Die Lieblingsbegriffe der Schriftsteller : Zehn Wörter, die die Welt bedeuten

Einst notierte sich Albert Camus in seinem Tagebuch zehn Wörter, die ihm besonders lieb waren. Wir haben Schriftsteller nach den ihren gefragt. Herausgekommen sind 24 Welten en miniature.

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Was sind schon zehn Wörter. Zehn Wörter, die einem etwas bedeuten. Aus denen etwas gewachsen ist. Die sich einem aufdrängen. Unter deren magischem Einfluss alle übrigen Wörter stehen. Die sich, auch wenn man den inneren Kammerjäger losschickt, immer wieder einschleichen. Die von sich aus gesprochen und geschrieben werden wollen. Die sich zum Begriff hin recken und strecken. Sie sind, ist zu fürchten, alles und nichts. Eine Summe. Ein Kreis. Eine Konstellation. Ein Glitzern in der Preziosenschatulle. Das nie losgewordene Gerümpel im Keller.

Die 24 Autoren und Autorinnen, die den zehn bevorzugten Wörtern, die Albert Camus einst in seinem Tagebuch notierte, nun ihre eigene Liste hinzufügen, wussten genau, dass sie irgendetwas zwischen Kinderspiel und Herkulesaufgabe vor sich hatten. Entsprechend unterschiedlich reagierten sie. Die eine hatte schlaflose Nächte, der andere schickte postwendend seine Antwort: Man müsse solche Dinge mit samuraihafter Entschlossenheit und Selbstvergessenheit betreiben.

Wieder ein anderer bot gleich zwei Wortreihen an. Er sei in beiden gleichermaßen zu finden, auch eine dritte und vierte Reihe würden ihm einfallen. Noch ein anderer fürchtete, dass seine Antwort als Psychogramm gelesen werden könne. Das vertrage sein metamorphosensüchtiges Herz nur schlecht. Ein Letzter schob die Auskunft mit der für Schriftsteller erstaunlichen Begründung vor sich her, er denke nicht in Wörtern.

Die Lieblingswörter der Schriftsteller
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1 von 18Foto: picture alliance / dpa
09.10.2013 12:23

Die Ergebnisse verraten nicht, unter welchen Mühen oder mit welcher Leichtigkeit sie zustande gekommen sind. Aber sie zeigen in ihrer Bandbreite, welche Konzentrate jenseits der klassischen, Camus beerbenden Form möglich sind. Leitideen, Schicksalsformeln, Stoßseufzer, Fundstücke, Silbenklauberisches und Fast-Gedichte: All das findet sich hier und entwirft in den allermeisten Fällen tatsächlich auch ein Bild der schreibenden Person. Insofern ist die Angst des Autors berechtigt, er leiste einen Offenbarungseid. Nur tut er das in jedem Stück Literatur nicht erst recht? Das vereinzelte Unbehagen steckt wohl eher im Zwang, sich auf so schmalem Raum festzulegen. Der Endgültigkeitsgrad im ansonsten so Vorläufigen, das sich umarbeiten und ergänzen lässt, ist höher als beim kürzesten Gedicht. Andererseits kann es auch eine tröstende Gewissheit sein, herauszufinden, unter welchen Himmeln man sich bewegt.

Die Internationalität der beteiligten Autoren mag schon mangels Masse eingeschränkt sein. Der kulturelle Weitblick, der sich bei einer wirklich globalen Erhebung gewinnen ließe, ist aber nichts gegen die Übersetzungsverluste, die schon vor der europäischen Haustür drohen. Auch vermeintlich einfache Begriffe haben eine Lautgestalt, ihre etymologischen Ober- und Untertöne, und so weist der Ungar László Krasznahorkai darauf hin, dass in der deutschen Version seiner Liste die Bedeutungsvielfalt seiner Schlüsselwörter nicht annähernd mitschwingt. Und ist Sibylle Lewitscharoffs Fluch „Herrgottzack“ nicht so schwäbisch eingefärbt, dass man ihn schon in Hamburg mit einer neptunischen Waffe verwechseln könnte?

24 Welten en miniature sind zu entdecken: voller Gemeinsamkeiten und voller Individualwunder, verbunden auch durch eine erstaunliche Absenz. Niemand spricht – und das ist eine Beobachtung, kein Wunsch – offen von der Schönheit.


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