100 Jahre Axel Springer : Buhmann und Beelzebub für die halbe Republik

Mit seinen Zeitungen wollte Axel Cäsar Springer, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, Politik machen. Und doch begrenzte er selbst seinen Einfluss: durch seinen unerbittlichen Kampf gegen den Zeitgeist – oder was er dafür hielt.

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Der Zeitungsverleger Axel Caesar Springer auf einem undatierten Foto. Er starb in Jahr 1985 und wäre am 2. Mai dieses Jahres 100 Jahre alt geworden.Weitere Bilder anzeigen
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02.05.2012 12:24Der Zeitungsverleger Axel Caesar Springer auf einem undatierten Foto. Er starb in Jahr 1985 und wäre am 2. Mai dieses Jahres 100...

Dem Konzern, der seinen Namen trägt, geht es vorzüglich – letzter Jahresumsatz 3,2 Milliarden Euro. Die maßgebende Gesellschafterin des Medienimperiums, Friede Springer, seine Witwe, arbeitet in seinem alten Büro, in dem alles so geblieben ist, wie es war. So sei er ihr irgendwie nah und gebe ihr Kraft. Der Vorstandsvorsitzende, Mathias Döpfner, Jahrgang 1963, hat Axel Springer zwar nicht mehr persönlich kennengelernt, aber er und das Unternehmen halten den Ruhm des Firmengründers entschlossen hoch, zumal in diesem Jahr, in dem er am heutigen Mittwoch, 100 Jahre alt geworden wäre. Mehr denn je sei Axel Springer lebendig, in diesem Unternehmen und weit darüber hinaus, hat Döpfner beim diesjährigen Neujahrsempfang des Verlags erklärt.

Und es trifft ja zu, dass Springer und sein Werk wie ein Monument in die politische und publizistische Geschichte der Bundesrepublik hineinragen. Beide, Mann und Lebenswerk, haben in ihrer Weise Geschichte geschrieben, durchaus vergleichbar mit den großen Bewegern der Politik, im Medienbereich ausgerechnet mit Rudolf Augstein, Springers Hamburger Weggefährten, politischem Antipoden und leidenschaftlichem Gegner. Der war zwar wirtschaftlich ungleich weniger erfolgreich, hat dafür aber vermutlich den größeren politischen Einfluss ausgeübt. Den begrenzte Springer durch sich selbst, durch sein missionarisches Temperament, seine monomanische Unbeirrbarkeit, seinen Krieg gegen den Zeitgeist oder das, was er dafür hielt. So ist er eine treffende Illustration des Schillerwortes über Wallenstein: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt,/ schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Nur dass es nicht allein die Parteien waren, sondern nicht zuletzt seine hoch komplizierte Persönlichkeit, die ihn zu einer der umstrittensten Gestalten in der Nachkriegsgeschichte gemacht hat.

Dabei hat sich das öffentliche Bild Springers seit der Wiedervereinigung durchaus verändert. Auch an Springer-Gegnern, die sicher waren, längst mit ihm fertig zu sein, nagt mittlerweile der Zweifel, ob man ihm nicht wenigstens zubilligen müsse, in Sachen deutsche Wiedervereinigung recht behalten zu haben. Sogar seine aggressive Ablehnung der 68er-Rebellen lässt nicht mehr automatisch den alten Springer-Hass aufspringen, seitdem sich herausgestellt hat, wie zielstrebig die Ost-Berliner Propagandisten dabei waren, die linke Szene zu unterwandern, und wie bereitwillig viele der Revolutionshelden den Ost-Berliner Manipulatoren auf den Leim gingen. Eine Entdeckung wie die, dass der Ohnesorg-Mörder Stasi-Mitarbeiter war, hat ohnedies die alten Feinbilder gewaltig ins Wackeln gebracht.

Umso mehr beeindruckt vor dem Hintergrund seines 100. Geburtstags die Gestalt Axel Springer, die die eminente Verkörperung eines Kapitels der Zeitgeschichte darstellt, ihrer dynamischen Möglichkeiten wie ihrer Zäsuren und Abwege. Da ist der junge Mann aus einem kleinen Hamburger Zeitungsverlag, der mit Begabung und Glück zu einem Verleger wird, in dem das Deutschland des Wirtschaftswunders sich wiederfindet.

Sein Sensorium für die Aufstiegs- und Normalitätssehnsucht der Deutschen lässt ihn zu einem Zeitungsmacher von Format und höchst erfolgreichen Unternehmer werden. Doch dieses Glückskind, reich und bewundert, stürzt auf der Höhe seiner Laufbahn in das Loch öffentlicher Ungnade und wird für die halbe Republik zum Buhmann und Beelzebub. Überdies umschließt dieses Leben eine merkwürdige innere Wandlung, die aus einem jugendlichen Dandy und Lebemann einen Gottsucher und erztraditionellen Lutheraner macht.

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