Kultur : Die Mutbürgerin

Drei Minidramen über Anna Politkowskaja an der Deutschen Oper Berlin.

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Mit Gewalt. Eine der Mini-Opern beleuchtet das Geiseldrama im Moskauer Dubrowka-Theater. Foto: Braun/DRAMA
Mit Gewalt. Eine der Mini-Opern beleuchtet das Geiseldrama im Moskauer Dubrowka-Theater. Foto: Braun/DRAMAFoto: Braun/drama-berlin.de

Möglicherweise besteht die wahre Kunst bei der Teilnahme an einem Kompositionswettbewerb Musiktheater nicht darin, die gestellte Aufgabe zu lösen. Sondern vielmehr darin, sich der Zumutung, einen vorgegebenen Text vertonen zu sollen, auf möglichst elegante Weise zu entziehen. Auf diesen Gedanken kann man kommen, wenn man die drei Preisträgerwerke des von der Deutschen Oper und der Hanns-Eisler-Hochschule ausgeschriebenen Wettbewerbs „Neue Szenen“ erlebt hat. Dabei haben die Veranstalter durchaus der Tatsache Rechnung getragen, dass Musiktheater Teamwork ist. Christoph Nußbaumeders Monolog „Ich werde nicht sterben in meinem Bett“ und der ergänzende Dialog „Die Unterhändlerin“, die sich beide mit der 2006 ermordeten russischen Journalistin und Menschrechtsaktivistin Anna Politkowskaja beschäftigen, sind formal so offen, dass sich aus den gewählten Textbausteinen sowohl eine realistische Handlung als auch ein rein assoziatives Spiel formen lässt.

Die ästhetische Stimmigkeit der Produktionen und die handwerkliche Souveränität, mit der die Studierenden der Eisler-Hochschule Regie, Gesangs- und Instrumentalstimmen der Kurzopern bewältigen, zeigen, dass die Angebote zu Mentoring und Teamwork auch angenommen wurden. Dennoch entgeht nur die Produktion von Leah Muir (Musik) und Michael Höppner (Regie) dem Vorwurf, die starken politischen und emotionalen Assoziationen, die mit der Figur der Politkowskaja verbunden sind, nicht bloß zu benutzen.

Geradezu naiv wirkt etwa die Version von Evan Gardner (Musik) und Eva-Maria Weiss (Regie), in der Politkowskajas Rolle als Unterhändlerin beim Geiseldrama im Moskauer Dubrowka- Theater mit Betroffenheitsgesten und falsettierenden maskierten Terroristen veropert wird. Auch wenn Gardner textverständlich schreibt und mit Übergängen zwischen Klang und Geräusch umzugehen weiß, sind doch die angstvollen Atemgeräusche einer Geisel nicht das geschmackvollste Sujet, um diesem Interesse nachzugehen.

Die Produktion des Komponisten Stefan Johannes Hanke und der Regisseurin Tamara Heimbrock abstrahiert dagegen von der realen Person der Politkowskaja. Das Zwiegespräch der Hauptfigur „Frau A.“ (Bettina Gfeller) mit ihren inneren Stimmen überzeugt aber letztlich nur als abolute Musik mit dramatisch und gesanglich erfundenen Linien, während der Text mit seinen eingestreuten Shakespeare-Zitaten vielleicht zum Besten des Ganzen oft unverständlich bleibt.

Erst Muirs und Höppners satirische Produktion wagt es, den Umgang mit der Figur Politkowskaja offensiv und kritisch zu hinterfragen und sie dabei auch ganz nah an die Lebenswirklichkeit des westlichen Publikums zu rücken. Das alte Diktum Dürrenmatts bestätigend, nach dem die schlimmstmögliche Wendung, die eine Handlung nehmen kann, ihre Wendung zur Komödie sei, nimmt sie in einer Reihe kleiner böser satirischer Szenen die Stilisierung Politkowskajas zur Märtyrerin aufs Korn und entlarvt diese Überhöhung als Ausrede, nicht selbst mutig handeln zu müssen. Die Aussage ist stark genug, dass Muirs Musik, die als einzige nicht durchkomponiert ist, an vielen Stellen schweigen oder sich als sparsame Bühnenmusik auf ihre gliedernde Funktion zurückziehen kann. Ihre dramatische Qualität mindert das nicht – im Gegenteil.

Weitere Aufführungen: 11., 17. und 18. April in der Tischlerei der Deutschen Oper

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