Zeitung Heute : Zwischen den Welten

Vorbild für den Nahen Osten? Wie sich ein Beitritt auswirken könnte

Thomas Seibert[Istanbul]

Befürworter eines EU-Beitritts der Türkei hoffen darauf, dass das Land im „Kampf der Kulturen“ vermittelt. Kann die Türkei tatsächlich eine Brücke zwischen dem Westen und der islamischen Welt sein?

Freut sich Osama bin Laden über einen möglichen EU-Beitritt der Türkei? Wenn man Muammar al Gaddafi glauben kann, lautet die Antwort: Ja. Die Türkei sei das Trojanische Pferd der islamischen Welt und auch der Muslim-Extremisten wie bin Laden, sagte der libysche Staatschef.

Dass radikale Islamisten die Türkei benutzen wollen, um Europa zu unterwandern und zu erobern, ist wohl nur in der Welt des exzentrischen libyschen Diktators eine realistische Vorstellung. Die Befürworter eines Türkeibeitritts erhoffen sich von dem Land zwischen Bosporus und Ararat eine Brückenfunktion ganz anderer Art: Die Türkei als Land zwischen Ost und West kann ihrer Meinung nach als muslimische Demokratie zur Stabilität der ganzen Region und auch zur Sicherheit Europas beitragen. Von ihrer geografischen Lage her ist die Türkei wie geschaffen für den Versuch, den Westen und die islamische Welt miteinander zu versöhnen.

Auch politische Strukturen und die entsprechenden Biografien für diesen Versuch sind in der Türkei vorhanden. Außenminister Abdullah Gül verbrachte viele Jahre bei der Islamischen Entwicklungsbank in Saudi-Arabien. Gül und andere türkische Spitzenpolitiker sprechen Arabisch. Bei einem Erfolg ihrer EU-Bewerbung wäre die Türkei zugleich Mitglied in der EU und in der Organisation Islamischer Staaten. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 berief die Türkei ein Treffen der beiden Organisationen in Istanbul ein, bei dem Vertreter aus 65 Staaten über das Projekt einer „gemeinsamen Zivilisation“ sprachen. Nun sind Konferenzen das eine, konkreter politischer Einfluss auf eine ganze Weltregion hingegen etwas anderes. Im Irak würde die Stimme der EU mehr Gehör finden, doch eine Einigung auf eine gemeinsame Haltung der Union würde etwa genauso schwierig sein wie heute.

Sicher ist, dass das Gewicht der EU im Nahen Osten wachsen würde, wenn sie die Türkei in ihren Reihen hätte – schließlich wären die Europäer dann direkte Nachbarn von Staaten wie Syrien,dem Irak und Iran. Die Türkei verfügt über sehr gute Beziehungen zu Israel und zu den Palästinensern, was den Einfluss der EU ebenfalls stärken würde.

Weniger sicher ist, ob ein EU-Staat Türkei als Modell für die Verbindung von Demokratie und Islam große Strahlkraft auf umliegende Länder haben würde. In großen Teilen der arabischen Welt sind die Türken als Nachfolger der früheren osmanischen Herrscher über ihre Länder nicht sehr beliebt. Umgekehrt haben die Türken nicht viel Sympathie für die Araber.

Zwar dürften viele Bürger der Nahoststaaten nachdenklich werden, wenn sie in den nächsten Jahren die Entwicklung eines friedlichen, demokratischen und zunehmend wohlhabenden EU-Staates Türkei beobachten können. Ein Dominoeffekt der Demokratie im Nahen Osten, wie ihn sich vor allem die USA wünschen, wäre trotzdem auch mit der Türkei in der EU unwahrscheinlich. Anders als bei der Türkei, die bei ihrer Gründung vor gut 80 Jahren durch Atatürk eine westliche Staatsstruktur mit Frauenrechten, Gewaltenteilung und dem Prinzip der Machtkontrolle durch den Wähler erhielt, fehlt bei den meisten Staaten im Nahen Osten eine solche historische Entwicklung.

Allerdings würde die EU in der islamischen Welt an Renommee gewinnen, wenn sie der muslimischen Türkei die Tür öffnete und damit zeigte, dass sie kein reiner „Christenclub“ sein will. Dies allein könnte das weltpolitische Gewicht der EU erhöhen.

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