwärmt die Dramatikerin von den Kids, die ihr Stück sehen. „Die sind mein Lieblingspublikum, weil sie am offensten sind, am reaktionsfreudigsten. Und nicht so intellektuell verquast.“ Insofern begrüßt sie es, dass „Weißbrotmusik“ am Theater Strahl läuft – auch wenn sie diese Dreiecksgeschichte um die jungen Deutschen Aron, Sedat und Nurin ursprünglich nicht explizit als Jugendstück konzipiert hatte.

Vom Ärger mit einer herkunftsfixierten Bürokratie, von einer ungeplanten Schwangerschaft und einem gewaltigen Wutausbruch erzählt Salzmann in „Weißbrotmusik“. Mit einer klar funkelnden Sprache, die von großem Zorn auf die Verhältnisse befeuert ist. Die famose Inszenierung des Ernst-Busch-Absolventen Nick Hartnagel wurde im vergangenen Jahr bereits mit dem begehrten „Ikarus“-Preis ausgezeichnet. Jetzt ist sie zum renommierten Kinder- und Jugendtheaterfestival „Augenblick mal!“ eingeladen worden.

Salzmann hat sich von einem realen Vorfall zu „Weißbrotmusik“ inspirieren lassen: von der Attacke zweier Jugendlicher auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn anno 2007. Genauer: von der überschäumenden medialen Berichterstattung über diese migrantischen Gewalttäter und den rassistischen Ressentiments, die dabei unverhüllt zutage traten. Hat Salzmann das Gefühl, dass sich die Debattenkultur seither zum Positiven gewandelt hat? „Ich will ja nicht den Teufel an die Wand malen“, entgegnet sie kopfschüttelnd. „Aber ich habe das Gefühl, es wird schlimmer.“ In ganz Europa, beobachtet sie, „ist der Schnack radikaler geworden. Rechts wird immer normaler“. Auch genetische Unterscheidungen seien wieder schwer en vogue.

Die in Wolgograd geborene Dramatikerin hat dabei ihre ganz speziellen Erfahrungen mit rassistischen Zuschreibungen gemacht. Meist der fälschlich umarmenden Art: Klar kann eine Russin gut schreiben. Und natürlich ist eine Jüdin klug. Klischee bleibt Klischee. Es ist nicht so, dass Salzmann die Frage nach Herkunft per se als ausgrenzend empfände. „Kommt drauf an, wer fragt. Und warum“, meint sie. Außerdem sei das in ihrem Fall ja eher eine Komödie. Weil es so viele mögliche Antworten gebe. Als sie jüngst ein mehrmonatiges Arbeitsstipendium in Istanbul hatte, wurde sie in Künstlerkreisen meist als „Berliner Autorin“ eingeführt. In den Schreib-Workshops, die sie gab, stellte sie sich als „russische Jüdin aus Deutschland, die jetzt in der Türkei lebt“ vor.

Salzmann, die für ihre Dramatik bereits mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnet wurde, hat Szenisches Schreiben an der UdK studiert. Und fühlte sich fremd unter den oftmals unpolitischen Kommilitonen. Die Inspiration, überhaut mit der Arbeit fürs Theater weiterzumachen, kam vom Ballhaus Naunynstraße, das damals gerade eröffnete. Ein Haus, das mit seinem postmigrantischen Ansatz endlich eine Plattform jenseits des „Ausländerzoos“ bot, wie sie sagt. Am Ballhaus erfand Salzmann die schöne Formel vom „Vibrationshintergrund“, hier wurde ihr Stück „Beg your Pardon“ auf die Bühne gebracht. Und jüngst die NSU-Farce „Fahrräder könnten eine Rolle spielen“, die sie zusammen mit Deniz Utlu verfasst hat.

Das Lachen, glaubt Salzmann, kann Freiräume schaffen. Darauf zielt sie auch mit ihrem furiosen Drei-Generationen-Stück „Muttersprache Mameloschn“, das an der Box des DT läuft. Das Publikum zur Heiterkeit provozieren – und es zugleich mit einer hochpolitischen Message erreichen. „Es ist Zeit für eine Wiederkehr der Komödie“, sagt sie. „Diese verkopfte Traurigkeit im Theater schweißt uns die Münder zu.“ PATRICK WILDERMANN

„Weißbrotmusik“: 26.4., 13 und 19 Uhr im Grips-Theater

Das Festival „Augenblick mal!“ läuft vom 23.-28.4. (verschiedene Spielorte)

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