Film über Tanzkunst : Wim Wenders' "Pina" im TV

Mit „Pina“ hat Wim Wenders’ der Choreografin Pina Bausch und ihrer Tanzkompanie ein filmisches Denkmal gesetzt. Jetzt ist es als TV-Premiere auf Arte zu sehen. Eine Liebeserklärung.

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Schwebend unter der Wuppertaler Schwebebahn. Wim Wenders’ Tanzmusik-Dokumentarfilm „Pina“ hat etwas Kontemplatives an sich und lädt zum Innehalten ein. Foto: Arte
Schwebend unter der Wuppertaler Schwebebahn. Wim Wenders’ Tanzmusik-Dokumentarfilm „Pina“ hat etwas Kontemplatives an sich und...

Wie stellt man es an, einen Film über etwas umzusetzen, das so flüchtig ist wie das Theater, wie das Tanztheater zumal? Eine Kunst, die nach ihrer einmaligen Aufführung bereits wieder verflogen ist. Eine vollkommen momentbezogene Kunst. Irreversibel. Pina Bausch, die renommierte deutsche Choreografin, Jahrgang 1940, und Wim Wenders, der renommierte deutsche Filmregisseur, Jahrgang 1945, lernten sich bereits im Jahr 1985 kennen, in Venedig, nach einer Tanzaufführung. Eine Freundschaft entstand, die über 20 Jahre anhielt. Seither schwebte der lose Plan im Raum, einmal einen Film über ihr Wuppertaler Tanztheater zu machen. Festzuhalten und zu dokumentieren, was so flüchtig und vergänglich ist.

Wim Wenders wusste über lange Zeit nicht, wie man dies überhaupt angehen könnte, wie dies gelingen mag, wie all die schnellen, synchronen Tanzbewegungen mit der Kamera festzuhalten wären, all die Mimik und Gestik, die Sprache und Bewegung, die Musik und die Tonalität. Wenders sah einfach kein geeignetes Medium dafür: Denn sein Medium, der Film, in all seinen experimentellen Formen, ob nun auf der großformatigen Leinwand oder auf dem kleinformatigen Bildschirm, wird stets nur zweidimensional wiedergegeben. Etwas, was er für Pina Bauschs Tanzkunst als nicht adäquat betrachtete, als nicht ausreichend: Die dritte Dimension fehlte Wenders für Bausch.

Die Vorbereitungen beginnen, Pina Bausch stirbt

Bei der Weltpremiere des digital produzierten 3-D-Konzertfilms „U2 – 3-D“ der irischen Rockband U2 auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2008 kommt Wenders schließlich die zündende Idee: 3-D ist das richtige und einzige Medium für den seit Jahren geplanten Tanz- und Musikfilm über und vor allen Dingen mit Pina Bausch. Die Vorbereitungen beginnen, Pina Bausch wählt vier Stücke aus dem Repertoire aus – „Café Müller“, „Le Sacre du Printemps“, „Kontakthof“ und „Vollmond“ – und setzt diese wieder auf den Spielplan der anstehenden neuen Spielzeit 2009/2010. Dann stirbt sie, am 30. Juni 2009, plötzlich und unerwartet. Sie wird 69. Das Team um Wenders steht nur wenige Wochen vor Drehbeginn. Ein Schock geht durch das Wuppertaler Ensemble und durch die Tanzwelt, Wim Wenders stoppt daraufhin umgehend die Produktionsvorbereitungen des 3-D-Films und sagt diesen schließlich ganz ab. Doch das trauernde Tanz-Ensemble möchte diesen Film realisieren, auch wenn er nun nicht mehr mit Pina Bausch sein kann, so doch über sie. Und nun vor allem: für sie.

„Pina“ – das impliziert allein schon der knappe Titel – ist eine Hommage an die Choreografin, an ihre Tanzkunst, an ihr Wuppertaler Ensemble auch. Wenders’ Film, auf der Berlinale 2011 uraufgeführt und für den Oscar nominiert, zeigt die vier ausgewählten Stücke, die das Ensemble auf der Theaterbühne in verschiedenstem Dekor neu aufführt und die Kamera dabei um sie herumfährt, zwischen ihnen hindurch, der Zuschauer also mittendrin ist; zeigt einige wenige dokumentarische Aufnahmen; und zeigt die einzelnen Tänzer, in Studio-Porträt-Aufnahmen, sich an Pina erinnernd, sie assoziierend, über sie sinnierend. Sowie einzelne Tanzsequenzen im unmittelbaren urbanen Umfeld: in den Straßen Wuppertals, unter der Schwebebahn, oder anderswo, auf freiem Feld. Diese drei Elemente verwebt Wenders miteinander zu einem Ganzen. Zu einem brillanten, mitreißenden 3-D-Film. Und, trotz all der Musik und der Bewegung und auch der Trauer noch in den bewegten und bewegenden Gesichtern des Tanzensembles – „Pina“ ist ein ganz ruhiger, ganz stiller, ganz leiser Film geworden. Unaufgeregt, weit weg von allem Lauten und Schrillen und Bunten. Teilweise hat dieser Tanzmusikdokumentarfilm etwas Kontemplatives, etwas, das zum Verweilen einlädt, zum nachhaltigen Innehalten. Zum Abschalten von allem tosenden Treiben draußen in der modernen atemlosen Welt. „Pina“ ist Meditation.

„Pina“ – mit dem wunderbar melodischen, harmonierenden Soundtrack unterlegt, darunter das leitmotivische, von Jun Miyake erstellte „Vollmond“-Stück „Lilies of the Valley“ – ist natürlich zuvorderst die Liebeserklärung an die verstorbene Choreografin. Das filmische Denkmal einer radikalen Tanz-Künstlerin. Ein Film auch über einen großen Verlust. Und es ist die von ihr selbst gewünschte, nachvollziehbare Abbildung ihrer Tanzkunst. Plastisch greifbar. Dreidimensional. Vielleicht hätte sie es sich genau so gewünscht. Der vielsagende Untertitel von „Pina“ lautet in aller Konsequenz: „tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“.

„Pina“, Arte, 20 Uhr 15

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