Zeitung Heute : Zwischen Traum und Todesangst

Thomas Gehringer

Der Baikalsee, so schätzt man, ist 25 Millionen Jahre alt, und in diesem Alter gibt man Gewohnheiten nicht so schnell auf. Wie schon im letzten Jahr präsentierte sich das sibirische Naturwunder dem deutschen Journalisten Klaus Bednarz von seiner schönsten Seite, aber auch von seiner unangenehmsten. Zum zweiten Mal nach 1998 gerieten Bednarz und sein Team in einen heftigen Sturm, ausgerechnet am letzten Drehtag. "Morgens war klares, sonniges Wetter. Ein langweiliger Tag, sagten wir. Damit haben wir den See offenbar beleidigt."

Das meint er durchaus ernst. "Denn der Baikalsee begegnet einem, als wäre er ein lebendiges Wesen. Er sieht jede Stunde anders aus, mal friedlich wie ein Dorfteich, dann plötzlich gewalttätig wie der Atlantik." Zwischen Traum und Todesangst - Wie das am Baikal ansässige Naturvolk der Burjaten spricht der ARD-Journalist ehrfurchtsvoll in dritter Person von dem ältesten und tiefsten See des Planeten. Das Erste zeigt nun den dritten Teil der "Ballade vom Baikalsee" (ARD, 28. Dezember, 21 Uhr 45), nachdem die beiden ersten im Weihnachtsprogramm des letzten Jahres mit fünfeinhalb Millionen Zuschauern überaus erfolgreich waren.

Wieder sammelte Kameramann Maxim Tarasjugin traumhafte Ansichten, die, untermalt von der Musik Knut Beckers, so recht in die weihnachtliche Stimmung passen. Doch Bednarz ist schließlich kein Naturfilmer und setzt deshalb die notwendigen Widerhaken: "Es ist ein Paradies, wo wir leben, aber wenn du nicht weg kannst, ist es nur Sibirien", sagt Tatjana, die auf einer einsamen Wetterstation Dienst schiebt. Bednarz trifft auch bekannte Gesichter wieder, etwa die Försterin Ljudmila, deren Verzweiflung im vergangenen Jahr so viele Zuschauer rührte, dass er mehrere Tausend Mark an Spenden herunterschicken konnte. Und tatsächlich, das marode Feuerwehrauto fährt wieder.

Am Ende betätigt sich Bednarz sogar als Briefträger. Dem einst zu Lagerhaft verurteilten ukrainischen Künstler überreicht er Post von dessen erster großer Liebe. Die nun in Österreich lebende Frau hat den Mann 60 Jahre nach ihrer Trennung in den Bednarz-Filmen erstmals wiedergesehen. Es folgte "eine tief bewegende Situation", so Bednarz, aus der sich die Kamera rücksichtsvoll ausblendet.

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