Zeitung Heute : Zwischen Kampfkunst und Kinderwagen

GRIPS–THEATER Anno Saul lässt die Fäuste fliegen mit der Bühnenfassung von „Kebap Connection“ – in der Multikulti-Komödie kracht es zwischen dem Bruce-Lee-Fan Ibo und seiner Freundin Titzi.

PATRICK WILDERMANN

Als „erste Multikulti-Komödie von Relevanz“ bezeichnet Regisseur Anno Saul zu Recht seinen Hit „Kebab Connection“ aus dem Jahr 2005. Es ist die Geschichte des jungen Bruce-Lee-Fans Ibo, der davon träumt, den ersten deutschen Kung-Fu-Film zu drehen. Und der mit verwegenen Kinowerbespots für den „King of Kebab“-Imbiss seines Onkels schon mal zum gefeierten Nachwuchs-Tarantino im Hamburger Schanzenviertel aufsteigt. Dann allerdings eröffnet ihm seine Freundin Titzi, dass sie schwanger ist. Kinderwagen statt Kampfkunst? Ibo fühlt sich überfordert. Und sein türkischer Vater fällt vom Glauben ab. Hatte er doch dem Sohn stets eingeschärft, dass er neben einem deutschen Mädchen einschlafen dürfe. Sogar aufwachen. Aber er dürfe niemals eines: sie schwängern! „Kebab Connection“ mit Denis Moschitto und Nora Tschirner in den Hauptrollen wurde überall gefeiert.

Jetzt inszeniert Anno Saul die Komödie, die auf ein frühes Drehbuch von Fatih Akin zurückgeht, noch einmal. Diesmal am Grips-Theater. War er gleich zuversichtlich, dass der Plot auch auf der Bühne funktioniert? „Erst mal gar nicht“, lacht Saul. Im Grunde sei Sönke Wortmann schuld daran, dass nun die Kebab-Messer gewetzt werden. Die beiden sind seit Münchner Filmhochschulzeiten befreundet, und als Wortmann im vergangenen Jahr „Frau Müller muss weg“ am Grips inszenierte, schwärmte er seinem Trauzeugen von der tollen Erfahrung vor, mit Theaterschauspielern zu arbeiten. Ob er das nicht auch mal probieren wolle? Saul ist zwar durchaus für die Bühne entflammt, aber was sollte er inszenieren? „Kebab Connection“? Zu viele Spielorte, zu viele Figuren. Das Thema wurde gewechselt. Am nächsten Tag dann klingelte die Grips-Dramaturgie bei ihm an: „Sönke hat erzählt, du hättest Lust, ‚Kebab Connection' zu machen…“. So nahm die Geschichte ihren Lauf.

„Bei null“ musste Saul anfangen, als er aus dem Drehbuch ein Theaterstück machte. Klar konnte er viele Szenen nicht eins zu eins übernehmen. Wobei auf Kung-Fu-Einlagen nicht verzichtet werden muss, dafür ist eigens ein Trainer angeheuert. Aber das Theater öffnet auch ungewohnte Freiheiten. „Dadurch, dass man von vornherein nicht versucht, eine Illusion wie im Film herzustellen, werden Inszenierung und Spiel anarchistischer, bunter, schräger“, freut sich der Regisseur. Und die Besetzung? Am Grips hat er schließlich, gerade was Spieler mit Migrationshintergrund betrifft, nicht die beliebige Auswahl. „Egal“, versichert Saul, alle Figuren besäßen einen universellen Kontext. Der manipulative Onkel Ahmed könne zum Beispiel auch ein bauernschlauer Bayer sein, sein Konkurrent, ein griechischer Gastronom, auch „der einzige finanziell nicht erfolgreiche Schwabe Deutschlands“.

Überhaupt: Um Migrationsgezerre geht’s in „Kebab Connection“ nicht. Der Umstand, dass Ibo Deutschtürke ist, wird zu keiner Sekunde problematisiert. Er ist ein Junge mit einem Traum und einer Freundin, die ungewollt schwanger ist. Punkt. „Diese Normalität ist es“, glaubt Saul, „die unsere Komödie bis heute modern macht“. PATRICK WILDERMANN

Premiere 2. 2., 19.30 Uhr,

Vorstellungen 4., 5., 15. und 16.2., jeweils 19.30 Uhr

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