Zeitung Heute : Zwischen Integration und Isolation

CHRISTOPH STEHR

Nach erfolgreicher Operation und Bestrahlungstherapie hatte der Betriebsingenieur eines Chemie-Unternehmens seine Krebserkrankung quasi abgehakt.Trotz Folgeschäden fühlte er sich fit.Bis ihn eine Sachbearbeiterin der Krankenkasse fragte, ob er schon seinen Schwerbehindertenausweis beantragt habe."Behindert? Ich doch nicht!", antwortete er entgeistert.Dann kam sein Hausarzt auf den Ausweis zu sprechen.Als ihm auch noch die Schwerbehindertenvertretung seines Unternehmens Hilfe anbot, gab der Ingenieur nach und stellte den Antrag.

Manche Führungskraft, die von einer Krankheit oder einem Unfall eine Behinderung zurückbehält, sieht sich in ihrem Unternehmen vom Leistungs- zum Leidensträger herabgewürdigt.Mißverständnisse wie "60 Prozent schwerbehindert gleich 60 Prozent weniger Leistung" tun weh.Hinzu kommt der ganz normale Krampf im Umgang von Behinderten und Nichtbehinderten.Und wer etwa als Dialysepatient auf den ersten Blick "voll funktionsfähig" ist, muß sich womöglich noch wegen Drückebergerei rechtfertigen.

Solche negativen Erfahrungen sind die Regel, weiß Susanne Bahlke, die am Zentrum für Arbeit und Soziales (Zentras) der Universität Trier über "Schwerbehinderte und Arbeitswelt" forscht.Die Diplom-Psychologin hat Interviews mit 41 Betroffenen geführt - im Frühjahr 2000 werden die vollständigen Ergebnisse veröffentlicht.

Die Teilnehmer der Studie verbindet, daß ihre Behinderung erworben, nicht angeboren war.84 Prozent aller in Deutschland statistisch erfaßten Behinderungen lassen sich auf Krankheit zurückführen, knapp drei Prozent auf Unfall, knapp fünf Prozent sind angeboren.Die häufigsten Behinderungen sind Funktionseinschränkungen der inneren Organe, der Wirbelsäule, der Gliedmaßen, Querschnittslähmung, zerebrale sowie geistig-seelische Störungen.Insgesamt zählt das Statistische Bundesamt rund 6,5 Millionen Schwerbehinderte, acht Prozent der Gesamtbevölkerung.

Drei Millionen Schwerbehinderte sind im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren, aber nur 930 000 von ihnen haben einen Job - Mitte der 80er Jahre waren es noch über 1,1 Millionen.Laut Mikrozensus arbeiten 92 000 schwerbehinderte Erwerbstätige als herausgehobene qualifizierte Fachkräfte (Meister, Studienräte, Richter), 18 000 sind Sachgebietsleiter / Referenten, 19 000 Abteilungsleiter oder Prokuristen, 12 000 Direktoren, Amtsleiter oder Geschäftsführer.88 000 schwerbehinderte Erwerbstätige haben einen Fachhochschul- oder Universitätsabschluß.

Jeder verarbeitet seine Behinderung anders, was auch mit der beruflichen Stellung zusammenhängt, erklärt Susanne Bahlke: "Bei Führungskräften steht die Frage im Vordergrund, ob ihre soziale und kommunikative Kompetenz erhalten bleibt.Für Menschen in einfachen Tätigkeiten ist wichtiger, wie sie finanzielle Einbußen vermeiden und ob die Familie zu ihnen steht."

Führungskräfte haben Angst, den Ansprüchen, die sie an sich selbst stellen, nicht mehr zu genügen.Einer dieser Ansprüche ist, Probleme selbst zu lösen - die Psychologin spricht von "hohem Kontrollbewußtsein": "Man versucht, so wenige Nachteile wie möglich in das Unternehmen zu tragen.Einen Fahrdienst etwa würden Führungskräfte privat organisieren.Oder sie sondieren erst einmal, wie es aufgenommen wird, wenn sie Sonderurlaub nehmen, der ihnen gesetzlich zusteht.Anders ist das bei finanziellen Leistungen der staatlichen Schwerbehindertenpolitik: "Fast jeder ist über sie informiert und nimmt sie in Anspruch."

Wer sich auf das Leben als Behinderter vorbereitet, will vor allem eins: zurück an seinen alten Arbeitsplatz.Und: bloß nicht zum Sozialfall werden.Der Wunsch, auf der Bahn fortzufahren, aus der einen Krankheit oder Unfall geworfen hat, läßt sich oft auch erfüllen, wenn die Behinderung den Mitarbeiter wesentlich einschränkt.Vorausgesetzt, das Unternehmen zieht mit.Hierüber sollten beide Seiten frühzeitig sprechen: Welche Tätigkeiten sind nicht mehr möglich? Muß der Arbeitsplatz umgerüstet oder die Arbeitszeit verringert werden?

Mit der Klärung der technischen und organisatorischen Fragen ist es aber nicht getan.Der direkte Vorgesetzte darf seinen Mitarbeiter auch im Krankenhaus besuchen.Rücksichtnahme ist wichtig, muß aber fein dosiert werden.Susanne Bahlke berichtet von einem Personalmanager, der nach einem Unfall zum Qualitätsbeauftragten befördert wurde.Der neue Job war besser bezahlt als der alte und halb so stressig.Aber der Mitarbeiter wurde das Gefühl nicht los, sein Unternehmen schone ihn.Auf eine Aussprache mit der Personalabteilung verzichtete er; er wollte nicht als Mimose gelten.

Die meisten Probleme entstehen jedoch, weil Unternehmen eher zu wenig als zu viel für Schwerbehinderte tun.Der Düsseldorfer Outplacement-Berater Herbert Mühlenhoff suchte einmal für einen Banker, der durch einen Schlaganfall einen Grad der Behinderung von 60 erworben hatte, eine neue Perspektive.Die Bank hatte den Mann sofort abgeschrieben und die Abteilung umstrukturiert.Sein Job war einfach weg.Mit Mühlenhoffs Hilfe machte er sich als Berater für Datensicherheit selbständig und konnte seinen Lebensstandard halten.

Auf dem Arbeitsmarkt hätte der Banker wohl nichts gefunden."Die Einstellungsentscheider wählen das geringste Risiko", sagt Herbert Mühlenhoff, "und bauen dem späteren Vorwurf einer Fehlentscheidung vor." Vielleicht ist dies der Grund, warum die meisten Unternehmen nur intern Schwerbehinderte rekrutieren, das heißt, ein Mitarbeiter erwirbt eine Behinderung und wird dann "versorgt".Natürlich geht es auch um Geld: Die behindertengerechte Gestaltung eines Arbeitsplatzes kann über 100 000 Mark kosten.Hinzu kommt, daß Schwerbehinderte ab einem Grad der Behinderung von 50 einen besonderen Kündigungsschutz und Anspruch auf Sonderurlaub haben."Das Schwerbehindertengesetz dient dem Schutz der Schwerbehinderten, aber es verhindert oft die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt", kommtiert Herbert Mühlenhoff.

Immerhin ist es der Vermittlungsstelle für schwerbehinderte Fach- und Führungskräfte in Frankfurt, einer Einrichtung der Bundesanstalt für Arbeit, gelungen, 1998 wieder 200 Bewerber zu vermitteln, darunter 42 Prozent mit einem Grad der Behinderung von 100.Dabei spielen finanzielle Hilfen oft eine wichtige Rolle: Die Arbeitsverwaltung zahlt in der Startphase bis zu 80 Prozent des Gehalts.Die Zuschüsse seien aber nie ausschlaggebend, sagt der Leiter der Vermittlungsstelle, Reiner Schwarzbach: "Kein Unternehmen stellt eine Führungskraft ein, bloß weil sie wenig kostet."

Auch Schwerbehinderte sind Leistungsträger, und das können sie am besten im Job beweisen.Mit Erfolg: Jede zweite Vermittlung von Reiner Schwarzbach und seinem Team gelingt in Unternehmen, denen die Frankfurter schon einmal einen Schwerbehinderten vermittelt haben.Die Erfahrungen der Personalverantwortlichen seien sehr positiv, nicht nur im Hinblick auf die Leistung der Bewerber."Alle Mitarbeiter sehen, daß ihr Unternehmen soziale Verantwortung übernimmt, und das steigert die Motivation", sagt Reiner Schwarzbach."Denn wenn ich weiß, daß ich nicht fallengelassen werde, wenn ich einen Unfall habe oder schwer krank werde, fühle ich mich in meinem Job wohl."

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