Zeitung Heute : Zwischen Gut und Böse

Hartmut Wewetzer

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass auch adulte Stammzellen Krebs erregen können. Welche Gefahr gäbe es, wenn diese in Körper eingesetzt werden?

Stammzellen aus menschlichem Fettgewebe können im Tierversuch Krebs auslösen. Das ergaben Versuche von Daniel Rubio von der Autonomen Universität Madrid, deren Ergebnisse im Fachblatt „Cancer Research“ veröffentlicht wurden. Das verblüfft auf den ersten Blick, denn bisher war zumindest die breite Öffentlichkeit davon ausgegangen, dass adulte (erwachsene) Gewebe-Stammzellen eher gutartige Gesellen sind. Ganz im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen, die nicht zuletzt wegen ihres enormen Wachstumspotenzials große Ähnlichkeit mit Krebszellen haben. Diese Eigenschaft verlieren sie erst, wenn sie mit Hilfe zellbiologischer Tricks gezähmt werden.

Muss nun umgedacht werden? „Diese Studie zeigt erneut, dass man embryonale und adulte Stammzellen nicht getrennt sehen darf“, sagt Otmar Wiestler, Stammzellforscher und Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Besteht also ein unentdecktes Risiko für Menschen, die bereits mit Stammzellen, etwa aus dem Knochenmark, behandelt wurden? „Die Behandlung mit Stammzellen aus dem Knochenmark ist sehr sicher“, beruhigt Daniel Besser, Stammzellforscher am Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin.

Die spanischen Forscher züchteten die menschlichen Bindegewebs-Stammzellen über bis zu acht Monate in Petrischalen. In dieser Zeit teilten sich die Zellen zwischen 90- und 140-mal. Als man sie in Tiere einpflanzte, entwickelten die ältesten von ihnen krebsartiges Wachstum. Dagegen werden Stammzellen aus dem Knochenmark, wie sie heute eingesetzt werden, nur kurze Zeit außerhalb des Körpers gehalten und teilen sich nicht.

„Unter normalen Bedingungen sind diese Zellen ziemlich sicher“, sagte Antonio Bernad vom Madrider Forscherteam dem Magazin „New Scientist“. „Der Schlüssel besteht darin, die Zellen nicht zu lange außerhalb des Körpers wachsen zu lassen.“ Mit jeder Teilung können sich Genschäden im Erbmaterial der Zellen anhäufen. Und die sind Ursachen für Krebs.

Bei den etablierten Stammzell- Behandlungen besteht keine Gefahr, sieht man von den seltenen Fällen ab, bei denen durch eine Organverpflanzung versehentlich auch Krebs mittransplantiert wurde. Allerdings muss das Krebsrisiko bedacht werden, wenn es um künftige StammzellTherapien geht. Dafür könnte es erforderlich sein, spezielle Zellen in der Petrischale zu züchten. „Man wird dann genau kontrollieren müssen, welche Eigenschaften die Zellen haben, bevor man sie dem Patienten gibt“, sagt Besser.

Bis neuartige Stammzell-Therapien ausgereift sind, um zum Beispiel die Schüttellähmung (Parkinson) oder die Zuckerkrankheit (Diabetes) gezielt zu behandeln, wird allerdings noch einige Zeit ins Land gehen. „Ich rechne damit, dass es in zehn Jahren so weit ist“, sagt Besser. „Der Weg ist noch lang und steinig.“

Stammzellen und Krebs sind in jüngster Zeit noch aus einem anderen Grund in die Diskussion gekommen. Untersuchungen legen nahe, dass Krebs eine Erkrankung ist, die aus adulten Stammzellen entsteht. „Natürlich kommt es darauf an, wie weit man den Begriff Stammzelle fasst“, sagt der Krebsforscher Wiestler. „Aber in gewisser Weise kann man sagen, dass jeder Krebs ein Produkt von Stammzellen ist.“

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