Zeitung Heute : Zwischen Tokio und Berlin

Das Deutsche Institut für Japanstudien in Tokio ist Anlaufstelle für nationale und internationale Forscher

Irmela Hijiya-Kirschnereit

Lange Zeit wurde die Japanologie zu den sprichwörtlichen Orchideenfächern gezählt, die zwar schmücken, deren praktischer Nutzen aber nicht so recht einleuchten wollte. Mit dem unübersehbaren Erfolg Japans auf den internationalen Waren- und Finanzmärkten aber erwachte in den späten 1970er Jahren das Interesse an einem Fach, das dazu nütze sein sollte, die Geheimnisse dieses japanischen Erfolgs zu entschlüsseln. Die Japanologie beeilte sich folglich, ihr geistes- beziehungsweise kulturwissenschaftliches Profil auf sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Komponenten hin zu erweitern. Doch mit dem Zerplatzen der so genannten Seifenblasenwirtschaft (bubble economy) Anfang der 1990er Jahre stagnierte für einige Zeit auch das öffentliche Interesse am Fach Japanologie. Und unter den Sparauflagen der öffentlichen Hand hat es die Japanforschung heute an vielen Universitäten wieder schwer, sich im Konzert der Fächer zu behaupten.

Für die renommierteste Institution der deutschen Japanologie, das Deutsche Institut für Japanstudien (DIJ) war es unter diesen Bedingungen ein Glücksfall, dass es 1988, zur Hochzeit des japanischen Wirtschafts- und Finanzwunders gegründet wurde. Das in Tokio beheimatete Institut ist eine einmalige Einrichtung: Es steht in der langen Tradition der deutschen Forschungsinstitute, die 2002 in der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland (DGIA) zusammengefasst wurden. Das aus Mitteln des Bundes finanzierte Deutsche Institut für Japanstudien hat den Auftrag, das moderne Japan auf den Gebieten der Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zu erforschen. In enger Kooperation mit japanischen und internationalen Forschern und Institutionen arbeiten am DIJ im Herzen von Tokio gegenwärtig zwölf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Nicht von ungefähr laufen viele Fäden der Forschung in der japanischen Hauptstadt, die auch eben Wissenschaftsmetropole ist, zusammen. Davon profitiert das DIJ und mit ihr die Japan bezogene Wissenschaft in Deutschland.

Was erforscht ein deutsches multidisziplinäres wissenschaftliches Institut in Japan? Es bearbeitet Fragen, die nur vor Ort und in engem Austausch mit der einheimischen wie der internationalen Forschung sinnvoll in Angriff genommen werden können. Und erst in einem solchen Kontext lassen sich schließlich die Fragestellungen finden und erarbeiten, die für unsere Kenntnis von Japan besondere Einsichten versprechen. Zu solchen Schlüsselthemen zählt „Japan in Asien“, die Frage nämlich, wie sich seit den 1990er Jahren Japans Verhältnis zu Asien und damit auch zu Amero-Europa gewandelt und gestaltet hat. Zahlreiche Konferenzen und Workshops galten seit 1997 diesem übergreifenden Arbeitsschwerpunkt, ebenso eine beträchtliche Zahl an Publikationen in deutscher, englischer und japanischer Sprache.

Die Palette der in diesem Rahmen behandelten Themen reicht von Japans neuer Rolle in Asien über seine Immigrationspolitik, die japanisch-koreanischen Beziehungen und die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Japan und China bis hin zu einer Serie von Tagungen mit dem Titel „Asiatische Selbstbehauptungsdiskurse“. Ein Monument von besonderer Bedeutung ist das 1998 begonnene und nun vor dem Abschluss stehende Große Japanisch-Deutsche Wörterbuch, das mit Hilfe deutscher und japanischer Drittmitteln erarbeitet wird. Mit seinen 110 000 Stichworteinträgen wird es das umfangreichste bilinguale Wörterbuch sein, das es für das Japanische je gegeben hat, und dasjenige mit dem aktuellsten, breitesten und am besten belegten Wortschatz dazu.

Sich in seinen Forschungsgegenstand hinein zu begeben und die Stimmungslagen hautnah zu erfahren, ist natürlich von großem Reiz. Die 1990er-Jahre wurden vielfach als „verlorenes Jahrzehnt“ betrachtet, als Zeit der sozialen wie ökonomischen Stagnation und des Reformstaus. Das Jahr 1995 wurde Japans annus horribilis: Das große Erdbeben von Kobe offenbarte die mangelnde Handlungsfähigkeit von Regierung und Behörden, der Giftgasanschlag der Aum-Sekte auf die U-Bahn in Tokio erschütterte den Glauben an Japan als „sicherstes Land der Welt“. Nach zahllosen Skandalen im Gesundheitswesen und in der öffentlichen Verwaltung machten sich Beunruhigung und zunehmende Skepsis breit: der Stolz und Hochmut der 1980er Jahre verflog.

Aus der Außenperspektive wiederum haben gerade die japanischen Probleme seit den 1990er Jahren das Bewusstsein gestärkt, dass wir es mit ähnlichen Problemen zu tun haben – sei es die Überalterung der Bevölkerung, der Reformstau in der Sozialversicherung, der notwendige Umbau im Bildungssektor oder der Geburtenschwund. Und das alles macht Japan, so paradox es klingen mag, aus europäischer Perspektive sympathischer, selbst wenn die gegenseitige Neugier und Anteilnahme zwischenzeitlich merklich gesunken war.

Im Übrigen aber hat sich auch Japan weiter entwickelt. So ist die soziale Landschaft, sind die Lebensentwürfe bunter und vielfältiger geworden. Genügend Motive also, sich für Japan zu interessieren. Für die Wissenschaft jedenfalls ist Japan, jenseits von Boom oder Krise, ein lohnendes Objekt. Der Soziologe Johann Arnason hat einmal vom „most compared country“ gesprochen.

In der Tat gibt es, von der Linguistik bis zur Politik- und Wirtschaftswissenschaft keine Kultur, die so oft zum Vergleich herangezogen wird wie die japanische. Grund genug also, die Japanologie an der Freien Universität zum Blühen zu bringen.

Die Autorin ist Professorin für Literatur- und Kulturwissenschaft am Ostasiatischen Seminar der FU, Fachrichtung Japanologie. Von 1996 bis Herbst 2004 war sie Direktorin des DIJ in Tokio.

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