Zeitung Heute : Zwischen den Zeiten

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Tausende Demonstranten feiern in Beirut den Rücktritt der libanesischen Regierung. Wie könnte es jetzt weitergehen in dem Land?

Rechtfertigen die Proteste Zehntausender in Libanon die Hoffnungen auf eine Entwicklung, wie sie die Ukraine nach der sanften Revolution Ende 2004 genommen hat? Die Erfahrung lehrt eher, dass Realist in Libanon ist, wer mit dem Schlimmsten rechnet. Das könnte Bürgerkrieg bedeuten. Die Situation ist jedoch anders als vor ziemlich genau 30 Jahren. Damals begann das blutige Chaos, das erst 15 Jahre und 150000 Tote später ein Ende fand. Ein militärisches, kein politisches. Die damals als Minoritätenschutz- und Ordnungsmacht ins Land gerufenen Syrer sind noch da – in geringerer Truppenstärke, aber mit größerem Einfluss.

Am 28. August 2004 befahl Syriens Präsident Baschar al Assad dem libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri, mittels Verfassungsänderung die Amtszeit des Syrien hörigen Präsidenten Emile Lahoud um drei Jahre zu verlängern. Seither ist Libanon nicht mehr, was es anderthalb Jahrzehnte lang war: Ein Land, dessen Einwohner trotz aller Widrigkeiten aus eigener Kraft Verbesserungen erreichten, denen Wachstum und Wohlstand wichtiger sind als Politik. Niemand, am wenigsten die Syrer, hätte ihnen zugetraut, dass sie für die Unabhängigkeit auf die Straße gehen würden. Vermutlich deshalb hat Assad nun den Abzug der syrischen Truppen in Aussicht gestellt.

Alles ist unberechenbar geworden in Libanon: Die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen könnten ihre einheitliche politische Front beibehalten. Einzelne Gruppierungen könnten aber auch die Chance auf Machtzuwachs wittern. Das würde dann doch Bürgerkrieg bedeuten.Denkbar wäre auch, dass sich die Massen mit dem bisher Erreichten begnügen: mit dem Rückzug der syrischen Truppen an die gemeinsame Grenze, mit der Wahrscheinlichkeit, dass Hassam Ghasal, der allmächtige syrische Geheimdienstchef in Beirut, gefeuert wird, mit dem Rücktritt des Syrien ergebenen Regierungschefs Omar Karame und seines Kabinetts. Das aber wäre das Ende der Revolution, kaum dass sie begonnen hat.

Oder zieht Syrien seine Truppen zurück, versucht aber politisch das Sagen zu behalten? Dann müsste al Assad nicht um seine Macht und sein Leben fürchten, doch die syrischen Soldaten sehr wohl um das ihre. So friedlich sich dieses Land jüngst präsentierte, so brutal gingen die Libanesen bereits vor dem Bürgerkrieg miteinander um. Es ist kaum anzunehmen, dass all die Kämpfer und Raubritter ihr blutiges Handwerk vergessen haben.

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