Zeitung Heute : Zynische Stille

Kein Wort dringt heraus, kein Blick wird gewährt. Nordkorea hüllt sich in Schweigen. Noch in der Katastrophe ist das Land misstrauisch. Hinter der chinesischen Grenze, im nahe gelegenen Dandong kursieren nur Gerüchte. Und das, obwohl die Verletzten hier Hilfe bekämen.

Harald Maass[Dandong]

ZUGUNGLÜCK IN NORDKOREA

Es ist ein gemächlicher Abend am Yalu, dem Grenzfluss zu Nordkorea. Pärchen spazieren am Ufer. Vor der alten Stahlbrücke, dem Grenzübergang, posieren Touristen für ein Foto. Hundert Meter weiter, auf der anderen Flussseite, beginnt Nordkorea. Stillgelegte Fabriken und graue Mietshäuser sind zu sehen. Nichts deutet darauf hin, dass ganz in der Nähe eine Katastrophe stattfand.

Einen Tag nach der verheerenden Zug-Explosion in Ryongchon, bei der vielleicht hunderte Menschen getötet und tausende verletzt wurden, herrscht in Dandong Alltag. Vor der Grenzbrücke warten die Lastwagen der Händler, die Kleidung und Konserven nach Nordkorea transportieren. Obwohl der Unglücksort keine 50 Kilometer entfernt ist, haben viele bisher nur Gerüchte gehört. „Es soll eine Explosion gegeben haben. 3000 Menschen sind tot“, sagt die Souvenirverkäuferin Yang. Mehr weiß sie nicht. „In Nordkorea ist alles ein Geheimnis“, sagt ein anderer.

Dandong, eine ehemalige sozialistische Industriestadt im Nordosten Chinas, ist Nordkoreas wichtigster Verbindungspunkt zum Ausland. Ein Großteil des überlebenswichtigen Handels, vor allem mit Lebensmitteln und Kleidung, erfolgt über die Grenzstadt. Durch Dandong führt auch die einzige Eisenbahnverbindung nach Nordkorea. Eine riesige rostbraune Mao-Statue wacht vor dem Bahnhof, einem mit weißen Kacheln verzierten Betonbau. Dreimal in der Woche fährt ein Zug in die knapp 300 Kilometer entfernte nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang. „Wenn Sie mit dem Zug reisen, fahren Sie sicher“, heißt es auf einem Banner in der Schalterhalle.

In der Nacht zum Donnerstag muss auch Nordkoreas Diktator Kim Jong Il auf dem Rückweg vom Staatsbesuch in China durch Dandong und Ryongchon gefahren sein. Ein paar Stunden später explodierte der Bahnhof. Während China und andere ausländische Staaten Hilfe anboten, hüllt sich Nordkorea in Schweigen. In den Staatsmedien wird kein Wort erwähnt. Trotzdem werden im Laufe des Freitags immer mehr, zum Teil widersprüchliche Details im Ausland bekannt. Satellitenbilder zeigen riesige Staubwolken.

Gerüchte und Verschwörungstheorien kursieren in Dandong. Angeblich sollen in der Nacht zum Freitag heimlich Verletzte aus Nordkorea zur Versorgung herübergebracht worden sein. „Meine Kollegen haben gesehen, wie sie durch die Stadt transportiert wurden“, sagt ein Taxifahrer. Mindestens zwei chinesische Staatsbürger seien bei der Explosion getötet worden, erklärte das chinesische Außenministerium in einer Stellungnahme. Der Rest bleibt rätselhaft.

Wie vieles in Nordkorea steht auch das Eisenbahnsystem vor dem Kollaps. Die maroden Züge fahren so langsam, dass ein Zusammenstoß unwahrscheinlich erscheint. Entlang der Hauptstrecke leben kaum Menschen. Damit die Reisenden nicht die Armut sehen, sind hohe Mauern mit Propagandasprüchen errichtet. Die vordersten Hausfassaden sind frisch angestrichen. Der Zugverkehr zwischen Pjöngjang und Dandong ging bis Freitag ohne Unterbrechung weiter. „Wir schicken auch weiter unsere chinesischen Reisegruppen mit dem Zug los“, sagt eine Mitarbeiterin des staatlichen Reisebüros in Dandong.

Nordkoreas Krankenhäuser, im Winter ungeheizt und ohne die notwendigsten Medikamente, werden den Verletzten kaum helfen können. Das Land hat weder genügend Ambulanzen noch Ärzte, um sie zu versorgen. Im Krankenhaus Nummer zwei von Dandong, einem modernen Gebäude mit Neonschildern, ist die Eingangshalle an diesem Nachmittag fast leer. Das Angebot Chinas, die Grenze zu öffnen und Verwundete zur Behandlung nach Dandong zu bringen, wurde von Nordkorea bisher abgelehnt. Selbst in der Katastrophe bleibt Nordkoreas Führung misstrauisch, auch dem ehemals engsten Freund China gegenüber. Das Regime befürchtet vermutlich, dass die Unfallopfer in China abtauchen könnten. Sie müssen deshalb in Nordkorea bleiben, auch wenn das für viele von ihnen den Tod bedeuten wird.

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