Zeitung Heute : Zwischen Mülltonnen und Gott

Der Tagesspiegel

Von Jörg-Peter Rau

Berlin. Wenn Hans-Georg Filker eines nicht leiden kann, dann ist es das Gerede von Taten statt Worten. „Das ist doch eine falsche Alternative, ein künstlicher Gegensatz“, sagt er und verliert ein Bisschen seiner sonst scheinbar grenzenlosen Ruhe. Taten und Worte, Beides müsse authentisch sein, und Beides gehöre zusammen. Helfen und Verkünden, Diakonie und Evangelium. Stadt und Mission. Stadtmission heißt es deshalb ja auch, und das seit 125 Jahren. Da gehört der Kältebus für Obdachlose genauso dazu wie die Andacht für alle Mitarbeiter freitagmorgens um elf. Und Hans-Georg Filker, der Direktor dieser Einrichtung, ist genauso Pfarrer wie Manager. „Wir müssen unsere sozialen Projekte refinanzieren“ geht ihm so leicht über die Lippen wie „Glaube ist kein museales Relikt.“

1877, als die Stadtmission gegründet wurde, waren die Kirchen noch voller als heute. Aber es gab genug Menschen, die mit der christlichen Religion trotzdem nichts anfangen konnten. Nur knapp die Hälfte der Kinder sei überhaupt getauft worden, heißt es in den Überlieferungen aus den Gründertagen der Stadtmission. Unangemeldete Besuche bei den Verarmten in den Mietskasernen und christlicher Gesang auf den Hinterhöfen waren die Reaktion. „Mitternachtspatrouillen“ versuchten, Prostituierten beim Ausstieg aus dem Milieu zu helfen. Menschen ohne Bezug zum Christentum gab es schon damals nicht nur in Afrika und Asien. Noch heute bezeichnen sich die Mitarbeiter der Stadtmission als Missionare. Hans-Georg Filker lässt Zweifel erst gar nicht aufkommen: „Wir können den verschämten Umgang mit dem Begriff Mission überhaupt nicht verstehen“, sagt er und zieht den Vergleich mit einem Auto: „Damit können Sie auch großen Schaden anrichten, aber richtig benutzt, ist es doch eine praktische Sache.“ Um Pragmatismus geht es in den Obdachlosen-Unterkünften, Wohnprojekten und Winterspielplätzen natürlich auch.Vor allem wollen die 500 haupt- und mehr als 500 ehrenamtlichen Mitarbeiter ihre Motivation für den Einsatz weitergeben: Stadtmission, sagt Filker, ist mehr als ein soziales Projekt. „Unser Überbau ist etwas ganz anderes.“ Wenn ein Obdachloser auch dann nicht abgewiesen wird, wenn er betrunken ist oder sich von seinem Hund für die Nacht nicht trennen will, erfährt er Nächstenliebe. Und dazu gehört für die Missionare auch, dass sie so vielen Menschen wie möglich einen Zugang zum Evangelium schaffen wollen.

„Wir wollen unseren Gästen, Klienten, Gemeindegliedern eine Erweiterung der sichtbaren Wirklichkeit ermöglichen, eine Bereicherung“. Kommen dürfen alle. Eine Unterteilung in missionarische und karitative Projekte gibt es bei der Stadtmission nicht. Die Losung „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“ aus Jeremia 29,7 sieht eine derartige Teilung nicht vor. In der Lehrter Straße entsteht im Moment ein Jugendgästehaus mit Obdachlosen-Herberge in einem Gebäude. Beim Umbau arbeiten Menschen, die zuvor keine Heimat hatten und die jetzt beim Projekt „Arbeit statt Sozialhilfe“ mitmachen. In mörtelverspritzten Schuhen sitzen sie im schlichten Andachtsraum und singen christliche Lieder, hören einer kurzen Predigt zu. Die Stadtmission hat in unmittelbarer Nähe des neuen Zentralbahnhofs Großes vor. Neben dem Jugendgästehaus soll es einen Versammlungsraum für eine neue Stadtmissions-Gemeinde geben. Dazu ist ein Programm für Menschen „mit einem ausgesprochen urbanen Lebensstil“ geplant. Irgendetwas zwischen Ortsgemeinde und evangelischer Akademie. Etwas für Kopf und Seele, für Leute, die nach Antworten suchen, aber denen man nicht mit der Bibelstunde am dritten Dienstag im Monat kommen kann. Doch es ist noch viel Zeit, Geld und Idealismus nötig, bis der Speisesaal des ehemaligen Seniorenheims hergerichtet ist. Denn die Stadtmission ist zwar Teil der Landeskirche, doch finanziert sie sich nicht über die Kirchensteuer. Die sozialen Projekte werden aus öffentlichen Mitteln finanziert, aber auch durch Spenden. Und durch die Überschüsse der drei Hotels in Mitte, die die Stadtmission in einer getrennten Gesellschaft betreibt und deren Preise durchaus dem Mitte-Niveau entsprechen.

13 Jahre in der 125-jährigen Geschichte hat Filker mitgestaltet. Er erinnert sich gut daran, wie er fünf Monate vor dem Mauerfall aus Wuppertal „auf der Insel Berlin“ angekommen ist. Plötzlich war er der „Neue für Ost und West“, da sich am 1. Januar 1990 die beiden Stadtmissions-Teile zusammenschlossen hatten. „Es hat Einiges erleichtert, dass ich ein Wossi bin,“ fügt der im Erzgebirge geborene Direktor hinzu. Die heutige Zeit stelle die Stadtmission vor große Herausforderungen. „Natürlich gibt es nicht mehr die Armut wie noch vor 120 Jahren.“ Jedoch könne man angesichts der vielen anderen Probleme heute sagen: „Es geht uns auf hohem Niveau schlecht“.

Festgottesdienst zum 125-jährigen Bestehen der Berliner Stadtmission: Sonnabend, 9. März, 15.30 Uhr, Berliner Dom und Sonntag, 10. März, 18 Uhr, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Spendenkonto: Sozialbank Berlin, BLZ 100 205 00, Konto 3155500

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