Zeitung Heute : Zwischen Himmel und Erde

Die Luftfahrtbranche bietet für qualifizierte Quereinsteiger gute Jobchancen – Umschulungen und Aufbaustudiengänge

Dorothee Schmidt

Mit einer U-Bahn-Fahrt begann Walter Gasts Weg in die Luftfahrtbranche. „Wir starten durch“ stand auf einem Werbeplakat des Bildungsträgers Trainico, das er in der U-Bahn sah. Damals war Walter Gast aus Charlottenburg schon anderthalb Jahre arbeitslos, hatte 180 Bewerbungen geschrieben, ohne Erfolg. Ihn, den ehemaligen Produktionsleiter einer deutschen Firma in Polen, wollte mit 48 Jahren niemand mehr einstellen. Die Anzeige bezeichnet er heute als „kleinen Strohhalm“. Er kämpfte bei der Arbeitsagentur für einen Bildungsgutschein und ließ sich bei Trainico zum Luftverkehrskaufmann umschulen. Walter Gast absolvierte Praktika bei einer Reisebürokette in Rostock, am Flughafen Bremen und in der Abteilung für Rechnungswesen der Berliner Flughäfen. Dort ist er direkt nach der Umschulung übernommen worden. „Die Mischung aus Buchhaltung und Kundenkontakt macht unheimlich Spaß – und die Luftfahrt ist sowieso faszinierend“, schwärmt der 51-Jährige.

Trainico ist ein Unternehmen der Lufthansa und des Flughafens Schönefeld, das in Berlin Fachkräfte für die gesamte Luftfahrtbranche weiterbildet und umschult. Das Programm ist vor allem auf Arbeitslose ausgerichtet. Sie werden später Triebwerke bei Rolls-Royce in Dahlewitz bauen oder Fluggäste in Schönefeld betreuen. Ihre Chancen, nach einer kaufmännischen oder technischen Weiterbildung einen qualifizierten Arbeitsplatz in der Luftfahrtbranche zu finden, stehen zurzeit sehr gut. „Wir haben mehr Arbeitsplätze als Bewerber“, sagt Rainer Schillo, Geschäftsführer bei Trainico. „Mehr als 90 Prozent der Teilnehmer können wir an Unternehmen vermitteln.“

Finanziert werden die Umschulungen und Weiterbildungen mit Bildungsgutscheinen der Bundesagentur für Arbeit. Es ist aber auch möglich, die Schulungen selber zu bezahlen. „In den kommenden Wochen starten neue Umschulungen und Fortbildungen, und die Klassen sind noch nicht voll“, sagt Rainer Schillo.

Am 22. Januar und 1. Februar beginnen beispielsweise sechsmonatige Fortbildungen zum „Aircraftspecialist“. Gesucht werden Elektriker und Menschen, die Metallberufe erlernt haben und Fluggeräte oder deren Bauteile fertigen möchten. „Die Aircraftspecialists werden beispielsweise an Airbus und EADS-Standorte vermittelt“, erklärt Rainer Schillo. EADS, das ist die European Aeronautic Defence and Space Company, eines der größten Luft- und Raumfahrtunternehmen weltweit. Nach einem Basistraining können sich die Teilnehmer auf die Arbeit mit Turbinen, Verbundstoffen, Metall oder Elektronik spezialisieren – je nach dem aktuellen Bedarf des Arbeitsmarktes. Ab 7. beziehungsweise 12. Februar kann man sich außerdem zum Flugbegleiter fortbilden lassen – in gerade mal sechs Wochen.

Etwa zwei Jahre dauern die Trainico-Umschulungen, die mit einer Prüfung der Industrie- und Handelskammer (IHK) abschließen. In den kommenden Wochen beginnen die Klassen der Fluggerätmechaniker (5. Februar), der Luftverkehrskaufleute (7. Februar) und der Elektroniker für luftfahrttechnische Systeme (22. Februar). Außerdem im Angebot: kaufmännische Umschulungen zu Luftverkehrkaufleuten (7. Februar) und Servicekaufleuten im Luftverkehr (4. April). Wer schon im Berufsfeld arbeitet, kann einige Umschulungen statt in Vollzeit auch nebenberuflich absolvieren, wie eine Art Abendschule: Gelernt wird vor allem zu Hause, die Prüfung der IHK ist am Ende jedoch dieselbe.

Ein Schulabschluss und Schul-Englisch sind die Voraussetzungen, die die Umschüler mitbringen müssen – und Mobilität. „Sie müssen bereit sein, dorthin zu gehen, wo die Flugzeuge gebaut und gewartet werden und wo die Flughäfen sind“, sagt Geschäftsführer Schillo. 20 Prozent der Absolventen werden nach Berlin und Brandenburg vermittelt, die anderen 80 Prozent arbeiten deutschlandweit. Ziel für die nächsten Jahre sei, die Vermittlungsquote für die Region auf 35 Prozent ausweiten.

Utopisch ist das nicht, denn die Luftfahrtbranche boomt in Berlin und Brandenburg. Die Region entwickelt sich neben Süd- und Norddeutschland zu einem dritten Zentrum der Luft- und Raumfahrttechnologie in Deutschland. Lufthansa hat angekündigt, in diesem Jahr 3000 neue Mitarbeiter einzustellen. 100 dieser Arbeitsplätze werden 2007 in Berlin und Brandenburg geschaffen, schätzt Wolfgang Weber, Pressesprecher der Lufthansa. „Noch ist Berlin im Wartestand. Die Initialzündung wird die Eröffnung des Flughafens BBI sein.“ An eine „spürbare Arbeitsplatzentwicklung“ in der Luft- und Raumfahrtindustrie glaubt auch Dietmar Schrick, Präsidialgeschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. „Es werden sich im Umfeld des BBI Zulieferer niederlassen sowie Firmen, die Turbinen warten, Kabinen reparieren oder kleiner Checks durchführen.“ Aber nicht der Flughafen allein spricht für einen Aufschwung in der Region. „Die Stärke des Standortes ist die hervorragende Zusammenarbeit der Industrie mit Universitäten und Forschungseinrichtungen, die sehr stark im Luftfahrtsektor engagiert sind“, sagt Dietmar Schrick.

So zum Beispiel in Cottbus an der Brandenburgischen Technischen Universität. Die dortige Fakultät für Maschinenbau und Elektrotechnik hat ein Studium der Flug-Triebwerkstechnik entwickelt. Neben einer Spezialisierung im Hauptstudium Maschinenbau wird die Triebwerkstechnik auch als eigenständiger Master angeboten. Als Industriepartner arbeiten Rolls- Royce in Dahlewitz und MTU Aero Engines in Ludwigsfelde sowie das Zentrum für Luft- und Raumfahrt am Studiengang mit. „Die räumliche Nähe nutzen wir zu einer engen Kooperation“, sagt Arnold Kühhorn, Professor für Strukturmechanik und Fahrzeugschwingungen. „Ein erheblicher Teil der anwendungsnahen Fächer werden von Experten der Industriepartner gehalten – unentgeltlich.“

Am südöstlichen Stadtrand Berlins in der Nähe von Königs-Wusterhausen liegt das Wildau Institute of Technology (WIT). Es ist das akademische Weiterbildungszentrum der Technischen Fachhochschule Wildau, das Ingenieure, Wirtschafts-, Natur- und Sozialwissenschaftler für die Arbeit in Führungspositionen weiterbildet. Firmen können einzelne Module der Studiengänge auch als Management-Seminar buchen, das auf ihr Unternehmen zugeschnitten wird. Für Akademiker mit mindestens zwei Jahren Berufserfahrung bietet das Institut einen berufsbegleitenden MBA-Studiengang als Fernstudium an. Drei einzelne Wochen pro Semester verbringen die zukünftigen Manager in Wildau. Als einen von drei Schwerpunkten können sie das Luftverkehrsmanagement wählen.

Ab September 2007 bietet das WIT außerdem einen berufsbegleitenden Master in Aviation Management an. „Er richtet sich vor allem an Universitätsabsolventen mit Wirtschafts- oder Ingenieursstudium und ist noch stärker auf den Luftverkehr ausgerichtet als der MBA“, erklärt Programm-Managerin Ulrike Kaczinski. Unterrichtet wird auf englisch, vier Wochen pro Semester in Wildau, sonst im Fernstudium mit einem virtuellen Campus und E-Learning-Plattform. So lernen die Teilnehmer im Studium, was später wichtig sein wird: gute Englischkenntnisse, Flexibilität und Mobilität.

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