Zeitung Heute : Zwischen den Welten

Andrea Nüsse[Kairo]

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat sich erneut als Vermittler im Karikaturen-Streit angeboten. Was kann er in der arabischen Welt überhaupt bewirken?


Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, selbst ein Islamist, hat die islamische Welt zu Mäßigung und Ruhe aufgerufen – und gleichzeitig dem Westen „kulturelle Arroganz“ vorgeworfen. Mit dieser ausgewogenen Position versucht die Türkei, ihren Anspruch als Scharnier zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt zu unterstreichen. Zumindest dürfte es der türkischen Regierung damit gelungen sein, die türkischen Muslime von gewaltsamen Protesten abzuhalten.

Doch die arabische Welt ist ansonsten nicht besonders gut auf die Türkei zu sprechen – sie macht die jahrhundertelange osmanische Fremdherrschaft für die eigene Rückständigkeit mitverantwortlich. Das türkische Modell einer islamistischen Regierung an der Macht in einem laizistischen Land wird zwar in der arabischen Welt mit Interesse verfolgt. Auch die Weigerung der Türken, amerikanische Truppen durch die Türkei in den Nordirak marschieren zu lassen, hat in der arabischen Welt großen Respekt hervorgerufen. Dennoch ist die Türkei als nicht-arabisches Land, dessen Geschichte mit Atatürks erzwungener Säkularisierung eine ganz eigene Wende genommen hat, bisher kein Modell für die arabische Welt oder ihre Islamisten.

Doch eine erfolgreiche Vermittlungsrolle der Türkei scheint auch aus einem anderen Grunde schwierig: Die Ursachen der Proteste in den einzelnen arabischen und islamischen Ländern sind sehr unterschiedlich – und hängen eindeutig auch mit innenpolitischen Faktoren zusammen. Die Regime Syriens oder Irans ermunterten die Bevölkerung zu Protesten und ließen die teilweise gewalttätigen Angriffe zu. Ablenkung von anderen Konflikten und eine Stärkung der eigenen Legitimität sind die Gründe. In einer solchen aufgeladenen Situation kann auch ein Drittland als Vermittler nur wenig ausrichten.

Doch nicht nur die Regierungen verfolgen eigene politische Ziele. Einigen Islamisten, die an einer Konfrontation mit dem Westen und seinen Idealen interessiert sind, kam die dänische Steilvorlage gelegen, um für ihr eigenes Wertesystem zu werben. Solange aber viele Gruppen so unterschiedliche innenpolitische Interessen in dem Streit verfolgen und die EU ebenfalls uneins ist, hat es jeder Vermittler – gerade auch die Türkei – schwer.

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