Zeitung Heute : Zwischen Station und Hörsaal

Krankenschwester mit Hochschulabschluss:  Duale Studiengänge bieten viele Karrierechancen.

Viel Verantwortung. Die Ausbildung zur Krankenschwester ist anspruchsvoll – vor allem in Kombination mit dem Studiengang „Bachelor of Nursing“. Fachleute halten die Verzahnung von praktischer Ausbildung und Studium für längst überfällig.Foto: pa/cultura
Viel Verantwortung. Die Ausbildung zur Krankenschwester ist anspruchsvoll – vor allem in Kombination mit dem Studiengang „Bachelor...Foto: picture alliance / Cultura

Seit sechs Uhr morgens ist Sinn Kim bereits auf der Station. Sie hat die ersten Betten gemacht, Frühstück verteilt, Patienten auf die nächste Untersuchung vorbereitet. Nur ein kleiner Zusatz auf dem Namensschild entlarvt, dass Sinn Kim keine gewöhnliche Schwesternschülerin ist. „BoN“ steht unter ihrem Namen – die Kurzform für „Bachelor of Nursing“.

Die 23-Jährige gehört zu einer neuen Generation von Pflegefachkräften. Im Waldkrankenhaus in Spandau macht sie eine Ausbildung in der Kranken- und Gesundheitspflege. Gleichzeitig ist sie für den Studiengang „Bachelor of Nursing“ an der Evangelischen Hochschule in Berlin eingeschrieben. In drei Jahren schafft sie gleich zwei Abschlüsse: eine Ausbildung und einen Bachelor.

Eigentlich hatte Sinn Kim genug vom Studieren: lange Vorlesungen, viele Klausuren, immer nur Theorie. Ihr Studium der Wirtschaftsinformatik brach sie nach wenigen Semestern ab. Die 23-Jährige sehnte sich nach einer Ausbildung mit Perspektive. „Ich wollte etwas Sinnvolles für die Menschen tun“, sagt sie.

Ihre Mutter hat Sinn Kim in die richtige berufliche Richtung geschubst. Sie schlug ihr eine Ausbildung im Krankenhaus vor. Kims Mutter stammt aus Südkorea und hat in Deutschland lange als Krankenschwester gearbeitet. Die Tochter war zunächst begeistert, doch dann kamen Zweifel: Reicht mir die Ausbildung? Soll ich ganz auf ein Studium verzichten?

Der duale Studiengang Bachelor of Nursing verbindet beides: Berufspraxis und zusätzliches Wissen, das weit über den alltäglichen Job hinausgeht. Die Anforderungen sind hoch. Vor allem in den Praxisphasen komme sie häufig an ihre Grenzen, gibt Sinn Kim zu. Der Studienplan sieht vor, dass sie mehrere Monate auf verschiedenen Stationen arbeitet und in einem Abschlussbericht von ihren Erfahrungen berichtet. Die Hochschule bereitet auf die Praxis vor und konzentriert sich auch auf Themen, für die auf der Station kaum Zeit bleibt: Trauerarbeit, Migranten als Patienten oder die Bewertung von Therapien. Kim ist froh, regelmäßig raus aus dem Klinikalltag zu kommen. Der Kontakt zu den Kommilitonen hilft ihr, Stress und Probleme abseits der Stationskollegen zu verarbeiten.

Bundesweit bietet nur ein Dutzend Hochschulen universitäre Abschlüsse in Pflegeberufen an. Die meisten konzentrieren sich auf Managementtätigkeiten oder auf Gesundheitswirtschaft und richten sich an Bewerber, die bereits eine Ausbildung als Krankenschwester oder Altenpfleger hinter sich haben. Noch dünner ist das Angebot bei der Kombination von Studium und Ausbildung. Im EU-Vergleich ist Deutschland Schlusslicht beim dualen Ausbildungs- und Studienangebot in Pflegeberufen. In Berlin bieten die Wannsee-Schule, die Alice-Salomon-Hochschule, die Evangelische Hochschule und die private Medizinische Akademie einige Kombi-Studiengänge an.

„Deutschland hinkt bei der Akademisierung von Pflege- und Therapieberufen hinterher“, sagt Gaby Siegmann, Schulleiterin der Physiotherapieschule an der Wannsee-Schule. Für Siegmann ist die Verzahnung von praktischen Therapietechniken und Theorie längst überfällig. Nur so ließen sich Therapieerfolge analysieren und verbessern, sagt sie.

Jeweils 20 Physio- und Ergotherapeuten nimmt Siegmann pro Semester auf, die meisten entscheiden sich gleich nach dem Abitur für den sogenannten primärqualifizierenden Studiengang. Praxis und Theorie haben den gleichen Stellenwert: Die praktische Ausbildung findet an der Wannsee-Schule statt, der Theorieteil an der Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf. Für die Ausbildung zahlen die Studenten die regulären Berliner Semesterbeiträge. Hinzu kommen 80 Euro pro Monat für Sonderausgaben der Schule im praktischen Unterricht.

Schulleiterin Siegmann hofft nicht nur auf eine Professionalisierung ihres Berufsstands, sondern auch auf eine höhere Wertschätzung der Pflege- und Therapieberufe. „Wir haben einen enormen Bedarf an Fachkräften“, sagt sie. „Diese Berufe müssen attraktiver werden.“ Das Plus an Anerkennung müsse sich sowohl im gesellschaftlichen Bewusstsein niederschlagen als auch bei den Arbeitsbedingungen – und beim Gehalt.

Ändert ein Bachelor oder Master die Situation der Pflegekräfte? „Das ist ein erster Schritt“, sagt Anna Reichhardt, Schwester im Ev. Diakonieverein Berlin-Zehlendorf und Pflegepädagogin am Ev. Waldkrankenhaus Spandau. „An die Pflege werden heute viel höhere Ansprüche gestellt.“ Eine Ausbildung allein könne die Anforderungen häufig nicht erfüllen. Interkulturelle Pflege sei immer wieder Thema. Auch für Managementtätigkeiten oder um die Veränderungen im Pflegegesetz zu verstehen, fehle die Zeit. Diese Themen bespricht Reichhardt in ihren Seminaren.

Für die Studentin Sinn Kim kann der Bachelor auch das Sprungbrett in die Chefetage einer Pflegeeinrichtung sein. „Es gibt vieles, das ich ändern würde“, sagt sie und lacht. Sie denkt dabei an Arbeitsabläufe und die zunehmende Bürokratie. Außerdem zieht es die 23-Jährige ins Ausland. Vor ihrem Abschluss will sie für eine Weile nach Helsinki. Auch das ist kein Problem mit dem dualen Studiengang: Der Bachelor ist international anerkannt, die Fähigkeiten der Studenten sind im Ausland bekannt.

Bevor Sinn Kim weiter träumt, holt sie der Alltag auf die Station zurück. Etliche Patienten warten auf sie, die Ärzte beginnen mit der Visite. Jetzt ist ihre Konzentration und ihr Einsatz gefragt. Der Kombi-Studiengang ist wahrscheinlich die beste Schule für ihren künftigen Job.

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