Kampf gegen den IS in Syrien : Die USA dürfen nicht mehr so halbherzig bombardieren

Der Westen kann den „Islamischen Staat“ bezwingen: Wenn die Kosten des Terrors hochgetrieben werden – und Deutschland den Franzosen hilft. Ein Kommentar.

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Kampfjets auf dem französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle, der in das östliche Mittelmeer verlegt wird.
Kampfjets auf dem französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle, der in das östliche Mittelmeer verlegt wird.Foto: Reuters

Der „Dritte Weltkrieg“, der seit den Anschlägen in Paris durch die Medien geistert, entspringt einer überhitzten Fantasie. Weltkrieg? Paris ist nicht einmal Europas 9/11. Die Bomben in einem Vorortzug von Madrid haben 2004 fast doppelt so viele Menschen getötet. Dennoch markiert Paris den Beginn einer gefährlichen Phase des islamistischen Terrors. In der französischen Hauptstadt hat der „Islamische Staat“ eine neue Offensive gestartet. Der IS hat den Städtekrieg aus dem Nahen Osten ins Herz von Europa getragen.

Bisher hat der IS im Westen nur „einsame Wölfe“ eingesetzt. Paris aber war sorgfältig choreografiert, die Terroristen bewiesen höchstes taktisches Geschick. Und das einen Tag nachdem US-Präsident Barack Obama die „Eindämmung“ des IS gefeiert hatte.

Der Hauptkonflikt tobt innerhalb des Islams

Die Bedrohungslage hat sich verschärft. Das zeigte sich, als in Hannover das Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande abgesagt wurde. CIA-Chef John Brennan hält Paris nicht für ein „einmaliges Ereignis“ und warnt vor Attacken, die schon „in der Pipeline“ seien. Mit welchem Ziel? Ein Schlüsselwort der IS-Propaganda ist die „Zerstörung der Grauzone“, in der sich Europas Muslime befänden: zwischen Gut und Böse, dem Kalifat und den Ungläubigen. Die Terrorangriffe sollen den Westen gegen seine muslimischen Bürger aufbringen, eine Überreaktion soll diese radikalisieren. Dann würden sie die „Grauzone“ verlassen und in Scharen zum IS überlaufen.

Absurd ist dieses Szenario nicht. Das „Wir gegen die“, das Europas extreme Rechte propagiert, würde dem IS tatsächlich neue Kämpfer zutreiben. Umso wichtiger ist es, den „Kampf der Kulturen“ als Unfug zu entlarven. Der Hauptkonflikt tobt innerhalb des Islams, einer „Kultur des Kampfes“, bei dem sich die Völker und Sekten gegenseitig zerfleischen – mit tausendfach größeren Opferzahlen.

Wendete sich die Wut nun gegen Europas Muslime, betriebe der Westen das Geschäft des IS. Stattdessen muss die Gegenwehr in den syrischen und irakischen IS-Hochburgen erfolgen. Die politischen Voraussetzungen dafür sind gegeben. Amerika, Europa, Russland, der Iran, die Türkei und die Golfstaaten – sie alle sind bereit, gegen den IS zu kämpfen. Aber eine Koalition der Willigen braucht eine Führungsmacht, welche die größte Last übernimmt. Und diese Last will Obamas Amerika nicht mehr tragen.

Josef Joffe
Josef JoffeFoto: Tsp

Die Europäer wiederum wollen, wie die USA, keine Bodentruppen entsenden. Russland und der Iran wollen vor allem den syrischen Diktator Assad retten. Jordanien und Saudi-Arabien fliegen Angriffe, mehr nicht. Die Vorstellung, sunnitische Armeen würden als Erfüllungsgehilfen des Westens im Irak und in Syrien aufräumen, ist so real wie die Hoffnung auf einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern.

Trotzdem muss der Westen agieren. Es reichte schon, wenn Amerika nicht so halbherzig bombardierte wie bisher. Der „Islamische Staat“ ist tatsächlich ein Staat, mit Hauptstädten in Mossul und Rakka, mit verwundbarer Logistik und Verwaltung. Nur: Ohne Vorwärts-Spezialeinheiten gibt es kein Präzisionsbombardement, Obama wird die amerikanischen Eliteeinheiten wohl oder übel verstärken müssen.

Nicht mehr das Gespenst eines „Dritten Weltkriegs“ beschwören

Und die Deutschen? Sie werden eine überzeugende Antwort auf die Anrufung der EU-Verträge durch Frankreich finden müssen. In Artikel 42.7 der Verträge heißt es: „Im Falle eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaates schulden die anderen Mitgliedsstaaten ihm alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung.“ Eine Antwort könnte lauten, dass die Deutschen den Franzosen beim Luftkampf helfen. Einsatz von Bodentruppen wird niemand fordern.

Der Westen kann durchaus die Kosten des Terrors hochtreiben, indem er dessen Zentren systematisch und mit offenem Ende attackiert. Der Terror braucht eine Basis. In Europa sind Aufklärung und Polizeiarbeit dafür da, dem IS die Rekruten zu nehmen. In Syrien und im Irak ist das Ziel die Infrastruktur des Terrors. Der „Islamische Staat“ träumt von der Apokalypse; aber der Westen hat die Mittel, um, vielleicht gemeinsam mit Russland, diesem Traum ein Ende zu bereiten.

Das könnte gelingen, ganz ohne das Gespenst eines „Dritten Weltkriegs“ zu beschwören.

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