Zeitung Heute : Zwischen Fachwissenschaft und Öffentlichkeit

Neuer Master-Studiengang Public History am Friedrich-Meinecke-Institut

Sabrina Wendling

Verschanzt hinter Büchermauern in Bibliotheksarchiven wühlt sich der Historiker durch uralte, staubige Quellen, den Blick stets in die Vergangenheit gerichtet – so das Vorurteil. Der neue Master-Studiengang „Public History“ an der Freien Universität will Geschichte in die Gegenwart holen: Der praxisnahe Studiengang bildet Experten aus, die Geschichte öffentlichkeits- und medienwirksam vermitteln können.

„Public History“ ist im Wintersemester 2008/09 angelaufen und eine Kooperation zwischen der Freien Universität Berlin und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Im Mittelpunkt des deutschlandweit einzigartigen Master-Programms steht die Auseinandersetzung mit der Geschichte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts auf politischer, ästhetischer und kommerzieller Ebene. Die Studierenden sollen über Geschichtswahrnehmungen und -aneignungen, Erinnerungskulturen und Deutungskonkurrenzen nachdenken und lernen, Geschichte für ein breites Publikum aufzubereiten. „Wir möchten die angehenden Historiker vorbereiten auf neue, öffentlichkeitsbezogene Tätigkeitsfelder jenseits von Universität und Schule, die in der universitären Ausbildung bislang zu kurz kamen“, sagt Professor Paul Nolte, der den Studiengang an der Freien Universität leitet.

Wie der Name „Public History“ vermuten lässt, verknüpft der Studiengang das Fach Geschichte mit „Public Relations“. Eine für manche noch ungewöhnliche Kombination, wie erste Reaktionen in den Medien gezeigt haben. Eine überregionale Zeitung setzte sich kürzlich mit dem neuen Master-Studiengang auseinander, weil sie befürchtete, dass am Ende nur noch „Powerpoint-Profis mit Kurzzeitgedächtnis“ stehen würden, die nicht mehr mit den „Kernkompetenzen der Recherche und Quellenkritik“ vertraut wären.

Professor Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Co-Leiter des Studiengangs, setzte dieser Besorgnis in seiner Antwort entgegen, dass der Studiengang dem „Wandel der Geschichtskultur“ Rechnung trage, „in dem Verlage, Vereine, Medien und Museen nicht weniger den Ton angeben als Geschichtslehrer und Geschichtsprofessoren.“ Außerdem betonte Sabrow, dass der Master-Studiengang auf einem fachwissenschaftlichen Grundstudium aufbaue und die Absolventen demnach keine „Handlanger des öffentlichen Amüsierbetriebes“ seien – das war der journalistische Vorwurf – sondern „kundige Brückenbauer zwischen Fachwissenschaft und Öffentlichkeit“.

„Die Hälfte der 18 Studierenden sind Absolventen der Freien Universität, die anderen kommen aus der gesamten Republik und aus dem Ausland“, freut sich Nolte, „wir hatten bereits im ersten Jahr mehr Bewerber als Studienplätze.“ Anna Katharina Laschke hat an der Freien Universität den Bachelor-Studiengang mit Lehramts-Option in den Fächern Geschichte und Deutsch absolviert. Am Master-Studiengang „Public History“ reizt sie die Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. „Eigentlich wollte ich immer Lehrerin werden, aber dann habe ich gemerkt, dass ich Geschichte auf einer ganz anderen Ebene vermitteln will, zum Beispiel in einem Museum“, sagt die 22-Jährige. Martin Eitner kann sich gut vorstellen, später als Journalist zu arbeiten. Er schätzt daher den starken Praxisbezug des Studiengangs.

In ihrem ersten Semester setzen sich die Studierenden nicht nur intensiv mit geschichtspolitischen Diskursen des 20. Jahrhunderts und historischem Lernen jenseits der Schule auseinander. Sie erproben auch den kritischen Umgang mit verschiedenen elektronischen Medien, die für die Vermittlung von Geschichte eingesetzt werden. 2009 folgen dann studienbegleitende Praktika in Museen, Gedenkstätten, Zeitungen – und damit die ersten eigenen Schritte in die „Public History“.

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