Tageszeitung „Népszabadság“ eingestellt : Nachtstern über Aurora

Erst eingestellt und jetzt zum Verkauf gestellt: Ungarns führende Tageszeitung „Népszabadság“ steht vor ungewisser Zukunft. Stirbt wieder ein Stück Pressefreiheit?

Stimme des Volkes. „Volksfreiheit“ steht für „Volksrepublik“. Ein Demonstrant in Budapest betont den Wert und die Qualität der am Wochenende eingestellten Zeitung.
Stimme des Volkes. „Volksfreiheit“ steht für „Volksrepublik“. Ein Demonstrant in Budapest betont den Wert und die Qualität der am...Foto: AFP

Am vergangenen Samstagabend gab es für die Journalisten der „Népszabadság“ Freibier. Die Redakteure von Ungarns führender Tageszeitung trafen sich in einem selbstverwalteten Kulturzentrum namens Aurora. Dabei gab es für sie nichts zu feiern. Ihnen allen war unmittelbar zuvor von ihrem Arbeitgeber Mediaworks Hungary Zrt. offiziell gekündigt worden. Mediaworks gehört zu Vienna Capital Partners (VCP).

Die überraschende Einstellung der „Népszabadság“ (Volksfreiheit), die zuletzt immerhin eine gedruckte Auflage von 40 000 Exemplaren hatte, markiert möglicherweise das Ende des unabhängigen Journalismus in Ungarn. Wie alle zu Mediaworks gehörenden Redaktionen wollten wir am Wochenende umziehen. Als wir unsere alten Büros am Freitag verließen, hatten wir alles in Kisten verpackt, auch unsere persönlichen Dinge. Am Sonntag sollte in den neuen Büros eine Willkommens-Party stattfinden. Es hieß, dass sogar die Pizza schon bestellt sei. Doch am Samstag hatte sich die Welt von Grund auf geändert.

Das erste verdächtige Signal war die Tatsache, dass Google mitteilte, unsere Mail-Adressen würden nicht mehr bestehen. Dann erfuhren die meisten von uns aus anderen Medien, dass der gesamte Account nol.hu nicht mehr existiert. Wenig später informierte Mediaworks die nationale Nachrichtenagentur MIT, dass „Népszabadság“ mit sofortiger Wirkung „vorübergehend“ eingestellt worden sei. Jeder Redakteur erhielt einen von einem Motorradkurier persönlich zugestellten Brief. Nachdem die Vorbereitung eines solchen Coups länger dauert als eine Nacht, gehen wir von einer sorgfältig geplanten Maßnahme aus.

„Vorübergehend“ meint auch die Einstellung der stark nachgefragten Online-Ausgabe samt Archiv. So kann niemand mehr die Enthüllungen der jüngsten Zeit nachlesen. Zum Beispiel, dass sich Antal Rogán, der Kabinettschef von Premierminister Viktor Orbán, mit dem Regierungshelikopter zur privaten Hochzeit eines Freundes fliegen ließ. Oder dass György Matolcsy, der Präsident der ungarischen Nationalbank, für seine Freundin dort einen lukrativen Job gefunden hatte. Viele Menschen empfinden die plötzliche Schließung nicht nur als unfreundlichen kapitalistischen Akt, sondern als letzten Versuch, die Pressefreiheit in Ungarn endgültig zu zerstören.

Manche mögen mit den liberalen Ansichten der Zeitung gehadert haben, aber niemand konnte die Qualität der Berichterstattung in Zweifel ziehen. Die Zeitung war das letzte Bollwerk journalistischer Professionalität. Dafür spricht auch, dass ihre Informationen zum größten Teil von anderen nationalen und internationalen Medien übernommen wurden. Das gilt umso mehr, als die Regierung Orbán Kontrolle über die nationalen Medien zu bekommen versucht. So erwarb Ende letzten Jahres der ungarisch-amerikanische Filmproduzent Andrew G. Vajna mit der TV2-Mediengruppe den zweitgrößten privaten Fernsehsender des Landes. Vanja, seit 2011 auch Regierungskommissar für Ungarns Filmwirtschaft, konnte auf die Mithilfe der in Staatseigentum befindlichen Exim Bank bauen und auf die Billigung der Wettbewerbsbehörde.

Es ist von daher kein Zufall, wenn die Regierung nun die Sichtweise von Mediaworks teilt. Dies ist nichts als Zynismus in einem Land, das keinen wirklich freien Medienmarkt mehr besitzt. So kommt die kürzlich gegründete rechtskonservative „Magyar idök“ mit einer gedruckten Auflage von 3000 Exemplaren bestens über die Runden. Kein Wunder: Dieses Medium, das auch einen Online-Auftritt hat, dient der großen patriotischen Mystifikation.

Am Sonntag gingen wir Redakteure zu den neuen Büros von Mediaworks, um an der Montagsausgabe von „Népszabadság“ zu arbeiten. Nur Chefredakteur András Murányi durfte das Gebäude betreten, musste das Haus aber unverrichteter Dinge wieder verlassen. Hinter der Schließung steht keinerlei ökonomische Vernunft. Wie Murányi sagte: Die Entscheidung wurde eindeutig von etwas anderem motiviert. Nachdem die Redaktion von „Népszabadság“ ihre journalistische Arbeit fortführen will, brauchen wir jetzt jede Unterstützung. Zum Beispiel einen Eigentümer, der die Marke „Népszabadság“ wirklich neu beleben will.

Der Autor dieses Texts, Redakteur von „Népszabadság“, will ungenannt bleiben. Er ist dem Tagesspiegel namentlich bekannt. – Aus dem Englischen von Gregor Dotzauer

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