Zeitung Heute : Zwischen Plastikmüll und Koranschulen

Stefan Woll

Djerba? Na, klar: schöne Insel, schöner Strand, blauer Himmel, grünes Meer, das Zuhause ach so fern. Und sonst? Na ja, sonst eher nichts. Auf Djerba gibt es nichts zu sehen. Schade eigentlich, sagt sich der ungläubig Nachfragende da. Aber Adam Gebica muss es ja wissen. Er ist schließlich Reiseleiter und kennt die Insel in- und auswendig. Zwei Wochen später hat es sich jedoch für ihn auf dem kleinen, etwa fünf Kilometer vor der Küste Südtunesiens gelegenen Eiland ausgeleitet. Der Reisende dagegen fühlt sich bestätigt, dass Reiseleiter auch nicht alles wissen. Und manchmal fast gar nichts.

Von Mellita aus, im Nordwesten Djerbas, wo ganzjährig Ferienjets einschweben und ihre Menschenfracht ausladen - ist es eine gute halbe Stunde Fahrtzeit bis in die "Zones touristiques". Das sind jene Distrikte, wo Urlauber landestypisch, jedoch fein säuberlich getrennt von den Wohngebieten Einheimischer in einem fast urban anmutenden Ambiente die viel zitierte "schönste Zeit des Jahres" verleben. Hier, an den kilometerlangen Stränden von Sidi Mahres und de la Séguia im Nordosten und Osten der Insel, reihen sich, nach den Anfängen in den 1960ern, heute einer Perlenschnur gleich die Paläste touristischen Amüsements zu einer fast geschlossen bebauten Küstenlinie.

40 Jahre extensiver Bautätigkeit haben nahezu 120 Hotels diverser Güteklassen entstehen lassen. Raumgreifend und doch nicht höher als die Wipfel der Dattelpalmen stehen die Unterkünfte da, unzählige blütenweiße Variationen des arabisch-maurischen Baustils. In diesen vornehmlich meernahen Drei-, Vier- und Fünf-Sterne-Häusern finden fast 25 000 Erholungsbedürftige Platz. Baukräne lassen erahnen, dass ein Ende des Ausbaus nicht in Sicht ist.

Schon entstehen im Schatten jener großen Komplexe, die über einen eigenen und direkt zugänglichen Strand verfügen, weitere auch exklusive Übernachtungskapazitäten in zweiter und dritter Reihe. Man bietet mehr Events, mehr Animation, mehr Aktivitäten, um der übermächtigen Konkurrenz der ersten Hotelgeneration Paroli zu bieten. Solche meist strandentfernten Herbergen dürften langfristig von jenen präferiert werden, für die die Badeliege am Süßwasserpool ohnedies das Nonplusultra ist und das Meeresrauschen auch vom Tonträger kommen könnte. Den Schritt vors Hotelportal sparen sie sich, braun gebruzzelt und blond gebleicht, für den Rückreisetag auf. Tücher, Trommeln, Teppiche oder andere Souvenirs für die Lieben zu Hause bieten ja auch Hotelshop oder Strandhändler, in deren Bauchläden - vom Achatring bis zum Zuckerkringel - alles Erdenkliche zu finden ist.

Tamarisken und Olivenbäume

Wenigstens 300 Sonnentage pro Jahr verzeichnen die Meteorologen auf dieser stets nach Regen lechzenden Insel mit ihren etwa 120 000 Einwohnern. Wasserabweisend und knochenhart bietet sich ihre Erdkruste dar, sandig-hellbraun und undurchdringlich für jene 100 Millimeter Niederschlag, die nur manchmal vom Himmel fallen. Die nördliche Hälfte Djerbas, insbesondere westlich von Midoun, wird jedoch keineswegs als vegetationsarm empfunden. Da sind unzählige Tamarisken, Palmen und eine geschätzte halbe Million knorrig-knotiger Olivenbäume.

Was auf Djerba wächst und gedeiht, dient großenteils dem Obst- und Gemüseanbau, den die Menschen hingebungsvoll gegen alle Zumutungen oft entfesselter Sonnenglut betreiben. Wein, Kürbisse, Granatäpfel, auch Feigen, Tomaten und Datteln, dazu Hülsenfrüchte, Mandeln und Gewürze jeglicher Art und Aromen versammeln sich beim Wochenmarkt zu einem bunten und wohlriechenden Angebot, das nichts davon merken lässt, wie hoch der Einsatz ist für einen meist geringen Ertrag.

Schon eher sind es die 2500 über Djerba verstreuten Brunnen- und Bewässerungsanlagen, die einen Hinweis geben auf die fast sisyphusartigen Anstrengungen, dem unwirtlichen Boden Essbares abzuringen. Peinlich berührt, fast ertappt wendet sich der Reisende da in El Kantara, wo tunesisches Festland und Insel-Südosten über einen etwa sieben Kilometer langen Damm miteinander verbunden sind, ab. Denn hier sprudelt, parallel zur Asphaltpiste, das kostbare Nass im Überfluss durch ein gigantisches Rohrsystem heran, damit dem Urlauber auch im Feriendomizil das Wasser wie gewohnt aus dem Hahn strömt.

Djerba, einst renommierter Handelsplatz und Drehscheibe nach Afrika, bietet denen, die sich mit der allenthalben grellbunt und verführerisch angerichteten touristischen Oberfläche nicht bescheiden mögen, einen Reichtum nachhaltiger Sinneserfahrungen. Die liegen allerdings jenseits von Souks und Basaren, wo, wie in der Hauptstadt Houmt-Souk und in Midoun, farbenfrohe Keramik, Lederwaren und Kelims, Messingteller, Körbe und Schmuck angepriesen werden.

Tiefer reichende Eindrücke dagegen erschließen sich etwa dem, der hitzeresistent und gut zu Fuß, einen der zehn ordentlich beschilderten Wanderwege rundum Midoun abläuft - oder aber im Verlauf von Inselrundfahrten mit Motorroller, Fahrrad beziehungsweise - relativ teurem - Mietwagen. Bei jeweils rund 30 Kilometern in nord-südlicher wie auch in west-östlicher Richtung mit überschaubaren Entfernungen, sollte der Reisende auf Djerba mit gemäßigtem Tempo unterwegs sein, damit reizvolle Landstriche, landestypische Bauwerke und -weisen, auch Tier- und Pflanzenwelt nicht unbemerkt vorüberfliegen.

Das gilt namentlich für jenes fast schon saftig-grün erscheinende Gebiet, das westlich von Mahboubine im Licht der Nachmittagssonne den Verweilenden durch kontrastreich-üppige Farben bezaubert. Man sieht Moscheen, Grabstätten und Gebetsorte vom Flugsand zimtbraun bepudert, aber auch verlassenes und längst verfallenes Gemäuer, dazwischen Jahrhunderte alte Ölbäume, hier und da blau und rosa uniformierte Schulkinder auf dem Nachhauseweg, Dattelpalmen, schwer behangen von sich rötlich färbenden Früchten, eine Ziegenherde, Frauen mit Strohhüten, in weiße Tücher mit orangefarbenen Streifen gehüllt. Dem Fremden, der Neu- und Bildgier zu zügeln und den kakteenbekrönten Erdwall als Zeichen von Privatheit zu deuten und zu respektieren weiß, dem öffnet sich hier vielleicht ein Türspalt für den verstohlenen Blick ins Innere des Lebensalltags. Und über allem liegt ein Duft aus Pferdeäpfeln, Meeresbrise und Jasmin.

Auch der Tierfreund kommt auf Djerba auf seine Kosten. Dingos, die es zu den salzigen Tümpeln unweit der Töpferstadt Guelalla zieht, sind zu beobachten, Flamingos, Seiden- und Graureiher, die auf einer Landzunge im Norden rasten. Hier stochern auch Strandläufer langschnablig im Brackwasser, elsternähnliche Raubwürger warten unruhig auf Beute und die Seeschwalben spielen mit dem wechselnden Wind.

Relikte aus römischer Zeit

Es waren Phönizier, Karthager und Römer, schließlich Araber und noch bis 1956 Franzosen, die, interessiert an ihrer günstigen Lage, der Insel über Jahrhunderte ihren jeweiligen Stempel aufgedrückt haben. Wer heute auf Djerba jedoch nach baulichen Zeugnissen längst vergangener Epochen sucht, muss sich zum einen bescheiden mit wenigen, an prominenter Stelle errichteten mittelalterlichen Kastellen ("Bordj"), zum anderen mit verstreut umherliegenden Säulentrommeln und -kapitellen, mit Friesen aus römischer Zeit, die zwischen Guellala und El Kantara von jener untergegangenen Stadt Meninx künden, die, 30 000 Quadratmeter groß, bedeutender Handelsplatz war.

Weitaus auskunftsfreudiger zeigt sich da die Insel bei der Frage, wie ihre Menschen leben und arbeiten. Gewerbliche Bauten, darunter Ölmühlen und Werkstätten, in denen Teppiche gewebt oder geknüpft werden, finden sich unzählige, gut erkennbar an dreieckigen Giebelwänden, die zu beiden Enden einen meist tonnenartig gewölbten Raum einfassen.

Viele religiöse Bauwerke besitzt die Insel. Da ist zum Beispiel die Synagoge El Ghriba bei Erriadh (etwa acht Kilometer südlich von Houmt Souk), deren Wurzeln bis ins 6. Jahrhundert vor Christus zurückreichen. Der Blick, der sich aus dem jüdischen Gotteshaus heraus auf die Moscheen der Nachbarschaft öffnet, zeugt von der friedlichen Koexistenz beider Glaubensrichtungen. Jede Form von eifernder Abgrenzung oder gar Fanatismus scheint den Menschen auf Djerba fremd. Nicht weniger als 300 Moscheen gibt es. Mal - wie in El May mit benachbarter Koranschule - einer Festung ähnlich mit mächtigen Mauern gestützt, mal aus klimatischen Gründen auch unterirdisch angelegt - wie in der Nähe von Houmt Souk.

Und derweil ziehen sich über dem Strand zum fast schon täglichen Spektakel waschbrettartige Wolkenbänder zu einer luftigen Decke zusammen. Abrupt leeren sich Liegen und Stühle. Zurück bleibt Wohlstandsmüll: halbleere Plastikflaschen, leere Zigarettenschachteln, schwarze Plastikbeutel, zerzaust vom Wind. Und am Swimmingpool drehen sich die Sonnenanbeter zur letzten Röstung. Nach dem Apéritif dann frisch geduscht zum Abendbüffet unter einem Nachthimmel, der vom Wetterleuchten zuckt und Wasser und Wellen hell erleuchtet.

Tipps für Djerba

Anreise: Etwa mit Air Berlin ab Tegel oder Schönefeld nonstop nach Djerba, Hin- und Rückflug 252 Euro (487,26 Mark), zirka drei Stunden Flugzeit.

Reisezeit: Djerba ist ganzjährig für Erholungssuchende attraktiv, auch wenn von November bis Februar bei durchschnittlichen Tagestemperaturen von 17 / 18 Grad und bis zu sechs Sonnenstunden täglich, schon mal bis zu fünf Regentage pro Monat zusammen kommen können.

Mietwagen: Ein Mietwagen bietet sich für die erste "Schnuppertour" über die Insel an, wobei die Tagesmiete bei 80 tunesischen Dinar (etwa 130 Mark) beginnt. Motorroller sind, bei gutem Sonnenschutz, mit 20 bis 30 Mark pro Tag eine Alternative.

Ausflüge: Inselrundfahrten können mit Taxis (in der Regel preiswert), Busunternehmen und Kutschen (Verhandlungssache) unternommen werden. Bei drei bis vier Stunden Dauer fahren sie jedoch meist nur die gängigen Orte touristischer Ziele an. Vorzuziehen sind deshalb Inseltouren auf eigene Faust.

Auskunft: Tunesisches Fremdenverkehrsamt, Goetheplatz 5, 60313 Frankfurt am Main; Telefonnummer: 069 / 297 06 40, Telefaxnummer: 069 / 297 06 63, E-Mail-Adresse: fvatunesien@aol.com

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