Zeitung Heute : Zypern: Frühlingserwachen

Wilhelm Hüls

Samstagabend in der Taverne "Country Pub & Grill" in Limassol auf Zypern. Eine zypriotische Familie nach der anderen kommt ins Lokal, und der Großvater entscheidet, wo Platz genommen wird. Er ist das Oberhaupt der Familie. Um ihn herum platzieren sich die Männer und Halbwüchsigen. Die Frauen und Mädchen gruppieren sich am anderen Ende des Tisches um die Großmutter. Während auf der podestartigen Bühne das Folkloreprogramm läuft, wird an den Tischen ausgiebig gegessen: Méze. Auf kleinen Tellern kommt eine Speise nach der anderen auf den Tisch, angefangen von gegrilltem Ziegenkäse, köstlichen Dips über diverse Salate, Lammkoteletts bis hin zu üppig bestückten Fleischspießen. Alles in allem mindestens zwölf Gerichte. Jeder nimmt sich das, was ihm am besten schmeckt. Selbstverständlich wird dazu reichlich Rotwein getrunken.

Die Stimmung steigt und sobald die Folklorekünstler die Tanzfläche verlassen haben, halten es die einheimischen Gäste auf ihren Stühlen nicht mehr aus und stürmen das Parkett, jedoch nicht ohne zuvor das Oberhaupt der Familie um Erlaubnis zu bitten. Der alte Herr nickt wohlwollend und scheint ausgesprochen zufrieden zu sein, dass er mit seiner Familie einen fröhlichen Abend verbringen kann. Gegen Mitternacht zieht eine junge schlanke Zypriotin mit langen schwarzgelockten Haaren alle Blicke auf sich. Sie tanzt nur für ihren Liebsten, der vor ihr niederkniet und sie in ihren anmutigen Bewegungen anhimmelt. Solche Szenen lassen sich jetzt im Frühling in den Tavernen eher beobachten als im Sommer, wenn die Touristen abends die Lokale in Limassol, Paphos oder Agia Napa beherrschen.

In diesen ersten Februartagen klettert das Thermometer auf behagliche 16 Grad Celsius. Ideale Bedingungen, um Ausflüge zu unternehmen, für die es im Sommer manchem Urlauber zu heiß ist. Wanderführer Christos Charodambous chauffiert seine Gäste im Jeep zum Beispiel von Paphos aus durchs bergige Hinterland und über die Halbinsel Akamas. Am Straßenrand, in Gärten oder auf Feldern blühen die ersten Mandelbäume. Christos, studierter Geologe, vermerkt zufrieden, dass die Zahl der naturbegeisterten Urlauber von Jahr zu Jahr leicht steigt. Mit einigem Stolz zählt er Routen auf, die für Blumen- und Pflanzenliebhaber und Vogelkundler besonders interessant sein dürften. Wollen sich Wanderer allein auf den Weg machen, zeigt er ihnen vorab auf der Karte die Strecke mit den schönsten Ausblicken und abends holt er sie vom Zielpunkt, das ist stets ein Lokal, wieder ab.

Anemonen und Orchideen

Während die geologischen Besonderheiten des Tróodos-Gebirges nur von wenigen Gästen als eine Sensation empfunden werden, lösen blühende Anemonen, Narzissen und vor allem die ersten Orchideen jetzt im erwachenden Frühling wahre Begeisterungsstürme aus. Überall sprießt frisches Grün. Selbst in den geschützten Tallagen des Tróodos Gebirges ist der Lenz angekommen und lässt die Mandelbäume blühen. Dichtes Geäst verrät, dass die Zweige jahrelang nicht beschnitten worden sind. Die Hege lohne sich nicht mehr, erklärt Christos, denn die Früchte fänden auf dem internationalen Markt keinen Absatz mehr. Mandeln aus Nordafrika würden billiger angeboten.

Aber wenn die Bäume auf Zypern nicht beschnitten werden, geht deren Blütenpracht von Jahr zu Jahr zurück. Das könnte sich negativ auf den Tourismus auswirken, den die Zyprioten in den buchungsarmen Monaten Februar und März gern mit der Mandelblüte ankurbeln würden.

Natürlich führt Christos seine Gäste auch dorthin, wo Salbei, Thymian, Majoran, wilder Knoblauch oder Wacholderbüsche wachsen. Vor allem die frischen Thymianblätter duften kräftig, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt. Der Reichtum der Insel an Kräutern und vor allem an Gemüse, Obst und Früchten zeigt sich auch auf den Speisenkarten. Traditionell werden Lamm- und Ziegengerichte bevorzugt. Da verwundert es nicht, dass große Ziegenherden das Bergland durchstreifen. Selbstverständlich nutzen die frechen Vierbeiner für den Aufstieg die Straße und mäckern pausenlos. Dann ist es besser zu flüchten, um den Frühling genießen zu können.

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