Zeitung Heute : Zwischen Himmel und Hölle

Als Erstes möchte er ein Schnitzel essen, sagte Ulrich Hanel. Erschöpft, aber überglücklich kamen die befreiten Geiseln in Deutschland an. Doch 15 werden immer noch in der algerischen Wüste gefangen gehalten. Und ihre Angehörigen befällt jetzt die „nackte Angst“.

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Sie sah ein wenig aus wie eine Prinzessin, die zum Staatsbesuch angereist kam. Melanie Simon hob die Hand schüchtern zum Gruß, gerade war sie am Flughafen in Köln gelandet. Sie trug ein pinkfarbenes Kleid, Jalabiya sagen sie dazu in arabischen Ländern. Auf den Schultern ist es mit einem bestickten Aufsatz verziert, es sieht aus, als würde es auf dem Rücken in kleine Flügel münden. Eine sehr zarte Person, fast zerbrechlich, war da eingeschwebt. Als sie den Boden betrat, wollen Anwesende ein leichtes „Humpeln“ entdeckt haben. Vielleicht ist sie einfach noch nicht richtig angekommen in dieser Welt.

Zwei Monate waren Melanie Simon, ihr Freund Axel Mantey und 30 andere Europäer im algerischen Teil der Sahara in Gefangenschaft. Jetzt sind 17 Geiseln frei. Die sieben, die in Köln landeten, sahen erschöpft aus, aber überglücklich. Axel Mantey und Andreas Kiehlecher tragen jetzt dichte Bärte.

Von Köln reisten sie dann weiter in ihre Heimatorte, abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Nur zwei der Befreiten sprachen darüber, was sie in der Geiselhaft erlebt hatten. Einer von ihnen, der österreichische Reiseleiter Gerhard Wintersteller, war gestern abend im „RTL Nachtjournal“ zu sehen. Alle anderen geben kaum Informationen an die Öffentlichkeit, weil sie befürchten, damit die anderen Geiseln in Gefahr zu bringen. 15 werden noch in Algerien gefangen gehalten, darunter zehn Deutsche. Wintersteller sagte, dass sie gleich nach der Geiselnahme mit ihren Entführern immer auf der Flucht gewesen seien. „Wir sind vier Tage lang gefahren bis zu einem Wadi“, einem ausgetrockneten Flusstal. Da wurden sie einige Tage versteckt gehalten und fuhren dann weiter, irgendwann seien sie dann jede Nacht an einen anderen Ort gebracht worden. Die Entführer hätten wohl gespürt, dass ihnen das Militär auf den Fersen ist. „Wir waren am Ende unserer physischen Kräfte. Wenn es dann hieß gegen zwei Uhr, drei Uhr, so, hier lagern wir, fielen wir tot um und verbrachten so die letzten Nachtstunden.“ Wintersteller sagt, dass es sich bei den Geiselnehmern um islamistische Terroristen handele. „Sie beteten jeden Tag und erklärten uns, sie wollten den Gottesstaat in Algerien einführen.“

Zu den Umständen der Befreiung wollte der Österreicher nichts sagen, um die anderen Geiseln nicht zu gefährden. Was sich wirklich zutrug, darüber gibt es verschiedene Versionen. Das algerische Militär sagt, dass Scharfschützen schon am Dienstag im Morgengrauen die Wachen des Terrorlagers ausgeschaltet hätten. Gleichzeitig sollen mehrere hundert algerische Elitekämpfer das Versteck gestürmt haben: Ein Soldatentrupp nutzte den Überraschungseffekt, evakuierte die Geiseln, während eine andere Einheit den Rest der Geiselnehmer in Schach hielt. „Nach einer Viertelstunde war alles vorbei“, sagt ein algerischer Offizier. Alle Geiseln, zehn Österreicher, sechs Deutsche und ein Schwede, wurden unversehrt gerettet. Das algerische Militär sagt, man sei den Terroristen schon vor vier Wochen auf die Spur gekommen, die hatten jedoch immer wieder versucht, ihre Verfolger abzuschütteln. Vergeblich.

Schon am Montagmorgen soll der Befehl zum Angriff gekommen sein. Also zu dem Zeitpunkt, als Deutschlands Außenminister Joschka Fischer zu geheimen Marathongesprächen in Algier war. Es gilt als sicher, dass Fischer und die Regierungen Österreichs und der Schweiz über den bevorstehenden Angriff informiert wurden. Das Auswärtige Amt wollte dies nicht kommentieren.

Mit dem gleichen Schlachtplan und zum gleichen Zeitpunkt sollten wohl auch die anderen 15 Geiseln befreit werden. Auch diese Gruppe war vom Militär umzingelt worden, irgendwo im Wüstendreieck zwischen den Oasenstädten Illizi, Djanet und Tamanrasset. Angeblich nicht sehr weit vom gestürmten Geiselversteck entfernt. Der Plan gilt als gescheitert, mehr weiß man nicht. Die algerische Armee sagt, das Leben der übrigen Geiseln sei sehr gefährdet, weil die Terroristen auf weitere Angriffe vorbereitet sind. Aber vielleicht habe sie auch längst begonnen.

Andreas Mitko aus Augsburg befällt die „nackte Angst, dass sich die Entführer an den übrigen Geiseln rächen könnten“. Sein Vater Witek gehört zu jenen, die weiter in der Wüste gefangen gehalten werden. Er befürchtet, dass bei der vielleicht bevorstehenden zweiten Befreiungsaktion etwas schief geht: „Die sind doch jetzt gewarnt, das macht die Situation viel schwieriger.“

So sehr sich der Sohn darüber freut, „dass die anderen endlich zu Hause sind“, so unerträglich wird die Situation jetzt für ihn selbst. Dabei hat er vor ein paar Tagen erst noch aufatmen können, weil es endlich offizielle Bestätigungen dafür gab, dass sein Vater und die anderen verschwundenen Urlauber in Algerien noch am Leben sind. Nach all dem, was ihm Polizei und Auswärtiges Amt zuvor unter allergrößten Vorbehalten mitgeteilt hatten, malte er sich aus, dass sein Vater in einer Felshöhle gefangen gehalten wird, um überhaupt ein Bild vor Augen zu haben.

Jetzt kommen neue, schlimmere Vorstellungen hinzu. Irgendwie klammert sich Mitko nun an die Hoffnung, dass die deutschen Einsatzkräfte, die GSG9 vielleicht, für ein Wunder sorgen können. Wie damals in Mogadischu.

Mitko war bisher nach außen immer stark gewesen und hatte Gelassenheit demonstriert. Er kümmerte sich um das Geschäft für Kaminöfen, das er gemeinsam mit Vater Witek in der Augsburger Innenstadt führt, er lenkte sich ab mit Bowling und Motorradfahren. Aber wenn man nun mit ihm telefoniert, dann zittert seine Stimme, dann kann man die unsagbare Anspannung spüren. Und doch sagt er: „Ich werde jetzt nicht hysterisch. Dadurch kommt niemand frei.“

Am Ende des Gesprächs sagt er plötzlich, dass ihn vor ein paar Stunden das Bundeskriminalamt angerufen habe: „Ich darf aber nicht darüber sprechen, das könnte die Arbeit der Behörden behindern.“ Ganz leise spricht der große, starke Mann jetzt, so als würde ihm jeden Moment die Stimme versagen. Dann legt er auf.

Ulrich Hanel hat die Qualen, die Mitkos Vater vielleicht noch durchmacht, bereits hinter sich. Nach der Rückkehr aus der Geiselhaft sagte auch er, bei der Befreiung sei geschossen worden: „Ich bin froh, dass wir das Feuergefecht bei unserer Befreiung überstanden haben.“ In der Nacht zum Donnerstag war der 53Jährige ins oberfränkische Bad Staffelstein zurückgekehrt. Seit 17. März hatten seine Angehörigen kein Lebenszeichen von ihm erhalten. „Ich muss jetzt erst mal meine verlorenen 18 Kilo wieder auf die Rippen bekommen. Ich will jetzt einfach Luft holen, die ganze Sache verarbeiten.“ Sein allererster Wunsch zu Hause sei ganz einfach: „Ich möchte ein Schnitzel essen.“

Kaum ist Melanie Simon aus Göppingen zu Hause angekommen, packt sie schon wieder die Koffer. Ihre Familie wird mit ihr ein paar Tage in den Urlaub fahren. „Wir fahren gemeinsam weg, in der Familie kann sich Melanie am besten erholen“, sagt ihr Bruder. Die 25 Jahre alte Melanie war in der gleichen Gruppe wie Hanel durch die Wüste gereist. Melanie selbst hat in der Öffentlichkeit nicht über die Geiselhaft geredet. Aber im Lehrstuhl für Geomorphologie der Uni Bayreuth, wo die Chemie-Laborantin studiert, klingelt ständig das Telefon. „Wir können nicht mehr klar denken“, beschwert sich ein Mitarbeiter.

Dem Professor Ludwig Zöller soll Melanies Vater Hartmut nähere Umstände der Befreiung geschildert haben. Und widerspricht damit den Angaben des algerischen Militärs: „Es war demnach wohl keine gezielte Befreiungsaktion, vielmehr haben die Geiseln einfach die Gunst der Stunde genutzt und sind in die Arme einer Militärpatrouille geflüchtet“, sagt Zöller. Erst danach hätten die Soldaten die Verfolgung aufgenommen.

Melanie Simons Freund Axel Mantey, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bayreuther Lehrstuhl für polymere Werkstoffe arbeitet, ist abgetaucht: „Der Axel ist nicht hier in Sulzbach, an die Uni kann er vorerst nicht zurückkehren“, sagt seine Mutter Erika und sagt nicht, wo ihr Sohn gerade ist. Sobald er aber nach Bayreuth zurückkehrt, wollen sie dort eine „Riesenparty“ für ihn geben.

Zur selben Zeit in Miesbach, wo man noch auf die Rückkehr von Michaela Joubert und Andreas Kiehlechner wartet. Ihr Freund, Harald Ickler, kehrte am Nachmittag in einem Zivilfahrzeug der Polizei in sein Haus zurück. Seine Lebensgefährtin und die beiden kleinen Söhne haben das Haus für seine Rückkehr verziert: „Herzliche willkommen daheim“ steht in roten Buchstaben auf einem Schild über der Haustür. Dazu haben sie Luftschlangen und bunte Herzchen-Ballons aufgehängt. Die Familie zeigte sich ganz kurz vor ihrem Haus, dann verabschiedete sich Ickler von den umstehenden Journalisten mit den Worten: „Ihr habt mir versprochen, dass jetzt Ruhe ist.“

Seine Bekannten Kiehlechner und Joubert sind zunächst an einen unbekannten Ort in ihrem Heimatlandkreis gefahren. Sie und Ickler gehören zu einem Verein in Hausham, unweit von Miesbach. Der Club heißt „Die Baazbohrer“; Ickler ist der stellvertretende Vorsitzende, Josef Haberl war es einmal. Ihre gemeinsame Leidenschaft ist das Auto-Trecking, Abenteuer auf vier Rädern, und Josef Haberl weiß, wovon er spricht, wenn er über die Sahara redet. Er sagt, fast alle 30 Mitglieder des Vereins seien schon einmal in der Sahara gewesen. Deswegen war es „die reine Freude“, als sie von der Befreiung erfuhren. Zwar ist es schon einige Jahre her, dass Haberl selbst in Algerien war, doch hat er die Temperaturen von bis zu 60 Grad und die schwierigen hygienischen Bedingungen nicht vergessen: „Wenn man einmal unten war, dann kann man sich die Situation, in der die Geiseln gewesen sind, sehr gut vorstellen.“

Von Jörg Schallenberg, Ralph Schulze, Alexander Visser, Mirko Weber und Annabel Wahba

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