SCHREIB Waren : Männerfantasien, Frauenleichen

von

Heute ist der Welttag des Buches. Angesichts immer wieder aufflammender Ängste und Sorgen im Bücherland bietet dies den willkommenen Anlass für eine kleine Ansprache vor dem Bücherregal: „Auch künftig, liebe Freunde, werdet ihr allen Unkenrufen zum Trotz geliebt und geehrt werden. Das glaubt ihr nicht? Internet und E-Books setzen euch zu? Die Jugend liest nicht mehr, hängt nur noch vor dem Computer herum? Gemach!“ Und dann zitieren Sie diese Meldung der „Stiftung Lesen“: „Mehr als 32 000 Schulklassen der Stufen 4 und 5 haben sich in diesem Jahr für die Buch-Gutschein-Aktion angemeldet. Rund 750 000 Schülerinnen und Schüler erhalten im April von ihrer Wunschbuchhandlung ihr persönliches Exemplar des diesjährigen Welttags-Buchs ‚Der Wald der Abenteuer’.“ Bücher, die weiterjammern, müssen Sie zum Seelenklempner schicken, es handelt sich um Hysterie.

Ob „Der Wald der Abenteuer“ zu den Büchern zählt, die eine ganze Kohorte junger Schüler prägen wird, ist noch unklar. Zu den seltenen Exemplaren, die das Denken einer Generation nachhaltig beeinflusst haben, gehört Klaus Theweleits Untersuchung „Männerphantasien“, erschienen 1977 und 1978. Auf rund 1000 Seiten werden hier die Körper-, Politik- und Geschlechterverhältnisse geklärt – von Rudolf Augstein auf die legendäre Formel gebracht „Frauen fließen, Männer schießen“. In den voluminösen drei „Königsbüchern“ untersuchte Theweleit sodann die Produktionsverhältnisse in der Kunst. Grob gesagt: Männlichem Schaffen liegen Frauenleichen zugrunde. Als Nebenthema kristallisierte sich in den neunziger Jahren der „Pocahontas“-Komplex heraus. Nach der indianischen Häuptlingstochter benannt, die dem englischen Kolonialisten John Smith das Leben rettete, geht es darin um koloniale Landnahmen, die männliche Eroberer mithilfe indigener Frauen ins Werk setzten.

Jetzt nimmt Theweleit in „Pocahontas II: Buch der Königstöchter“ Europa in den Blick. Denn auch auf dem alten Kontinent geht es in Bezug auf territoriale Aneignungen im Zeichen ausbeuterischer Geschlechterpolitik keinesfalls freundlicher zu. Paradebeispiel: Medea. Die verliebte Königstocher hilft Jason, das Goldene Vlies zu erbeuten, flieht mit ihm ins Exil – um dann sitzen gelassen zu werden. Theweleit liest die griechischen Mythen neu, um die darin verborgenen Gewaltgeschichten zu rekonstruieren. Die Erzählungen von Frauen und Göttern berichten, so seine These, chiffriert von den (Un-)Taten der eingewanderten Indogermanen. Es geht also um die späteren Griechen, die als Eroberer mittels verführter oder vergewaltigter Königstöchter an die Länder der Königsväter kamen. Am Mittwoch (24.4., 20 Uhr) ist Theweleit im Literaturforum zu Gast, das Gespräch mit ihm führt Sigrid Löffler.

0 Kommentare

Neuester Kommentar