WM-Qualifikation : Lärm und Leidenschaft in Bosnien

Bosnien und Herzegowina steht vor dem größten sportlichen Erfolg seit der Staatsgründung. Im Play-off-Rückspiel am Mittwoch gegen Portugal will sich das Team für die WM in Südafrika qualifizieren.

Dirk A. Leibfried
Portugal erwartet in Bosnien «Hölle auf Erden»
Endspiel, Teil 1. Deco (l.) im Zweikampf mit dem Bosnier Emir Spahic im Relegations-Hinspiel in Lissabon. Die Portugiesen siegten...Foto: dpa

Berlin - Am späten Samstagabend flogen in Sarajevo Leuchtraketen und Neujahrsknaller in den Himmel. Dabei hatte die Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina gerade das Hinspiel der WM-Qualifikation gegen Portugal mit 0:1 verloren. Aber – und das scheint die wichtigste Botschaft aus Lissabon gewesen zu sein: Das Team kann es tatsächlich heute im Rückspiel (20.45 Uhr) schaffen, sich erstmals seit Staatsgründung im Jahr 1992 für eine Fußball-Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Der Tenor ist deshalb im ganzen Land unüberhörbar: „Portugal wird sich wundern!“

Gewundert haben sich die Portugiesen bereits über den Empfang auf dem Flughafen Sarajevo. Dutzende Fans beschimpften, bespuckten und bedrohten die Gäste um Chelseas Star Deco und Werders Stürmer Hugo Almeida. Portugal will beim Fußballweltverband Fifa Protest einlegen, weil die bosnische Polizei am Montagabend tatenlos zugeschaut haben soll. „Das wird alles andere als leicht“, fürchtet Real Madrids Profi Pepe. Rund 15 000 leidenschaftliche Bosnier werden im Stadion Bilino Polje in Zenica einen ohrenbetäubenden Lärm veranstalten. Auf dem Schwarzmarkt zahlte man bereits das Fünffache des regulären Ticketpreises.

In diesen Tagen gab und gibt es in Bosnien-Herzegowina kein anderes Thema als die greifbar nahe Qualifikation. Der bei den Fans äußerst populäre und seit Sommer 2008 amtierende Nationaltrainer Miroslav Blazevic, 74, drückt in martialischer Wortwahl das aus, was die Fans erwarten: „Zenica wird brennen.“ Die Menschen vertrauen ihm, immerhin wurde der einstige jugoslawische Meister im Skilanglauf mit Kroatien 1998 WM-Dritter. Während drei Präsidenten die verschiedenen Volksgruppen und Religionen zu einen versuchen, ist es Miroslav Blazevic wie kaum einem anderen gelungen, ein neues Wir-Gefühl in Bosnien-Herzegowina zu erzeugen.

Keine leichte Aufgabe in einem Land, das seit dem Friedensvertrag von Dayton 1995 in zwei „Entitäten“, die Bosniakisch-kroatische Föderation und die Serbische Republik (Republika Srpska), geteilt ist. Bisher galt die Nationalmannschaft eher als eine Sache der Bosniaken (Muslime), die Kroaten und die Serben orientierten sich – nicht nur was den Fußball betrifft – eher nach Zagreb und Belgrad. Das hat sich dank der jüngsten Erfolge zumindest ansatzweise geändert. Insgeheim werden deshalb wohl nahezu alle 4,5 Millionen Einwohner Bosniens – unabhängig ihrer Volkszugehörigkeit – am Mittwoch dem Nationalteam die Daumen drücken.

Die größten Hoffnungen der bosnischen Fans ruhen zweifellos auf den Bundesliga-Legionären. Edin Dzeko und Zvjezdan Misimovic aus Wolfsburg, auch wenn diese am Samstag eher Mitläufer als Leistungsträger waren, sowie Sejad Salihovic und Vedad Ibisevic aus Hoffenheim stehen stellvertretend für den Aufschwung der Nationalmannschaft in den vergangenen Monaten. In ihrer Heimat sind sie längst Idole.

Trotz der Gelbsperren für Kapitän Emir Spahic (HSC Montpellier), Elvir Rahimic (ZSKA Moskau) und Samir Murativic (SK Sturm Graz) wird Nationalcoach Miroslav Blazevic kaum an seinem geliebten 3-5-2-System rütteln. Nur soll sein Team dieses bedeutend offensiver interpretieren als in Lissabon. Als zusätzlicher Kreativspieler wird deshalb Miralem Pjanic (Olympique Lyon) zum Zug kommen. Der 19-Jährige gilt als größtes Talent des bosnischen Fußballs, musste im Hinspiel aber 86 Minuten auf der Bank schmoren. Blazevic hat auf jeden Fall für das Rückspiel eine Überraschung angekündigt. Ob er damit die Taktik oder bereits das Ergebnis meinte, ließ er offen. Augenzwinkernd fügte er jedoch hinzu: „Die Portugiesen werden sich wundern.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben