Zeitung Heute : Zwischen dem sechsten und dem siebten Sinn

Der Literaturwissenschaftler Burkhard Meyer-Sickendiek forscht zum Gespür in der Lyrik

Stephan Töpper
Wie Fräulein Smilla im Roman des dänischen Schriftstellers Peter Høeg, die ein bestimmtes Gespür für Schnee hat, haben manche Menschen ein besonders feines Gespür für bestimmte Situationen. Foto: www.morgueFile.com/mettem
Wie Fräulein Smilla im Roman des dänischen Schriftstellers Peter Høeg, die ein bestimmtes Gespür für Schnee hat, haben manche...

„Ich weiß jetzt, ohne auch nur den Schimmer eines Zweifels, dass irgendetwas nicht stimmt.“ Smilla Jaspersen, die Protagonistin in Peter Høegs Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, hat einen besonderen Sinn. Sie macht sich daran zu beweisen, dass der Nachbarsjunge Jesaja vom schneebedeckten Dach eines Lagerhauses gestoßen wurde – und nicht verunglückt ist, wie die Polizei vermutet. Smilla Jaspersen nutzt ihr Gespür für eine neue Deutung der Todesumstände. Sie kennt den Schnee und seine vielen Facetten, denn sie ist aufgewachsen in einer Landschaft aus Schnee und Eis.

Das Spüren ist eine seltsame Sache und anders als die fünf bekannten Sinne – Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen – nur schwer zu packen. „Gespür ist etwas, mit dem man nicht wahrnehmbare Dinge wahrnehmbar macht“, sagt der Literaturwissenschaftler Burkhard Meyer-Sickendiek, der sich über literarischen Sarkasmus habilitiert hat und zurzeit im Rahmen des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ an der Freien Universität Berlin zum Gespür in der Lyrik forscht.

Mit übernatürlichen Fähigkeiten habe dieser sozusagen sechste Sinn nichts gemein. Es handele sich eher um ein besonderes Sensorium für sogenannte „Halbdinge“, wie es der Kieler Phänomenologe Herrmann Schmitz genannt hat. Dinge, deren Wahrnehmung zwischen Gehirn und Bauch, zwischen Ratio und Emotion angesiedelt ist. „Eine Eigenschaft dieser Halbdinge ist, dass sie flüchtig sind“, sagt Meyer-Sickendiek. Wir können Stille, Kälte, die Nacht, Atmosphären nur für Momente spüren. Und nicht jeder spüre dasselbe: „Das ist nur zum Teil objektivierbar.“ Zudem reagiere jeder Mensch anders. Den einen lässt die Stimmung der Nacht kalt, der andere ist durch sie elektrisiert.

Für das Spüren braucht es einen winzigen Auslöser. Einen Windstoß zum Beispiel, der einem entgegenweht. „Aber ein einzelner Indikator reicht noch nicht“, sagt der Heisenberg-Stipendiat, der bereits über die Faszination des Grübelns geschrieben hat. Drei Komponenten greifen beim Spüren ineinander: ein feines Wahrnehmen, ein ausgeprägtes Erfahrungswissen und die Fähigkeit, daraus etwas abzuleiten, also der konkrete Akt der Deutung. „Gedichte sind gerade wegen ihrer kurzen Form bestens geeignet, diese Augenblicke der Sinnesreizung sprachlich festzuhalten.“

Die Rolle des sogenannten „Bauchgehirns“ ist vor allem in den Forschungsblick von Psychologen und Neurowissenschaftlern geraten, die empirisch zu erklären versuchen, wie der Bauch unsere Entscheidungen beeinflussen kann. Auch die Literaturwissenschaft knüpft an die psychologische Bedeutung des Magens mit seinen Rezeptoren und mehr als hundert Millionen Nervenzellen an. „In literarischen Texten finden sich viele Situationen, die sich zwischen dem sechsten und siebten Sinn ansiedeln, zwischen dem Spüren und dem Gespür“, sagt Meyer-Sickendiek. Um der literarischen Verarbeitung dieser geheimnisvollen Sinne auf den Grund zu gehen, hat er sich durch nahezu 300 Jahre Lyrikgeschichte – vom frühen 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart – gearbeitet und diejenigen Gedichte gefiltert, in denen das Wort „spüren“ in all seinen Varianten tatsächlich auftaucht.

Über allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

Goethes Gedicht „Ein Gleiches“, das der Dichter und Dramatiker 1780 in den Thüringischen Wäldern schrieb, sei ein Paradebeispiel. „Von diesem Gedicht ausgehend habe ich versucht, das Spektrum des Spürens zu skizzieren", sagt Meyer-Sickendiek. Es reicht vom elementaren Spüren von Wind und Wetter über das existenzielle Spüren von Gefahren oder Rausch, dem Spüren von Gemeinschaft oder der Abwesenheit einer geliebten Person bis hin zum Spüren von Atmosphären und der Zeit.

Die menschliche Wahrnehmung wird auch durch historische Prozesse beeinflusst. Auch dies könne man an Gedichten gut ablesen. So werde das Erspüren der abwesenden Geliebten in Werken der Romantik völlig anders thematisiert als in zeitgenössischen Texten – auch deshalb, weil man in der Moderne den Fetisch kennt, das Ersatzobjekt im Freudschen Sinne, das imstande ist, die klassische Sehnsucht zumindest kurzzeitig zu ersetzen.

Ein Meister des Spürens sei der Lyriker Rainer Maria Rilke. In seinem Gedicht „Spaziergang“ aus dem Jahr 1924 geht es um den Gegenwind, der einen frontal erwischt, und aus dem Rilke etwas anderes ableitet, „nämlich die Zukunft und letztlich das Schicksal, das auf einen zugeweht kommt“, sagt Burkhard Meyer-Sickendiek.

Schon ist mein Blick am Hügel, dem

besonnten,

dem Wege, den ich kaum begann, voran.

So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,

voller Erscheinung, aus der Ferne an –

und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen,

in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;

ein Zeichen weht, erwidernd unserm

Zeichen…

Wir aber spüren nur den Gegenwind.

Wer Gedichte analysiert, kommt nicht umhin, sich mit deren Metrik – der Abfolge von langen und kurzen oder betonten und unbetonten Silben – und rhythmischer Gestaltung zu beschäftigen. Damit lassen sich Form und Inhalt über einen längeren Zeitraum vergleichen.

Naturgedichte der Romantik haben ein strenges Versmaß und eine klare Struktur. Wird in ihnen deshalb auch einheitlicher gespürt? „Spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird die Gedichtsprache fragmentarischer und weniger melodisch“, sagt Meyer-Sickendiek. So habe der Naturalist Arno Holz in den 1910er und 1920er Jahren die Lyrik formal revolutioniert: „Holz hat gar nicht mehr in Versen oder Reimform geschrieben, das ging stark in Richtung visuelle Poesie.“

Trotzdem sei das intensive Erleben von Natur oder Atmosphären in vielen Gedichten der Moderne noch vorhanden und spürbar – auch wenn die lyrische Sprache nicht mehr dieselbe sei.

Die österreichische Dichterin Friederike Mayröcker hat lyrische und romanhafte Sprache verschmolzen und mit den Grenzen der beiden Gattungen immer wieder experimentiert. In ihrem Gedicht „Solch Flugs- oder Schnee Schrift“ hat sie blitzartige Empfindungen lyrisch zu Papier gebracht. „Ihre Sprache ist dabei fast prosamäßig, und nur noch an der linksbündigen Ausrichtung als Gedicht erkennbar“, sagt Burkhard Meyer-Sickendiek.

hallo hallo hier ist das zar Rußland (Traum)

und ich spüre es in der Straßenbahn manchmal oder

wenn ich 1 Gedicht von Gennadij Ajgi lese oder

beim Warten in der Fleischhauerei oder

wenn ich, über das Kopfsteinpflaster stolpernd,

mich dem Anblick des Winterhimmels hingebe, wie es sein wird

wenn ich gestorben bin, wirklich nur 1 Sekunde lang, 1 Schwindelanfall

.. so schleifen (schlittern) im Schlaf im Kirchenzimmer nämlich

diese auf der Zunge geschmeckte Spar- oder Spur losigkeit

eines Schneefalles

Auch in diesem Gedicht dreht sich alles um einen kurzen Moment: die plötzliche Empfindung, wie es sein wird, wenn man gestorben ist. „Ich glaube, dass Spüren so funktioniert. Dass es darum geht, diesen einen Augenblick festzuhalten“, sagt Meyer-Sickendiek.

Wie Peter Høegs Romanfigur Smilla Jaspersen, die wahrnimmt, wie Bewegung in Stillstand übergeht. Die spürt, wie sich im Beinahe-Stillstand der Schnee unter der Oberfläche fast unmerklich regt. „Selbst wenn keine Wärme da ist, kein neuer Schnee, kein Wind, selbst dann verändert sich der Schnee. Als würde er atmen, als würde er sich verdichten, sich heben und senken und sich zersetzen.“

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