Zeitung Heute : Zwischen Sonnenschein und Gehaltsverzicht

Hartwig Sass

Zerrissener könnte das Bild kaum sein. Auf der einen Seite lassen die Spitzen der Tourismuskonzerne keine Chance aus, steigende Buchungszahlen und die Rückkehr zur Normalität zu betonen. Gleichzeitig aber laufen Gespräche zwischen Managern und Betriebsräten über Gehaltsverzicht, um Arbeitsplätze zu sichern und Kosten zu drücken. Die Veranstalter drücken Rabatte in den Markt, um die Reiselust zu stimulieren, Reisebüros schlagen höhere Provisionen bei den Veranstaltern raus.

Dabei gibt es positive Zeichen im Markt, meint der Präsident des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbandes (DRV), Klaus Laepple. "Zur Zeit läuft es ganz gut, wir starten jetzt eine richtig heftige Aufholjagd." Bei Veranstaltern und Reisebüros sieht Laepple eine immense Nachfrage in den vergangenen Wochen.

Trotzdem sagt Ralf Corsten, Vorstandsmitglied bei dem größten Tourismuskonzern der Welt und Mutter der TUI, der Preussag AG (Hannover): "Für die Branche wird es schwierig, den Winter noch ganz aufzuholen." Experten meinen, dass der Winter branchenweit mit einem einstelligen Umsatzminus abgeschlossen wird.

Dass beim wichtigeren Sommergeschäft - es macht bis zu drei Viertel der Umsätze aus - nicht ein ähnliches Bild die Bilanzen trübt, umwerben die Veranstalter insbesondere die Familien. "Sie haben bislang noch keinen Urlaub gebucht", weiß Dietmar Kastner von Rewe (its, Jahn Reisen, Tjaereborg). "Und wir wissen nicht, warum." Corsten schätzt, dass der Sommer 2002 auf dem Niveau des Vorjahres abschließen kann. Klappt das, so meinen Experten, bliebe ein Jahresminus um die zwei Prozent - erstmals nach vielen Jahren ungebremsten Wachstums.

Damit die Familien buchen, drehen viele Veranstalter an der Preisschraube. Als Marktprimus bietet die TUI an, Kinder bis zwölf Jahren für 199 Euro mit in den Urlaub zu nehmen. TUI habe damit nicht nur die eigenen, zu hoch kalkulierten Preise nach unten korrigiert, wie es in der Branche heißt, sondern damit auch auf Neckermann reagiert. Der schärfste Konkurrent aus Oberursel war mit seiner "100 Euro-Kindergeld"-Aktion schon Ende Dezember gestartet. Rewe-Tochter Tjaereborg legte Anfang Januar einen neuen Katalog für Familien mit nachgebessertem Preisteil in die Reisebüros.

Dabei beteuern die Veranstalter, dass die Preisnachlässe nicht zu ihren Lasten gehen. Laepple sagt: "Es geht ihnen nicht um teuer erkaufte Marktanteile." Alle haben mit den Hoteliers in den Zielgebieten nachverhandelt und dort Preisabschläge herausgeholt.

Neben den Hoteliers bringen auch die Beschäftigten der Branche in Deutschland ihre Opfer. Die TUI schloss mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung, die einen möglichen Verzicht auf einen Teil des Weihnachtsgeldes und in diesem Jahr vier Tage weniger Arbeit bei entsprechend weniger Geld vorsieht. Und Holger Carstensen, im Vorstand der Gewerkschaft Ver.di weiß: "Verhandlungen laufen bei fast allen Unternehmen."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben