Zeitung Heute : Zwischen Langeweile und Überlastung

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Wollen Sie Ihr Leistungsvermögen weiterentwickeln, Ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten erweitern, Ihre Motivation und Arbeitszufriedenheit erhöhen und darüber hinaus noch etwas Gutes für Ihre Gesundheit tun? Dann brauchen Sie vor allem eins: Stress. Das behauptet ausgerechnet die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Sie hat eine ganze Projektgruppe auf das Thema "Stress" angesetzt und sie hat in ihrer Broschüre "Stress im Betrieb? Handlungshilfen für die Praxis" mit einer Reihe von Vorurteilen aufgeräumt. Stress ist nämlich ein Phänomen, dem keinesfalls nur negative Seiten angelastet werden können, vor allem sind Stressbelastungen kein unabwendbares Schicksal.

Die meisten Menschen kennen die Vokabel Stress ausschließlich im Zusammenhang mit Überforderung, Minderung von Wohlbefinden und Lebensqualität. Und tatsächlich: Stresshormone wie Adrenalin und Corticosteroide verändern den Blutdruck und bereiten vielen sogar Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Herzbeschwerden, Durchfall, gereizte Haut, Verspannungen oder Verkrampfungen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin nennt

Leistungsschwankungen, Zunahme der Fehlerhäufigkeit mit Folgen für die Qualität der Arbeitsergebnisse und -sicherheit

Erhöhter Krankenstand, Arbeitsplatzwechsel, Frühverrentung mit Know-how-Verlust als Folge für das Unternehmen

Verschlechterung des Betriebsklimas, Unzufriedenheit mit Auswirkungen auf die Leistungsmotivation der Mitarbeiter und auf das Image des Unternehmens.

Angeblich gehen zehn Prozent der Gesamtkosten arbeitsbedingter Erkrankungen auf das Konto von Stress, neudeutsch auch oft "Burn-out-Syndrom" genannt. Und trotzdem hat Stress auch seine guten Seiten.

Als der in Wien geborene Canadier Hans Selye (1907 - 1982) im Jahr 1936 den Begriff für ein generelles Reaktionsmuster prägte, "das Tiere und Menschen als Antwort auf erhöhte Beanspruchung zeigen" (Meyers Lexikon), differenzierte er zwischen Eu-Stress und Dis-Stress. Rainer M. Halmen, Sozialwissenschaftler, Gestalttherapeut und Trainer bei trade & marketing service (tms) Berlin, sagt: "Das größte Problem scheint, dass viele Menschen nicht mehr zwischen positiver, herausfordernder Belastung und krankmachender Überlastung unterscheiden können. Dann kommt es zu Phänomenen wie entweder Langeweile, Verwirrung, Stagnation oder den diversen unterbewußten Schutzreaktionen des Körpers. Wir müssen begreifen, dass Erregung, Aufmerksamkeit, Interesse und Beteiligung jeden Kontaktprozess begleiten. Nur in dieser Auseinandersetzung mit der Umwelt ist Persönlichkeitsentwicklung überhaupt möglich."

Die für Bildung zuständige Generaldirektion V der Europäischen Kommission konzentriert sich bei ihrer Stress-Definition fast ausschließlich auf Negatives, etwa das Gefühl, man könne "die Situation nicht bewältigen". Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sieht es ähnlich und listet als Beanspruchungsfaktoren auf

Erlebte Überforderung

Zunahme von Fehlhandlungen und notwendigen Korrekturen

Abnahme von quantitativen Leistungen

Kommunikationsprobleme und soziale Isolation

Verminderung körperlicher und geistiger Fähigkeiten

Verlust des gesunden Wechsels zwischen Anspannung und Entspannung (Erholungsfähigkeit)

häufiges Kranksein und Zunahme von Unfällen.

Deshalb wurden in das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) auch Vorschriften zur Verhütung psychomentaler und psychosozialer Belastungen aufgenommen. Sicherheitstechnische und ergonomische Gestaltungen von Maschinen sollen Stress präventiv vermeiden. Mindestens ebenso große Aufmerksamkeit widmen Mediziner, Biologen, Psychologen, Sozial- und Ingenieurwissenschaftler heute der Arbeitsorganisation. Zeit- und Leistungsdruck, geringe Entscheidungsspielräume, Über- oder Unterforderung sowie mangelnde Anerkennung durch Kollegen und Vorgesetzte gelten heute als genauso wichtige Stressoren wie Lärm, falsche Beleuchtung, unverträgliche Temperaturen oder körperliche Belastungen.

Doch in der ursprünglichen Definition von Hans Selye führen Arbeitsbelastungen nicht zwangsläufig zu negativen gesundheitlichen Folgen. Die Stressreaktionen auf körperlicher, emotionaler und Verhaltensebene sind individuell und außerdem auch beeinflussbar. Stress ist nichts Schicksalhaftes, "dem die Beschäftigten hilflos ausgeliefert sind", sagen die Arbeitsmediziner Im Resümee ihrer Broschüre schreiben sie: "Entscheidende Erfolgsbedingung (aller Maßnahmen, Anm. d. Red.) ist, die Beschäftigten selbst zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen als Experten in eigener Sache zu befähigen".Der Tagesspiegel bietet Lesern am 8. April in Zusammenarbeit mit trade & marketing service ein fünfstündiges Seminar "Anti-Stress und Konflikt-Management" an. Information und Anmeldung unter t 23 55 50 20.

Die kostenlose Broschüre "Stress im Betrieb?" kann bestellt werden bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Möldnerstraße 40 - 42, 10317 Berlin, t 515 48 - 0, und im Internet unter www.baua.de .

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