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Gern zitiert. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

© dpa

MEDIA Lab: Mehr Sachverstand!

Stephan Russ-Mohl wundert sich über die Distanz zwischen Ökonomen und Journalisten - und wünscht sich Besserung

Grexit und Euro, Energiewende, TTIP – die meisten wichtigen politischen Themen haben eine starke ökonomische Komponente. Umso verwunderlicher ist es, wie wenig wirtschaftswissenschaftlichen Sachverstand die Medien einfordern. Das Ökonomen-Ranking des Forschungsinstitut Media Tenor belegt, dass eigentlich nur zwei deutsche Forscher gelegentlich in den Massenmedien präsent sind – die Präsidenten der beiden führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, Hans-Werner Sinn und Marcel Fratzscher. Ausgewertet wurden 3500 Zitate aus 32 Meinungsführer-Medien.

Interessanterweise befinden sich unter den ersten 15 der Rangliste mehrere angesehene Forscher, die im Ausland leben – etwa der französische Kapitalismus-Kritiker Thomas Piketty oder der US-Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman. Sie stehen deutschen Redaktionen sicherlich nicht als Recherchepartner zur Verfügung, sondern werden aus anderen Medien zitiert. Fast alle anderen, die für Journalisten eher zugänglich wären, bewegen sich unterhalb des Radarschirms. Es gibt in Deutschland über 90 Hochschulen, die Wirtschaftswissenschaften anbieten, folglich Hunderte von Professoren und Tausende von Wirtschaftsforschern, von denen man kaum je etwas erfährt.

Wozu das führt? Dass zum Beispiel einem ökonomischen Grundtatbestand vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde: den mafiös-oligarchischen Strukturen in Südosteuropa. In ihnen versickern immer wieder Abermilliarden von EU- und Hilfsgeldern. Schenkten die Journalisten den Politikern und ihren eigenen Kollegen etwas weniger und den Wissenschaftlern etwas mehr Gehör, würde sich vermutlich auch die Qualitätspresse weniger in Lager spalten. Denn irritierend ist es ja doch, wie oft die Leser des „Spiegel“ und der „Süddeutschen Zeitung“ ganz anderes über Griechenland erfahren als die der „FAZ“ und der „Neuen Zürcher Zeitung“.

Stephan Russ-Mohl

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