Doku über Nazijäger Fritz Bauer : Auf den Helden gewartet

Von der moralischen Pflicht, Widerstand zu leisten: die Arte-Doku „Fritz Bauer – Generalstaatsanwalt. Nazijäger“.

Manfred Riepe
Bewusstsein schaffen für den NS-Massenmord: Fritz Bauer.
Bewusstsein schaffen für den NS-Massenmord: Fritz Bauer.Foto: Siegfried Träge/Fritz Bauer

Im Wirtschaftswunder-Deutschland galt die Devise: Wir ziehen einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit. Ein unbekannter Jurist stemmte sich gegen dieses organisierte Vergessen. Fritz Bauer erinnerte bräsige Bundesbürger an Massenmörder im Anzug und die Banalität des Bösen. Eine Arte-Dokumentation rollt die Geschichte des jüdischen Staatsanwalts neu auf.

Das ist nicht einfach, Bauer ist längst ein Medienphänomen geworden. Nicht weniger als drei Spielfilme beleuchten die Geschichte dieses Juristen aus unterschiedlichen Perspektiven. Aus heutiger Sicht verdichtet sich der Eindruck, als hätten die Deutschen seinerzeit nur auf diesen Helden gewartet. Ein Blick von außen rückt dieses Bild zurecht. Die französische Filmemacherin Catherine Bernstein, bekannt für ihre Dokumentation über die Aktion T4, das Euthanasie-Programm der Nazis, legt den entscheidenden Akzent auf die steinige Vorgeschichte.

Bernsteins Film rückt die Strategie in den Fokus, die Bauer bei jenem Remer-Prozess erprobte, der den Frankfurter Auschwitz-Tribunalen gut zehn Jahren voranging. Otto Ernst Remer war maßgeblich beteiligt an der Niederschlagung der „Operation Walküre“, dem gescheiterten Attentat auf den „Führer“.

Die NS-Propaganda hatte ihn deswegen zum Helden verklärt. Nach dem Krieg tat der antisemitische Politiker sich dadurch hervor, dass er den Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg als „Landesverräter“ verunglimpfte. Als er deswegen 1952 angezeigt wurde, hatte Fritz Bauer eine geniale Idee: Der bis dato unbedeutende Staatsanwalt, damals noch am Landesgericht Braunschweig tätig, belangte Remer nicht wegen „Beleidigung“.

Dieses gruselige Klima veränderte sich erst mit den Auschwitz-Prozessen

Er bezichtigte ihn wegen „übler Nachrede“ – ein juristischer Winkelzug mit weitreichenden Folgen. nun wurde nicht mehr ein Einzelfall verhandelt. Die gesamte braune Weltanschauung, die Remers Verunglimpfung des Hitler-Attentäters transportierte, wurde einem akribischen Faktencheck unterzogen. Das Land, so Fritz Bauers Pointe, war durch die Nazis ja längst verraten worden. Deshalb konnte Stauffenberg kein „Landesverräter“ sein.

Mit diesem argumentativen Coup rückte das provinzielle Gericht am Rande Westdeutschlands in den medialen Fokus. Der Film zeichnet nach, wie Fritz Bauer eine Debatte lostrat, mit der die verkrustete Ideologie der 50er Jahre aufbrach. Dieser Zeitgeist wurde verkörpert von Konrad Adenauer. Der erste Bundeskanzler hatte seinem persönlichen Assistenten Hans Globke, Mitautor der Nürnberger Rassengesetze, demonstrativ die Hand gereicht – ein verhängnisvolles Signal an alle Altnazis.

Dieses gruselige Klima veränderte sich erst mit den Auschwitz-Prozessen. Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Gerichtssaal zeigen die Täter. In ihren gebügelten Anzügen sind sie ununterscheidbar von unbescholtenen Bürgern. In Frankfurt wurden 1965 zwar nur 23 SS-Angehörige verurteilt, die an der fabrikmäßigen Ermordung von KZ-Insassen beteiligt waren. Fortan standen diese 23 Anzugträger jedoch für die Mitschuld jedes einzelnen Deutschen, der das NS-Unrechtsregime mitgetragen hatte.

Die Doku wirft noch einen Blick auf Bauers Beteiligung an der Ergreifung Adolf Eichmanns. Sensible Themen wie Bauers jüdische Herkunft und seine mutmaßliche Homosexualität werden nicht in den Fokus gerückt. Catherine Bernstein begeht nicht den Fehler, die Figur Fritz Bauer für einen modischen Diskurs zu vereinnahmen. Ihr einstündiger Film verdeutlicht eines: Dank Fritz Bauer vermochte das Gericht als Instanz etwas zu leisten, was einem Museum nie gelungen wäre.
„Fritz Bauer – Generalstaatsanwalt. Nazi-Jäger“, Dienstag, Arte, 21 Uhr 55