ZWISCHEN DEN WELTENSherko Fatah liest aus „Das dunkle Schiff“ : Fruchtbare Distanz

Jens Mochow

Den kurdischen Nordirak kennt der Schriftsteller Sherko Fatah von klein auf. 1964 wurde er in Ost-Berlin als Sohn eines Kurden und einer Deutschen geboren und wuchs in der DDR auf, bis die Familie Mitte der siebziger Jahre in den Westen übersiedelte. In West-Berlin studierte er Philosophie und Kunstgeschichte. Der Irak aber blieb ein ständiger Bezugspunkt: Sein Vater ist dorthin zurückgekehrt. Auch für seinen dritten Roman „Das dunkle Schiff“ hat Fatah das Land bereist und mit Menschen gesprochen, die gegen die Gotteskrieger kämpften. Mit Terroristen zu sprechen, die in irakischen Gefängnissen sitzen, erwies sich als sinnlos, weil von ihnen nur Propaganda zu erfahren war. Der Roman liest sich so wirklichkeitsnah, als hätte Fatah selbst am Krieg teilgenommen.

Es ist eine beklemmende, atemraubende Lektüre. Fatah widersteht der Versuchung, die islamistischen Fundamentalisten bloß als ungebildete, bärtige Schreckensgestalten zu zeichnen. Ihm geht es um die Verstrickung des Einzelnen, um den Verlust der Entscheidungsfähigkeit: Die Geschichte seines jungen Helden Kerim beruht auf Zufällen, nicht auf geplanten Handlungen.

Mit Fatah kommt ein neuer Ton in die deutsche Literatur. Er erweitert ihr Themenspektrum, ihren Zuständigkeitsbereich. Migration, Exil und das Verhältnis von westlicher und orientalischer Welt rücken bei Fatah aus dem biografischen „Hintergrund“ in den literarischen Vordergrund. „Ich versuche, Distanz zu schaffen zwischen mir und dieser Herkunft und diese Distanz literarisch fruchtbar zu machen“, sagt er. Jens Mochow

Literaturforum im Brecht-Haus, Do 6.3., 20 Uhr,

5 €, erm. 4 €

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