Meinung : Die Neuerfindung des Islam

Wir befinden uns im weltanschaulichen Krieg mit den Islamisten. Eine Erkenntnis, der sich deutsche Intellektuelle weiter verschließen

Bassam Tibi

Helmut Plessner, der einzige große Soziologe, den Göttingen je hervorbrachte, nennt die Deutschen im Titel seines Buches „Die verspätete Nation“. Verspätet sind heute vor allem die deutschen Intellektuellen, die Jahrzehnte benötigten, um nachzuvollziehen, was andere dachten. Besonders deutlich wird das an ihrer Weigerung, den „Cultural Turn“ zu denken, dessen Berechtigung uns nicht erst der Karikaturenstreit vor Augen führt und demzufolge unterschiedliche kulturelle Prägungen Konflikte und gar Kriege heraufbeschwören können.

Wie sehr die deutschen Intellektuellen, die die Feuilletons und den Universitätsbetrieb beherrschen, hinterherhinken, kann man etwa am Streit von etwa 60 so genannten Migrationsforschern mit Necla Kelek sehen; diese wollen ihr sogar das Rederecht entziehen, weil sie Tabus bricht und Denkverbote nicht beachtet. Das zentrale Problem der heutigen deutschen Intellektuellen ist deshalb nicht so sehr ihr „Verspätetsein“, vielmehr sind es ihre illiberalen Haltungen, die darauf abzielen, anderen zu verbieten, was sie sich selbst verboten haben, nämlich das freie Denken. Als Ausländer in diesem Land, der regelmäßig zwischen vier sehr unterschiedlichen Kulturen lebt und weiß, was kulturelle Konflikte sind, die bis zum Krieg gesteigert werden können, habe ich mein Leid mit diesen Intellektuellen. Ich bin Araber islamischen Glaubens und führe mehrere Parallelleben. Neben meinem Beruf als akademischer Gastarbeiter an einer deutschen Universität lehre und forsche ich seit 1982 in den USA. Als Nahostexperte lebe ich regelmäßig in arabischen Ländern, und als Islamologe kenne ich die Welt des Islam von Jakarta in Südostasien bis Dakar in Westafrika.

Aus dem Leben zwischen vier Welten (USA, Europa, dem arabischen Nahen Osten und der nichtarabischen Welt des Islam) weiß ich, dass Menschen in kulturellen Systemen sozialisiert werden und deshalb je unterschiedliche Werteorientierungen und Weltsichten haben. Die deutschen Intellektuellen verbieten sich und anderen diese Erkenntnis, weil sie nicht in ihr Weltbild passt. Als mein Buch „Krieg der Zivilisationen“ 1995 erschien, wurde ich abgestraft. Anders erging es Hungtington, dessen Aufsatz von 1992 (sein Buch „Clash of Civilizations“ erschien erst 1996) in den USA trotz großer Meinungsunterschiede positiv aufgenommen wurde, weil er das Problem benannte.

Meine Karriere als Publizist in Deutschland fing an zu bröckeln, weil ich Verbotenes schrieb und kulturelle Unterschiede und die Konflikte, die daraus hervorgehen, offen ansprach. Es wurde noch schlimmer, als ich in „Europa ohne Identität?“ über den Kontinent im Zeitalter der Zivilisationskonflikte nachdachte. Man verzeiht mir bis heute nicht, dass ich für eine europäische Leitkultur als kulturübergreifende Werteorientierung eintrete, die Europäer und islamische Migranten teilen und beide verbindet. Ich wurde als Panikmacher verunglimpft, weil ich ein Szenario des Konflikts ausmalte: Wenn es nicht gelingt, Migranten wertemäßig zu integrieren, dann wird Europa von einem Zivilisationskonflikt überschattet, der sich zu einem weltanschaulichen Krieg steigern und auch dschihadistische, also gewaltförmige Züge annehmen könnte. Im Karikaturenkonflikt und zuvor in Madrid und Amsterdam (2004), London und Paris (2005) ist dieses Szenario Realität geworden.

Angesichts dieser Tatsachen frage ich: Verstehen deutsche Intellektuelle heute die Spannung zwischen der Werteorientierung der Pressefreiheit und der von Muslimen wahrgenommenen Schändung ihrer Ehre? Die Folge dieser Spannung ist ein kultureller und auf einer übergeordneter Ebene auch ein Zivilisationskonflikt.

Was ist der Unterschied zwischen Kultur und Zivilisation? In der Welt des Islam gibt es eine große Vielfalt an Kulturen (Afro-Islam, arabischer Islam, indonesischer Islam etc.), die alle in Bezug auf Werte und Weltsicht verwandt sind und so kulturübergreifend eine einheitliche Zivilisation bilden. Dasselbe gilt für Europa: Schweden und Italiener haben nicht dieselbe Kultur, aber beide Kulturen gehören zur europäisch-westlichen Zivilisation. Bezogen auf die Welt des Islam, werden heute dort nicht einzelne Kulturen, sondern die gesamte islamische Zivilisation im Zeichen des Karikaturenstreits gegen Europa mobilisiert. Die Crux ist, dass viele Europäer dies nicht verstehen, auch wenn sich an der veröffentlichten Meinung der letzten Wochen ablesen lässt, dass so mancher gerade einen Lernprozess durchläuft.

Der „Cultural Turn“ lässt sich konkret am Karikaturenstreit erläutern: Es ist kaum zu übersehen, dass das islamische Aufbegehren gegen die dänischen Karikaturen orchestriert und nicht spontan ist. Die Akteure sind einerseits Staaten wie Syrien, Iran und Saudi-Arabien. Es sind aber auch nichtstaatliche islamistische Akteure am Werk, zuvorderst die transnationale Bewegung der Muslim-Bruderschaft, die auch eine Niederlassung in Deutschland hat. Wenn aber ein Hinweis wie in der „FAZ“, „es gehe nicht mehr um Religion, sondern um Politik“, so gedeutet wird, dass die Religion als kulturelles System keine Bedeutung hat, dann geht das an der Realität vorbei. Ein Begriff aus der internationalen Diskussion, der uns der Problematik näher bringt, lautet: Religionisierung der Politik. Der 11. September 2001 war eine Illustration dafür, wie Politik religionisiert wird. Aus der Kulturanthropologie wissen wir, dass Religion ein „kulturelles System“ ist, nicht nur ein Glaube. Wer sagt, der 11. September habe mit Religion nichts zu tun und sei nur ein Widerstand gegen die amerikanische Globalisierung, und schlussfolgert, dies betreffe Europa nicht, hat nichts verstanden. Die Ereignisse in Europa von Madrid am 11. März 2004 über Amsterdam am 2. November 2004, dann am 7. Juli 2005 in London bis hin zum islamischen Aufstand in den „Banlieues de l’Islam“ von Paris strafen diese Denkweise Lügen. Nun kommt auch noch Dänemark an die Reihe. Soll dies alles mit Religion nichts zu tun haben?

Nun, Religion ist auch ein Glaubenssystem, in diesem Sinne bin ich selbst gläubiger Muslim. Aber hier steht nicht der Islam als Gottesglaube zur Diskussion, sondern eine Religion, die auf einer Politisierung fußt. Der Islam wird zum Islamismus. Nun sind auch die Islamisten gläubig, also nicht zynisch. Bei einer Religionisierung der Politik und Politisierung der Religion bleibt die Religion aber zentral. Islamisten fordern Europa kämpferisch heraus, ohne dass die Europäer diese Kulturalisierung des Konflikts begreifen.

Manche bezichtigen mich, Kulturalismus (das heißt, alles mit Kultur zu erklären) zu betreiben, und sie verschweigen ihren eigenen Ökonomismus (alles mit Ökonomie zu erklären). Tatsächlich berücksichtige ich in meinen Arbeiten über Kultur und Zivilisationskonflikte auch wirtschaftliche und politische Faktoren. Aber Menschen sind keine Automaten, die eine wirtschaftliche Situation – zum Beispiel die Globalisierung – mechanisch in kulturelle Reflexe übersetzen. Menschen sind eben auch Kulturwesen und keine Pawlowschen Hunde; sie werden in Werten und einer kulturellen Weltsicht sozialisiert.

Im Zeitalter des „Cultural Turn“ nehmen Menschen alles in Kultur-Kategorien wahr, reagieren also auch auf Politik kulturell. Eben darin liegt die Saat für Konflikte, was ich an Flemming Rose, Kulturchef der „Jyllands-Posten“, exemplifizieren möchte. „In einer säkularen Gesellschaft müssen Muslime damit leben, verhöhnt, verspottet und lächerlich gemacht zu werden“, sagt er. Das ist europäische Arroganz. Die durch Morddrohungen bis in die Knochen verängstigten Karikaturisten der „Jyllands-Posten“ treten nicht so kulturarrogant auf. Einer von ihnen sagte: „Wir Dänen sind ja naiv und wissen wenig von der großen Welt und vom Islam.“ Ich übersetze diese Aussage mit weniger demütigen Worten: „Wir Europäer haben keine Ahnung vom islamischen Erwachen im ‚Cultural Turn‘.“ In diesem Streit treten unterschiedliche kulturelle Muster hervor. Man versteht nicht dasselbe unter Freiheit. Zu dieser neuen Epoche kulturbestimmter Weltpolitik gehören auch unterschiedliche Auffassungen von Geschichte und Kultur.

Die Veränderung der internationalen Debatte beginnt mit Francis Fukuyama. Er hat nach dem Ende des Ost-West-Konflikts den Sieg der westlich-liberalen Werte und das „Ende der Geschichte“ verkündet. Ich widersprach ihm 1995 und wies auf die Rückkehr der islamischen Geschichte hin. Mein Argument war, dass sich die Muslime keinesfalls mit der bestehenden Ordnung abgefunden, sondern den Konsens über die Werteordnung aufgekündigt hatten und das Ruder wieder übernehmen wollten.

Was heißt Rückkehr der Geschichte? Kultur ist ein Behälter für Kollektiverinnerung. Diese muss nicht immer deckungsgleich mit historischer Realität sein, um politisches Handeln zu rechtfertigen. Muslime erinnern sich daran, dass ihre Zivilisation einmal führend war – das ist richtig –, unterstellen aber ein geschichtliches Bündnis von „Kreuzzüglern und Juden“ gegen den Islam. Dieses Bündnis hat es nie gegeben, die historischen Tatsachen widersprechen dieser „Erinnerung“. Auf der Basis dieser Kollektiverinnerung wird jedoch zum Dschihad als einer „islamischen Weltrevolution“ aufgerufen, so wie es Sayyed Qutb, der wichtigste Denker des politischen Islam, getan hat. Das Ziel dieser Revolution ist, die Welt zu entwestlichen und das islamische Reich wiederherzustellen.

Die Forscher nennen das „Erfindung von Tradition“. Das konstruierte Kollektivgedächtnis ersinnt Erinnerungen an eine von Europäern gelöschte islamische Vergangenheit, die kulturell neu zu beleben sei. Es folgen „wars of memories“, also „Kriege der Kollektiverinnerungen“. Dem Bestreben, die Welt zu entwestlichen, folgen weltanschauliche Kriege, „wars of ideas“. Für den Krieg der Zivilisationen benötigen Islamisten weder Artillerie noch Bombenjäger; sie haben ihre Ideen und ihren Körper.

Multi-Kulti-Ideologen begrüßen die Konstruierung von Kollektiv-Identitäten, selbst wenn sie kämpferisch sind. Ein Beispiel ist die Betonung islamischer Identität gegenüber der europäischen Identität. Deutsche Politiker und Feuilletonisten, die den Islamunterricht einführen wollen, stehen ungewollt in einer Allianz mit den Feinden Europas, wenn sie den Bedarf an islamischer Identität in der Diaspora feststellen und diese fördern wollen. Sie verharren im naiven Glauben, die Integration werde hierdurch vorangetrieben. Richtig hingegen ist das Gegenteil.

Diese kulturelle Konfliktlage gewinnt durch die Netzwerke transnationaler Religionen einen globalen Charakter. Alles läuft auf einen „Krieg der Zivilisationen“ hinaus. Die These meines gleichnamigen Buches wurde totgeschwiegen und das Buch nicht mehr aufgelegt, obwohl es zwei Kapitel enthält, die gegen Huntington gerichtet sind. Was viele nicht verstehen: Ich bin gegen den weltanschaulichen Krieg der Zivilisationen. Ich weigere mich aber, diesen Konflikt einfach hinwegzuzaubern, denn er ist real. Um diesen Krieg im Zeitalter des „Cultural Turn“ zu überwinden, müssen wir uns darüber klar werden, wie er stattfindet.

Konflikte werden orchestriert und geschürt von Netzwerken transnationaler Religionen. Teil dieses Konflikts ist die Erfindung der Tradition, „Identity Politics“ und der Krieg der Erinnerungen und Anschauungen. Der Krieg der Zivilisationen wird nicht von Armeen, sondern mit Viren geführt. Der gefährlichste Virus sind die Idee des Dschihadismus und seine realen Manifestationen.

Der Dschihadismus ist das beste Beispiel, wie Ideen, Glaubenssätze und Geschichte durch Erfindung der Tradition verformt werden. Der klassische Dschihad bedeutete zwar Kampf für die Verbreitung des Islam. Er verlief jedoch nach strikten Regeln ähnlich derer, die später Clausewitz formulierte. Dagegen ist der Dschihadismus die Idee und Praxis eines Krieges ohne Regeln, ein irregulärer Krieg, der von nichtstaatlichen Akteuren als Terrorismus geführt wird. Dies alles gehört zu den Begleiterscheinungen des Cultural Turn in einer veränderten Welt des 21. Jahrhunderts. Wann werden die Intellektuellen der „verspäteten Nation“ beginnen, über die postbipolaren Realitäten der Weltpolitik nachzudenken? Wie lange noch werden Denkverbote bestehen, die die Wahrnehmung dieser Realität verhindern? Diese Intellektuellen sollten sich Francis Fukuyama zum Vorbild nehmen. Er redet heute nicht mehr vom Ende der Geschichte, weil er die islamische Herausforderung an Europa begriffen hat.

In seiner „Lipset Lecture“ sieht Fukuyama Europa als „battlefront“ des Islamismus und schlägt als Gegenstrategie die Übernahme meiner Idee von einer europäischen Leitkultur vor, um islamische Migranten zu integrieren und es den Islamisten so zu erschweren, Dschihadisten in der europäischen Islam-Diaspora zu rekrutieren. Ist das so schwer zu verstehen?

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