Gesundheit : Machos in der Milbenwelt

Evolution bei der Arbeit: Ein Berliner Biologe erforscht die bizarre Welt der Milben

Susanne Lummer

Wenn andere Wissenschaftler auf ihrer Suche nach bislang unbekannten Tierarten die Wälder ferner Kontinente durchforsten, unternimmt Stefan Wirth eine Exkursion zum Berliner Teufelssee. Dort, im modrigen Schlamm eines kleinen Tümpels in der Nähe vom Badesee, lebt und gedeiht unter vielen Arten ein winziges Krabbeltier, das es dem promovierten Zoologen besonders angetan hat – die Milbe Histiostoma palustre. Während seiner Doktorarbeit hat der Wissenschaftler der Freien Universität Berlin diese bis dahin völlig unbekannte Milbenart erstmals wissenschaftlich beschrieben und ihr einen Namen gegeben.

Histiostoma belebte wenig später nicht nur den Matsch hinterm Teufelssee, sondern entwickelte sich auch ganz prächtig als Forschungsobjekt im Institutslabor in Dahlem. Gut versorgt in der Petrischale fühlen sich die vollkommen harmlosen Histiostomatiden sogar in Charlottenburger Altbau-Wohnungen wohl: „Ein paar Kulturen stehen auch bei mir zu Hause“, gesteht Stefan Wirth, eben ein echter Vollblutbiologe.

Von den raffinierten Tricks, die Tiere nutzen, um sich erfolgreich fortzupflanzen, kennt der Zoologe viele, gerade auch bei Milben. Bislang einzigartig bleibt jedoch das klobige Greiforgan, das Stefan Wirth bei der neuen Milbenart vom Teufelssee entdeckt hat: Deren Männchen entwickeln sich, abhängig von der vorherrschenden Umgebungstemperatur, zu zwei unterschiedlichen Charakteren: Während der „NormaloTyp“ äußerlich unauffällig auftritt, hat sich beim „Macho-Typ“ unter den Milbenmännern das zweite Beinpaar von vorne zu einem auffälligen Klammerorgan umgewandelt.

Welchen Sinn es für die „Machos“ macht, mit solchen Riesenschaufeln umherzulaufen, entdeckte der Biologe, als er den Kampf der Milben um die Weibchen beobachtete: Dabei zerren die Männchen mit ihrem Klammerorgan die Konkurrenten vom Rücken der Weibchen herunter, um selbst zum Zuge zu kommen.

Die Milbe aus dem Grunewald fügt weder Mensch noch Tier Schaden zu. Und mit weniger als einem Millimeter Körperlänge bleibt das Tier, das wie alle Milben zu den Spinnentieren gehört, für das bloße Auge so gut wie unsichtbar.

Seinem Wert für die Wissenschaft tut das allerdings keinen Abbruch. Denn der Lebenszyklus und das Verhalten der Milbe von der Larve bis zum geschlechtsreifen Tier liefern Forschern grundsätzliche Erkenntnisse. Darüber, wie die Evolution Schritt für Schritt neue Merkmale entstehen lässt und nach welchen Mechanismen neue Tier- und Pflanzenarten überhaupt entstehen. Überlebenskunst in Perfektion demonstriert auch die von Stefan Wirth beschriebene Art vom Teufelssee: „Alle diese Milben sind an feuchte Lebensräume angepasst. Sie krabbeln auf einem dünnen Feuchtigkeitsfilm und fressen dort Bakterien.“ Ihre kompliziert umgestalteten Mundwerkzeuge dienen dabei als Wischblatt, mit dem sie Bakterien zusammenschieben. „Das funktioniert ungefähr so wie bei einem Schneeschieber“, erläutert Stefan Wirth die Essgewohnheiten seiner Labortiere.

Massenhaft Bakterien und damit ein reich gedeckter Tisch bietet sich diesen Milben vor allem dort, wo es ein bisschen gammelt: Alten Schlamm und modrigen Matsch, verdorbenes Obst sowie Tierkadaver finden diese Tiere urgemütlich – solange alles angenehm feucht ist. Doch was tun, wenn das Schlammloch austrocknet? Dann nehmen sich die Milben ein Taxi: H. palustre beispielsweise sucht sich einen Kolbenwasserkäfer als Transporteur. Die winzige Milbe erkennt das Insekt am Geruch, erklettert seinen Panzer und heftet sich dort mit speziellen Saugnäpfen fest. Vom Käfer lässt sie sich zum nächsten Tümpel fliegen, wo bessere Lebensbedingungen herrschen: Wieder im bakterienreichen Gammel, war der Umzug in den nächsten Grunewalder Tümpel ein voller Erfolg.

Anders als andere Tiergruppen bewohnen Milben fast jeden Winkel der Erde, häufig gleich massenhaft. Im Laufe ihrer Stammesentwicklung haben es die Tiere geschafft, von antarktischen Gewässern über Menschenhaut bis hin zu Vogelfedern so ziemlich jeden denkbaren Lebensraum zu besiedeln. Sie sind ein Musterbeispiel gelungener Evolutionsstrategien.

Über 100000 verschiedene Milbenarten soll es weltweit geben, doch nur ein Bruchteil davon ist wissenschaftlich überhaupt beschrieben. Über die Biologie der Tiere wissen die Forscher bislang erstaunlich wenig. Für Stefan Wirth bleibt also in Zukunft noch einiges zu tun.

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