Zeitung Heute : Zwischen Feuer und Wasser

Verzweifelt stehen sie am Kai und warten. Aber sie erfahren nichts. Nur von einem großen Brand an Bord erzählen die Überlebenden

Andrea Nüsse[Safaga]

Darauf haben die beiden Frauen mit den dunkelblauen Kopftüchern seit Stunden gewartet. Der Schlepper löst sich von der Fregatte der ägyptischen Marine, die in etwa 800 Metern Entfernung vom Hafen Anker geworfen hat. Die Frauen erheben sich von den Holzbänken und rennen an den Rand des Hafenbeckens. Der Schlepper kommt direkt auf den Kai zu. Er hat die ersten von 60 Überlebenden an Bord, die mit dem Kriegsschiff in den Hafen von Safaga gebracht worden sein sollen. Doch kaum legt der Schlepper an und die ersten Menschen werden sichtbar, schreien die Frauen laut auf, rufen Allah an, eine von ihnen ist der Ohnmacht nahe. „Mein Bruder ist nicht dabei, mein Bruder ist nicht dabei.“

Gut zu sehen auf der Brücke sind nur einige Mitglieder der Mannschaft und ein Mann mit bandagiertem Arm und Kopf. Offenbar ein Überlebender. Umstehende, die ebenfalls verzweifelt auf Neuigkeiten von Angehörigen warten, versuchen die Frauen zu beruhigen, es kämen noch weitere Überlebende mit einer zweiten Fuhre von der Fregatte.

Doch die Frauen hören nicht mehr hin. Sie warten seit eineinhalb Tagen auf ein Lebenszeichen ihres Bruders, der auf der „Salam Boccaccio 98“ aus dem saudischen Duba nach Ägypten zurückkehren wollte. Schließlich gehen die Wehklagen im allgemeinen Tumult unter. Ein Überlebender in brauner, bodenlanger Galabiyya, der kräftig und unverletzt wirkt, wird von Männern umringt, die ihm Namen zuwerfen. „Hast du Ahmed aus Qena gesehen? Oder Ismail aus Port Said?“

Doch der Mann mit den grauen kurzen Haaren schüttelt den Kopf, und beginnt zu erzählen, wie er 14 Stunden lang in einer aufblasbaren Rettungsinsel auf dem Wasser getrieben hat, die von Hubschraubern abgeworfen wurde. Es habe ein Feuer an Bord gegeben, berichtet er, das Schiff sei trotzdem weitergefahren, mehr ist nicht zu verstehen. Ein anderer Überlebender kommt herbei, in langer Unterhose, barfuß, sichtlich geschwächt. Auf dem Autodeck sei das Feuer ausgebrochen, erzählt er. „Wir haben die Mannschaft aufgefordert: Lasst uns umkehren, lasst uns Hilfe holen.“ Aber die Besatzung habe erklärt, es sei alles unter Kontrolle. Dann wird der Überlebende gestützt und in einen der etwa 40 bereitstehenden Krankenwagen geführt.

Ein anderer berichtet, an Bord sei Panik ausgebrochen, als es zu brennen angefangen habe. Mitglieder der Besatzung hätten darauf mehrere Frauen in ihren Kabinen eingeschlossen. „Nach einer Weile bekam das Schiff Schlagseite, es fuhr aber noch lange Zeit weiter. Dann hörten wir plötzlich Explosionen, und ein paar Minuten später sank das Schiff.“

Wieder ein anderer erzählt, die Besatzung habe die Leute davon abgehalten, Schwimmwesten anzulegen, damit keine Panik entstehe. Immer wieder sei erklärt worden, es bestehe kein Grund zur Aufregung, man habe alles im Griff und werde das Feuer löschen. Als es dann aber wirklich ernst geworden sei, „stieg die Besatzung in die Rettungsboote, als Erster der Kapitän, und ließ uns zurück.“ Dann werden die letzten Überlebenden zu den Krankenwagen gebracht. Laut hupend fahren sie davon. Die Menge der Wartenden wird durch einen massiven Einsatz von Polizisten zurückgedrängt.

Trotz dieser rüden Behandlung sind jene etwa 400 Angehörigen, die es bis auf das Hafengelände geschafft haben, bereits privilegiert. Viele andere, zumeist an der Galabiyya und dem Schal auf dem Kopf als einfache Bewohner Oberägyptens zu erkennen, müssen am Hafeneingang, auf der Hauptstraße der kleinen, provinziellen Hafenstadt südlich der Touristenhochburg Hurghada warten. Schwarz gekleidete Polizisten, mit Schildern und Helmen, sperren den Eingang zum Hafen ab. Niemand kommt hier mehr durch. Dennoch spricht sich die Nachricht von der Ankunft eines neuen Bootes mit Überlebenden herum.

Insgesamt etwa 350 der 1400 Passagiere und Mannschaftsmitglieder der „Salam Boccaccio 98“ sollen gerettet worden sein, 185 Leichen wurden angeblich geborgen. Doch im Militärkrankenhaus von Safaga soll bisher nur eine einzige Leiche angekommen sein. Wo sind die restlichen Toten? Niemand weiß Genaueres. Niemand gibt Auskunft. Kein Vertreter der Reederei Salam Maritime, der das Unglücksschiff gehört. Kein Vertreter der Polizei oder der Regierung. Plötzlich fliegt der erste Stein. Immer mehr Männer greifen nach Steinen und schleudern sie auf die Polizisten. Mit Schlagstöcken werden die Menschen, die wahrscheinlich Angehörige verloren haben, zurückgetrieben.

„Hier ist das totale Chaos“, beschwert sich Gamal, der es am Morgen geschafft hat, auf das Hafengelände vorzudringen. „Mein Bruder war auf der Fähre, er arbeitet in Saudi-Arabien als Lehrer“, sagt der Satellitentechniker, der selbst in Port Said arbeitet und am Freitagmorgen sofort nach Safaga aufgebrochen war. Am Samstagmorgen gegen sechs Uhr habe er zusammen mit anderen die drei Tore am Hafeneingang gestürmt, und so sei er hierher gelangt, erklärt er. Nein, von der Reederei habe sich hier niemand blicken lassen. Nur die Polizei habe am Freitag und am Sonnabendmorgen Listen mit Namen verlesen. Namen von Überlebenden. Aber sie hätten immer wieder die gleichen Listen verlesen. Ansonsten keine Angaben über den Stand der Rettungsarbeiten, auch nichts darüber, wie es draußen auf dem Meer an der Unglücksstelle aussieht. Ob Psychologen vor Ort seien? „Was glaubst du, wo du bist“, fragt Gamal, und er lacht sarkastisch. „Du bist hier in Ägypten.“

Eine Abordnung des Innenministeriums, leicht an ihren feinen Anzügen und an den geföhnten Frisuren zu erkennen, betritt den Kai. Die Männer wirken wie Fremdkörper inmitten der traditionell gekleideten Oberägypter, denen man die Armut ansieht. Diese Menschen benutzen die Fähre nach Saudi-Arabien, weil sie mit 225 Pfund (33 Euro) das billigste Transportmittel ist. Doch die feinen Herren aus Kairo sind nicht gekommen, um zu der Menge zu sprechen. Auf ihre Anweisung hin hebt ein Polizist erneut das rote Megafon und fordert die Wartenden auf, sich vom Kai zu entfernen und in die Wartehalle zurückzukehren. Warum die Fregatte mit den angeblich 60 Überlebenden seit mehr als drei Stunden in Sichtweite liegt, ohne dass sich etwas tut, erklärt niemand. Erst eine Stunde später fährt ein Boot zur Fregatte. Als es zurückkehrt, drängt die Menge sich um das Boot. Nein, man habe keine Überlebenden gebracht, heißt es, man habe lediglich einen hohen Offizier an Bord der Fregatte gefahren. Dann dauert es noch einmal zwei Stunden. Die Menschen warten und warten. Nichts rührt sich. Ob der Offizier vielleicht erst einmal Tee trinkt an Bord der Fregatte? Nichts scheint ausgeschlossen.

Auch Sonja hat bisher nichts von der Reederei gehört. Die Frau in dem beigefarbenen Schleier bangt um ihren Sohn Mohammed Majdi: Er fuhr als Steward auf der „Salam Boccaccio 98“, es war ein neuer Job, den er erst seit einem Monat hatte. „Er ist doch erst 24 Jahre alt und hat gerade erst seine Ausbildung beendet“, sagt die 45-Jährige. Von der Reederei, bei der ihr Sohn angestellt war, hat sie bisher nichts gehört. „Wenn ich dort anrufe, heißt es nur: Wir wissen nichts.“ Kein Wort der Information über das Unglücksschiff.

Aber der Satellitentechniker Gamal kennt die 35 Jahre alte Fähre. In Italien soll sie ausrangiert worden sein, erzählt er weil sie den neuesten Sicherheitsbestimmungen nicht mehr entsprach. Drei Mal habe er mit der jetzt gesunkenen „Salam Boccaccio 98“ die Überfahrt aus Saudi-Arabien gemacht, wo er drei Jahre lang gearbeitet habe. „Das ist ein altes, heruntergekommenes Schiff“, sagt er. Es habe zwar Rettungsboote an Bord gehabt, aber er habe gesehen, dass die Aufhängungen verrostet waren. Im Notfall, da ist er sich sicher, wären sie gewiss nicht zu öffnen gewesen.

Sein Blick wandert zur Fähre „Mawaddah“, zu einem großen Passagierschiff mit blauem Rumpf, das einige hundert Meter weiter links im Hafen liegt. Es verkehrt ebenfalls auf der Strecke ins saudische Duba. Doch seit dem Unglück ist der Verkehr hier eingestellt worden. In einem der Rettungsboote an Bord der „Mawadda“ klettern Arbeiter herum. Wie um Gamals Zweifel an den Sicherheitsvorkehrungen zu widerlegen, wird plötzlich eines der Rettungsboote ins Wasser hinabgelassen. Dort bleibt es den restlichen Tag hängen. Vor den Augen der Ägypter, deren Angehörige wahrscheinlich keinen Platz in einem Rettungsboot fanden.

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